1. Ich hasse Illies.
Zum Thema: Pop sind 100 Zeilen Hass.
Damals, als Generation Golf veröffentlicht wurde, fühlte ich mich angepinkelt. Von den ganzen, nicht so häufig lesenden Menschen in meinem Umfeld, mit denen man zu jener Zeit Abends bei einem Bier saß, und die einen regelrecht zugeschwallt haben. Mit den Passagen über die Kindheit in den 70er/80er-Jahren. Mit ihren Lobhudeleien. Wie toll das doch alles in dem Buch beschrieben würde, wie schön man da doch in alten Kindheitserinnerungen schwelgen könne und wie gut der Mann schreibe und “willst Du noch ein Bier oder langweile ich dich gerade?” Prost.
Als Florian Illies dann auch noch bei Schmidt geladen war, vermutete ich, daß das ja einen tieferen Grund haben müsse. Zu Schmidt wurde man ja nur eingeladen, wenn man entweder etwas ganz wichtiges, oder absolut gar nichts zu sagen hatte, oder Moderatorin bei Viva war. Illies stellte sich bei Schmidt nicht unbedingt dumm an. Und deshalb besorgte ich mir “Generation Golf” gleich am darauf folgenden Tag. Hardcover. Nichtmals reduziert.
Und Nachts, als ich diese Kaskade der Substanzlosigkeit innerhalb von 3 Stunden oder so durch hatte, war ich nicht nur enttäuscht, sondern fühlte mich regelrecht persönlich beleidigt. Nicht nur von Illies, sondern auch von den ganzen lieben Bekannten und Freunden, die mir diesen in Buchstaben gegossenen Tand so vehement empfohlen hatten. Schmidt eingeschlossen.
(Randnotiz: Würde ich den Text hier enden lassen, wäre das ein typischer Illies-Text. Stelle ich gerade fest…)
Generation Golf war schlichtweg belanglos. Daß ich als Kind mit dem Playmobilpiratenschiff in der Badewanne hockend immer Samstags ein allgegenwärtiges Heilewelt-Gefühl hatte, wußte ich auch vorher. Dazu braucht es niemanden, der mir das nochmal langweilig aufbrüht. Aber Illies machte in jenem Buch genau das. Und genau das hatten Menschen wie Goldt oder sogar Stuckrad-Barre vorher irgendwie besser und tiefergehender gemacht. Wenn ich da alleine an Max Goldts halsbrecherische Glaubensfrage denke, ob man denn früher Geha oder Pelikan war. Das hatte Klasse. Das hatte Substanz. Das hat Illies nicht. Generation Golf las sich für mich unterm Strich wie ein Panini-Album der Erinnerungen. Ausser Foto und Name gibt es nichts weiter zu sehen. Blättern durch Erinnerungs-Stenographien. Braucht das wer, wenn’s sowas auch mit Inhalt gibt?
Richtig sauer war ich jedoch, als ich bei Hugendubel an der Kasse plötzlich Generation Golf 2 nebst Kassenbon in der Hand hielt, und feststellen musste, daß ich mal wieder auf meinen Freundeskreis und die Medien reingefallen war.
Wieder Hardcover. Wieder nicht reduziert. Doch diesmal bereits nach 20 Seiten weggelegt und nie wieder angefasst. Und ich verwette die ersten beiden Teile, daß ich bei Teil 3 auch wieder an der Kasse stehe. Wieder Hardcover. Wieder…
Und deshalb hasse ich Illies.


8. November 2004 um 18:48
Endlich mal jemand, der das genauso sieht. Danke, Herr Shhhh, danke.
Ich schlage folgendes vor. Wir betreiben ein eigenes Weblog und berichten da über unsere Erfahrungen mit den Zeichen der Zeit (Fotohandy, ITunes Shop, IBooks, IPod, Filesharin, Spammails, George W. Bush, Dschungelsendungen, etc.). Dann packen wir das in 20 Jahren in ein Hardcover (oder was man dann so als Buch bezeichnet) und können uns locker machen.
That’s entertainment. Je mehr Mitnicker umso erfolgreicher.
Das erklärt den blendenden Erfolg von 70er, 80er, 90er Shows und sonstigen “Top 5-Konzepten” (dank an Mr. Cusack).
8. November 2004 um 18:59
Selber schuld… oh, das weißt Du?
Illies hat die 70er/80er einfach der Persepektive des ewigen BWL Studenten geschrieben, der schon mit acht Jahren einer war und es mit 80 immer noch sein wird. Ein Popper. Muss man mehr sagen? Wer liest schon Sachen von Poppern. Dummerweise waren eben die meisten Popper, oder wären es gerne gewesen, dummerweise haben die meisten im Golf vom Mami zum erste Mal einen Orgasmus gehabt, und nicht im selbstgekauften R4 oder Käfer. Dummerweise waren es eben schon immer Langweiler, die nie über den eigenen Tellerrand rausschauen konnte. Wozu auch, anderen machten es ja genauso. Aber das ist alles nicht so schlimm.
Was ich Illies echt ankreide ist nicht seine langweilige Vergangenheit, da kann er nur teilweise für. Weswegen ich ihn wirklich nicht leiden, ist der Umstand, dass er diese ganze Retro-Kacke losgetreten hat. Vor allem diese Ost-Literatur, bei der man nur zum Schluss kommen kann, dass alle doof waren und sich heimlich auf Marianne Rosenberg einen runtergeholt haben: Diese völlige vereindimensionalisierung des Ostens. Die wenigen Bücher/Filme, die das nicht gemacht haben (z.B. Führer Ex) sind in dem ganzen “ach, das war schon toll, die Club Cola” Gewimmere untergangen.
9. November 2004 um 00:00
Ich war schon entsetzt als Westdeutscher in Jana Hensels Zonenkinder aber auch gar nichts zu lesen, was ich nicht wußte. Einfach Illies “Konzept ” von Produkt = Erinnerung = Kindheit übernommen und ab in den Kulturteil!
Und natürlich war I. kein Popper -er wollte nur einer sein. Und so holt man seine Vergangenheit halt in zwei Hardcovern nach. Bleibt zu hoffen, daß Menschen mit ähnlichen Gelüsten sich heute aufs bloggen beschränken.
(Ach, und auch nie wieder Bücher, die den Autor als ehemaligen Autoren der ehemaligen Berliner Seiten der Faz ausweisen, die hätten zwar auch schlechter sein können, aber außer arbeitslosen Redakteuren vermisst die auch keiner) cu
9. November 2004 um 09:40
Herr Dahlmann, das mit Illies und der Retrokacke, da gebe ich Ihnen nur bedingt recht. Illies ist da recht früh (ich glaub 2000) auf einen Zug aufgesprungen, würd ich mal behaupten. Der eigentliche Retroschub kam ja eher aus UK, mit Bands wie Zoot Woman, Ladytron meinetwegen auch, und eben dem ganzen modischen Schnickschnack drumherum. Auch die angesprochene “Ostalgie” (UNWORT!) ist ein Jahr vorher durch “Sonnenalle” losgetreten worden.
Illies hat aber sicherlich dazu beigetragen, das diese Retro-Phänome so billig ausgeschlachtet wurden. Das kann man ihm durchaus ankreiden. Ich kreide ihm aber eben auch eher an, daß er, wenn man ihn denn als Popliteraten bezeichnet, billigen Formatpop macht. Daß er in meinen Augen nichts anderes ist, als das Äquivalent zum “Sampler”, zu “Bravo-Hits”, zur “Kompilation”, zur Milchkuh der Plattenindustrie. Die Milchkuh, die letztlich dafür gesorgt hat, daß wir nur noch Scheiße um die Ohren gedröhnt bekommen, weil jeder einen Top-Ten-Hit produzieren will, um möglichst schnell möglichst breit vermarktet zu werden.
Illies ist die Sarah Connor der deutschen Literatur!
9. November 2004 um 12:15
Illies mag nicht die alleinige Ursache der Retrowelle sein, aber er hat es zu verantworten wenn ich demnächst einen Alt-68er oder Jungfuchs erwürge weil er mich mit »ach Du bist ja auch aus der Generation Golf«. Er hat der hirnreduzierten Masse eine einfache Schublade gegeben und dafür verabscheue ich ihn.
Und ja, er ist ein Popper. Während ich niemals einen Golf hatte, dafür aber einen rostenden Käfer Bj.68.
9. November 2004 um 17:11
das schlimmste an diesem buch ist doch, dass uns herr illies bezichtigt GOLF zu fahren.
Wenn ich mir irgendein Auto NICHT kaufen würde, dann ist das der GOLF.
Ein Golf steht so ziemlich für all das, was ich nur verachten kann:
Mittelmass, Vernunft, Nettigkeit, Kompromissbereitschaft, Engstirnigkeit, Mutlosigkeit, Langeweile, Political Correctness, sich mit dem zufrieden geben, was man hat
9. November 2004 um 17:35
Au, Herr Schorsch, da fällt mir gerade was ein!
“Ein Blog steht so ziemlich für all das, was ich nur verachten kann: Mittelmass, Vernunft, Nettigkeit, Kompromissbereitschaft, Engstirnigkeit, Mutlosigkeit, Langeweile, Political Correctness, sich mit dem zufrieden geben, was man hat…”
So sieht der Satz wesentlich besser aus! Haha!