4. Ich hasse den Rolling Stone.
Zum Thema: Pop sind 100 Zeilen Hass.
Nein, es liegt nicht am Layout. Das ist zwar nicht mein Fall, aber konsequent und konsistent, und das muß man dem Rolling Stone zu Gute halten: Man weiß, was zu erwarten ist, wenn man ihn aufschlägt. Leider trifft das auch auf den Inhalt, vielmehr die inhaltliche Auseinandersetzung mit Popmusik zu. Und da ist der Knackpunkt. Ja, ich gestehe, mein Gehirn beginnt zu bluten, sobald ich durch den Rolling Stone blättere.
Aber Moment! Spulen wir noch mal zwei, drei Sätze zurück. Da stand was mit “Popmusik” und “Auseinandersetzung”. Ich bin kein Musikjournalist, das sage ich ja immer wieder. Der einzige Schnittpunkt zwischen mir und Musik ist, das ich selber welche mache. Oder mir zumindest einbilde, das zu können. Will heißen, wenn ich was höre, weiß ich zumindest, wie es gemacht wurde, wo getrickst wurde, warum dieser und jener Part entweder wie tonale Grütze oder geniale Scheiße klingt - Pardon, Musiker-Slang. Dass ich Musik mache, bedingt letztlich auch, daß ich mich mit Musik zumindest sachlich auseinandersetzen muss, oder wenigstens kann. Will heißen: Egal wie scheiße etwas sein mag, ich höre es mir zumindest erst mal an, und wenn es zwar schlimm ist, aber dennoch gut gemacht, dann sage ich auch dementsprechend: “Ja, is zwar schlimm, aber dennoch gut gemacht, sag ich ma so!”
Beim altehrwürdigen Rolling Stone sieht das jedoch - zumindest für mein Empfinden - ganz, ganz, ganz, ganzganzganz anders aus. Zum einen hat die Redaktion sich ja auf die Fahne geschrieben, ganz klar in Altherren-Rock-Klischees zu schwelgen, zu denken, und zu schreiben. Beim Stone sind jedoch Alt-Herren-Rock-Klischees keine klassischen Alt-Herren-Rock-Klischees, sondern klare Aussagen wie: Beatles sind Gott (obwohl Pop! und kein Rock!), und Stones auch, und wenn Bob Dylan pupst ist das ein Wink Gottes, und wenn die White Stripes eine neue Platte rausbringen, dann melden sich nicht etwa zwei bleichgesichtige Blues-Interpreten, die zu viel Blues gehört haben zu Wort, sondern Gottes vergessene Kinder, oder so.
Alles andere gibt es nicht. Sagt der Rolling Stone. Das ist generell ja nicht schlimm, denn für den Metal Hammer gibt es ja auch keinen Pop, für die De:Bug keinen Punk und für die Spex keine leicht zugänglichen Platten, die in Besprechungen besprochen werden, die jedermann versteht, oder gar irgendwas mit der Platte zu tun haben könnten. Aber die letztgenannten Magazine machen wenigsten keinen Hehl daraus, hinterm Punkt nur eine Nische, ein Genre, eine Richtung und vor allem einen Stil zu bedienen.
Für den Stone gilt das nicht. Für den Stone gibt es nichts weiter als Beatles, Stones (wegen des Namens, haha!), Dylan und die Fanta 4 (wegen der Deutschquote, haha!). Keinen weiteren Stil, keine weitere Richtung, keine Innovationen, keine Neuentwicklungen, nichts. Und das ist irgendwie ziemlich bemerkenswert für ein (Achtung!) “Musikmagazin” aus dem Axel-Springer-Young-Media-Haus. (OK, manchmal sieht man im Rolling Stone auch ein Foto der Strokes , aber nur weil die auf Fotos eben jünger und besser aussehen, als die Stones oder Dylan oder die Fanta 4 jetzt. Meint man.)
Und ja, ich gestehe, ich hasse den Rolling Stone, nicht nur aus einer völlig subjektiven, voreingenommenen, arroganten, überheblichen Position heraus, sonder auch, weil ich mit elektronischer Musik sozialisiert wurde.
Laut Rolling Stone hat sowas jedoch nicht stattgefunden. Elektronische Musik, wo kommen wir denn da hin?


11. November 2004 um 17:22
ein guter freund von mir meinte neulich, er kaufe sich den rolling stone regelmässig. nicht wegen des layouts, wegen der autoren, wegen des einen musikstils, sondern wegen der selbstgefälligen schreibe die er sonst nirgends in der art gefunden hätte.
auf die frage, was ihm die denn bringe meinte er dann nur: “damit ich weiss, wie ich gegen diese selbstgefälligkeit argumentieren kann und anderen klarmachen kann, warum ein album den kauf absolut nicht wert ist.”
know your enemy…
11. November 2004 um 17:29
Ich habe nach der letzten Ausgabe von “Sounds” (die älteren unter uns werden sich noch erinnern) aufgehört, Musikzeitschriften zu lesen. In der Zeit davor (also in den frühen 80ern) habe ich vergleichenderweise gelegentlich den Stone zugekauft und fand ihn damals auch schon kagge.
Ich glaube, meine Verzicht auf Musikzeitschriften hat die Entwicklung meines Musikgeschmackes fast ebenso geprägt, wie mein Verzicht auf MTV und VIVA ab Mitte der 90er.
12. November 2004 um 08:59
der amerikanische rolling stone war bis vor ein paar jahren trotzdem pflichtlektüre - nicht wegen der beiträge zur musik, sondern wegen der extrem gut recherchierten, teilweise auch überlangen artikel zu politik und gesellschaft. journalismus vom feinsten, findet man heute kaum noch.
17. Januar 2005 um 18:26
Rolling Stone Magazin ist in Deutschland doch eigentlich eh nur einer von vielen Formaten (dieses Wort ist jetzt Absicht!) aus dem AXEL SPRINGER Verlag.
Wirkliche Bedeutung in Deutschland möchte ich anzweiflen. Viele Grüsse und viel gute Musik noch wünscht Akashi
15. April 2006 um 14:02
Okay - ich gebe es zu: Ich kaufe den Rolling Stone seit Jahren regelmäßig - wegen der Plattenkritiken und der Übersetzungen der Artikel der US-Ausgabe. Die Beiträge der deutschen Redaktion sind in der Regel unerträglich - sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Das Schlimmste am Rolling Stone aber ist die dumpfe Borniertheit der AutorInnen. Da wird intolerant und Alte-Säcke-mäßig gegen Tokio-Hotel-Fans gehetzt, da werden Besucher von Konzerten der Band Fehlfarben gemaßregelt, weil sie sich unmöglicherweise erdreistet hatten, den Titel ‘Es geht voran (Geschichte wird gemacht’ hören zu wollen, da wird die Konkurrenz (Spex etc.) beschimpft, weil sie an dem Arctic-Monkeys-Mythos ‘Erst im Internet die Fans erobert, dann ein eigener Plattenvertrag’ mitgestrickt haben soll - dumm nur, dass der RS Anfang 2006 selbst noch begeistert über den Netz-gestützten Aufstieg der Monkeys berichtet hatte. “Setzen -sechs!” möchte ich den Damen und Herren da ins Gesicht brüllen, aber sie würden wahrscheinlich milde lächelnd irgendetwas von medoikrem Mäandern malader Musikrezipienten faseln und eine ‘Steeleye-Span’-Scheibe von 1975 auflegen.