Monatsarchiv für Dezember 2004

 
 

Ein Großteil meines Haupthaares ergraute 2004. Vorwiegend kurz vor dem Einschlafen.

Oder: So war 2004.

Letztes Jahr, im alten Domizil: Ich erinnere mich daran, das Jahr 2003 ordentlich verflucht zu haben. Ich erinnere mich daran, mir fest gewünscht zu haben, daß 2004 besser würde. Zu weiten Teilen wurde es das auch, aber mit großen, bissigen, selbstverursachten Einschränkungen. Die jetzt dazu führen, daß ich 2004 wohlwollend verabschiede, und mich unter den gegenwärtigen Umständen nicht unbedingt auf 2005 freue. Aber dennoch hoffe, daß alles ein wenig besser wird.

2004 war für mich das Jahr der Berg- und Talfahrten. Alles wurde gut, alles wurde schlecht, und immer gab es am Schluß kleine Lichtblicke, die die Hoffnung nicht sterben liessen. Ob Liebe, Leben, Musik, Job oder sogar Blog - immer ging es schnurstracks nach oben, um just im glücklichsten Moment wieder ganz nach unten zu kippen. Nicht gerade angenehm, ziemlich stressig sogar. In vielen Fällen vermeidbarer Stress, wäre ich verantwortungsbewusster, erwachsener, ehrlicher zu mir und anderen und meiner Liebe gewesen.

Aber das lässt sich jetzt in der Nachbetrachtung nicht mehr ändern. Ich muß dazu stehen. Ich muß 2004 als das Jahr akzeptieren, in welchem ich mich von Tag zu Tag vor mir selbst versteckte, in welchem ich viel schlechtes und nur wenig gutes erreicht habe, in dem ich mich selbst irgendwo im Alltag verloren habe, in dem ich meine große Liebe mit Füßen getreten habe, in dem ich schlichtweg vergessen habe, daß ich ich bin, und nicht nur irgend so ein dahergelaufener Fuzzi mit nix als im Kopp.

Und in dieser Selbstreflektion wird mir auch bewusst, warum 2004 für mich so schnell verging: Wenn man die meisten Tage damit verbringt, sie irgendwie rumzukriegen, wenn man sich dann letztlich nur noch auf die Wochenenden konzentriert, dann kann von 365 Tagen nicht mehr so viel übrig bleiben, ausser vielleicht 52 Wochenenden mit ein paar wunderschönen Momenten.

Die schönen Momente sind glücklicherweise noch da. Sie kommen immer dann, wenn ich die Augen schliesse, mich an Ereignissen und bestimmten Gegenständen festhalte, sie einatme, und dann da bin, wo ich gerne sein möchte - unter anderen Vorraussetzungen. Aber ich muß im neuen Jahr eine ganze Menge dafür tun, damit dieses Gefühl sich nicht nur auf den Moment des Augenschliessens nebst schnuppern und woanders sein beschränkt.

Ein Anfang ist auch diese kleine Reflektion, die ich hier eigentlich nicht bloggen wollte. Es aber dennoch tue, quasi als Gedanken-Post-It, quasi als Ermahnung, 2005 als Herr Shhhh zu dem zu stehen, was ich bin. Und mich unter bestimmten Umständen von dem zu verabschieden, was ich oftmals aus Angst vorgebe zu sein.

Ich habe 2004 bestimmten, mir sehr wichtigen Menschen sehr weh getan. Oft. Und auch an dieser Stelle möchte ich noch mal sagen, daß mir das sehr, sehr leid tut, und das ich alles darum geben würde, einen Rückspulknopf zu betätigen, um vieles anders zu machen, vieles ungeschehen zu machen, und bestimmten Menschen das Vertrauen zu schenken, daß sie verdient hatten, aber nicht bekamen. Aber das geht leider nicht so einfach.

Jürgen von der Lippe hat kürzlich im Fernsehen erzählt, daß er als kleiner Junge 14 Tage lang zu Gott gebetet hätte, weil er unbedingt ein Fahrrad haben wollte. Nach 14 Tagen hätte er es aufgegeben, weil das mit dem Beten nicht funktionierte, und einfach eines geklaut. Und dann 14 Tage dafür um Vergebung gebetet. Was wiederum wunderbar funktioniert hat. Ich kann mir das im Moment leider nicht so leicht machen, denn ich bete nicht erst seit 14 Tagen um Vergebung, und genauso wenig bete ich nicht erst seit 14 Tagen darum, daß bestimmte Dinge, die ich selbst zetrümmert habe, wieder strahlend dastehen. Womit sich auch meine These bestätigt, daß man meistens erst dann mit dem Beten anfängt, wenn es wirklich düster aussieht. Aber auch da begegne ich wieder einem meiner typischen, kardinalen Denk- und Lebensfehler: Auch wenn’s düster aussieht, heißt es noch lange nicht, daß es einfach so wieder besser wird. Man muß was dafür tun. Ich muß was dafür tun. Dafür ist 2005 erfunden worden. Glaube ich zumindest. Und Jürgen von der Lippe kann mich mal kreuzweise. Wen interessieren schon Kinderfahrräder?!?

Ja, wie in der Headline angemerkt, die grauen Haare haben sich vermehrt. Sie werden auch 2005 nicht weniger. Aber heute hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl, das (Er)grauen verlangsamt zu haben. Und ich hoffe, daß mir das 2005 noch ein paar mal öfter gelingt. Das vieles (an und in mir) besser wird. Das Frau E. ihre Diplomarbeit packt. Das ich Sylvester 2005 nicht so viel Nachdenken muß. Und das mir in den kommenden 365 Tagen nicht die Luft ausgeht.

Apropos Luft: Es ist unmöglich, durch Luftanhalten Selbstmord zu begehen.

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Damit’s nicht all zu trist ist >>
Blogger listen gerne Listen:

2004 für mich…

Beste Platte: Ted Leo - Shake The Sheets
Flop: Klee
Bester Song: Angelika Express “Zeit zu gehn”
Flop: Klee
Bester Film: Dawn of the Dead / Lost in Translation (immer wieder)
Flop: Elephant (nach 15 Min. eingepennt)
Bestes Konzert: Von Spar / Les Mercredis auf’m Geburtstag
Flop: Klee
(Ungewöhnlichstes Konzert: Simon & Garfunkel)
Bestes Buch: Astrid Vilts “Du und viele von Deinen Freunden” / Blogs!
Flop: Stuckrad-Barre “Remix 2″
Bestes Essen: Tortilla von E.
Flop: Muscheln aus’m Penny (I survived)
Bestes Blog: it&w
Flop: Frau Schubiak / Nothing, beide weg.
Schönster Moment: Heiligabend
Flop: N8schicht im Regen

Und am Rande…
Google-Suchanfragen Top Ten in der Freakshow 2004:
1. Lukas Hilbert
2. Freakshow
3. Heinz Strunck
4. Uwe Fahrenkrog
5. Fuegner
6. chikinki
7. bloggender Penis
8. arsch blog
9. Willst Du ein Bier? Nein. Etwas Äther? Was?
10. fugger blog waldar

Ausser Konkurrenz im Ranking:

- mein erster feuchter traum
- Fgner Penis
- Alfred der Sammler aus Schopfloch
- sarah kuttner nass
- ich hasse lukas
- what is Menscheit
- lumma+pornostar
- bescheuert OR idiot “lukas hilbert”
- schulmädchenuniform
- Lukas Hilbert scheiße
- schweiss im bauchnabel
- elektronischer klodeckel

So long, einen guten Rutsch, und ein gesundes erfolgreiches, hoffnungsvolles 2005 wünscht…

Herr Shhhh.

Spenden.

Wofür is klar.

Ärzte für die Dritte Welt:
EKK Bank,
BLZ 500 605 00,
Spendenkonto: 104 88888 0,
Stichwort: Seebebenopfer

Aktion Deutschland Hilft:
Bank für Sozialwirtschaft,
Kennwort: Seebeben Südasien,
BLZ: 370 205 00,
Spendenkonto 10 20 30,
Onlinespende

Caritas International:
Bank für Sozialwirtschaft,
Kennwort: Seebeben,
BLZ: 660 205 00,
Spendenkonto: 202, 
Onlinespende

Deutsches Rotes Kreuz:
Bank für Sozialwirtschaft,
Kennwort: Südasien,
BLZ: 370 205 00,
Spendenkonto: 41 41 41,
Onlinespende

Deutsche Welthungerhilfe e.V.:
Sparkasse Bonn,
Kennwort: Erdbeben Asien,
BLZ: 380 500 00,
Spendenkonto: 1115,
Onlinespende

Diakonie Katastrophenhilfe:
Postbank Stuttgart,
Kennwort: Seebeben,
BLZ: 600 100 70,
Spendenkonto: 502 707,
Onlinespende

Die Johanniter:
Bank für Sozialwirtschaft Köln,
Kennwort: Seebeben,
BLZ: 370 205 00,
Spendenkonto: 43 43 43 43,
Onlinespende

Kindernothilfe
KD-Bank, Kennwort: Seebeben,
BLZ 350 601 90,
Spendenkonto: 45 45 40,
Onlinespende

Komitee Cap Anamur:
Stadtsparkasse Köln,
Kennwort: Seebeben,
BLZ: 370 50 198, Spendenkonto: 222 222 22

Misereor:
Sparkasse Aachen,
Kennwort: Seebeben,
BLZ: 390 500 00,
Spendenkonto: 52 100,
Onlinespende

World Vision:
Volksbank Frankfurt,
Stichwort: Erdbebenhilfe Südostasien,
BLZ: 501 900 00,
Spendenkonto: 2020,
Onlinespende

Unicef:
Bank für Sozialwirtschaft Köln,
Stichwort: Erdbeben Asien,
BLZ 370 205 00,
Spendenkonto 300.000,
Onlinespende

Die Neue Deutsche Perfekte Perfide Welle.

Wir gehen gerade bei deutschen Liedern mit den Texten sehr sensibel um…

50.000 Tote, und plötzlich wird aus einem kleinen doofen Lied eine kleine doofe Geschmacklosigkeit (gemacht). Als hätten wir gerade jetzt nichts besseres zu tun.

Blogger treffen Blogger.

War schön. Und das Thema Blogs war glücklicherweise so nebensächlich, daß man fast das gefühl hatte, auf einem Klassentreffen zu sein. Auch schön: Endlich jemand dabei, der Chikinki. nicht für eine Berliner Transvestitenbar hält.

Gerne wieder würde man bei Ebay wohl schreiben.

Komm, weil (fast) Weihnachten is:

Acht mal Gmail zu verschenken.
Mail an siehe oben…

Für alle Söhne und Töchter.

Die wunderbaren Rilo Kiley, schön walzerig zum Weihnachtsfest und immer passend, wenn die persönliche Hölle neue Siedepunkte erreicht: A better son / daughter - mp3. 10,5 MB.

Und zum Mitgröhlen:

Sometimes in the morning I am petrified and can’t move
Awake but cannot open my eyes
And the weight is crushing down on my lungs
I know I can’t breathe
And hope someone will save me this time
And your mother’s still calling you insane and high
Swearing it’s different this time
And you tell her to give in to the demons that possess her
And that god never blessed her insides
Then you hang up the phone and feel badly for upsetting things
And crawl back into bed to dream of a time
When your heart was open wide and you love things just because
Like the sick and dying

And sometimes when you’re on
You’re really fucking on
And your friends they sing along
And they love you
But the lows are so extreme
That the good seems fucking cheap
And it teases you for weeks in its absence
But you’ll fight and you’ll make it through
You’ll fake it if you have to
And you’ll show up for work with a smile
And you’ll be better
You’ll be smarter
More grown up and a better daughter or son
And a real good friend
And you’ll be awake
You’ll be alert
You’ll be positive though it hurts
And you’ll laugh and embrace all of your friends
And you’ll be a real good listener
You’ll be honest
You’ll be brave
You’ll be handsome and you’ll be beautiful
You’ll be happy

Your ship may be coming in
You’re weak but not giving in
To the cries and the wails of the valley below
Your ship may be coming in
You’re weak but not giving in
And you’ll fight it you’ll go out fighting all of them

Frohes Fest wünsch ich.

Lieber Lukas Hilbert, lieber Uwe Fahrenkrog-Petersen, liebe Sandy, liebe Popstars-Macher.

Ich hab jetzt tagelang überlegt, ob ich was zu Eurem “Coup” schreiben soll, hab mich wirklich gewunden, gequält, Nachts schlecht geschlafen. Ich dachte: Nein, Shhhh, das ist nicht so relevant, das passiert einfach, laß das nicht auch noch in Dein eh schon verkorkstes Leben rein, es interessiert keinen! Aber da ich ab und an ja doch noch mal die Geduld aufbringe, Videoclips zwischen den fucking Klingeltonwerbungen anzuschauen, und mir Euer “Coup” mittlerweile ständig unter die Augen läuft, wenn ich es denn mal tatsächlich schaffe, zwischen doofen Ratten und blauen Nashörnern und dem Weihnachtsluder für mein Handy einen Videoclip zu sehen, komme ich nicht umhin, doch noch mal was dazu zu sagen. Zu Eurem “Besser als Abba!”-Projekt.

Als erfolgloser Deutschelektropunkpopper mit geplatztem Plattenvertrag, geplatzter Tour, geplatzten Träumen und geplatztem Leben könnte ich mich jetzt einfach in den üblichen Neiderein ergiessen, und Sachen sagen wie: Hilbert ist einfach nur notgeil und unfähig, Fahrenkrog ist nur scharf aufs Geld und von No-Angel-Sandy brauchen wir gar nicht erst zu reden - ist ja klar, daß da so eine Scheiße bei rumkommt. Aber lassen wir das mal aussen vor. Den Neid ob der Möglichkeiten, die da sind und waren. Gehen wir einfach nur mal von den harten Fakten aus, die ich als gelegentlicher Privatfernsehgucker aufgeschnappt habe.

Wenn ich denn mal in Euer Casting reingeschaut habe, hörte ich immer wieder einen erbosten Trapatoni in meinen Hinterkopf, der laut “Was erlaube Hilbert!” brüllte. Denn ich frage mich allen ernstes, wie das sein kann, daß hoffnungsvolles Potential (und das unterstell ich den gecasteten Buben und Mädels mal) in solch eine inkompetente Obhut entlassen wird? Das Solowerk von Herrn Hilbert ist grottig und vorbei am Markt, die Soundtracks von Herrn Fahrenkrog (”Igby” als Beispiel) sind blaß und leben überwiegend von fremden Songs, und Sandy… naja, die kann singen, aber das kann Angelika Milster auch. Diese drei sollen also Humankapital kreativ ausschlachten, und in kürzester Zeit eine Band “formen”, aus der was wird. Ok, kann man als Experiment stehen lassen, ist nicht so schlimm, wir sind ja alle Experten, wenn wir im Fernsehen was zu sagen haben.

Schlimm ist, wenn dann so Sätze fallen wie: “Wird besser als Abba!”, wenn diese Sätze zudem auch noch ernst gemeint sind, und ich dann das Produkt der drei Experten im Musikfernsehen aufschnappe, und mich allen ernstes Fragen muß: Band? Abba? Gut? Wo? Ja, ich weiß, in “Das Handbuch - der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit” von den völlig überbewerteten KLF steht ja drin, daß neben Arbeitslosigkeit die musikalische Schnittmenge aller aktuellen Top-Ten-Hits eine Erfolgsformel für einen Top-Ten-Hit darstellt. Alles nur geklaut, das ist nichts neues, deshalb klingt Chartsmusik ja auch immer ähnlich. Aber wenn man Band und Abba sagt, und sich dazu noch als kompetenter Vollprofi ausgibt, wenn man dann auch noch Wert auf Eigenständigkeit und Charakter legt (Letzteres hat das Humankapital ja offensichtlich), wieso verlässt man sich dann auf diese Formel? Ging’s am Schluß doch wieder nur ums große, schnelle Geld - so wie man das eben im Musikbiz macht?

Denn mal ehrlich, die Nummer, die ihr Euch da ausgedacht habt, ist noch nichtmal hirnlose Dancefloormusik für den Feierabendgrufti. Diese Mischung aus Evanescence, Rammstein, Karnevalsschlager und Altherren-Rockriff, dieses Alice Cooper für ganz kleine Kinder-Ding taugt noch nicht mal zum Klingelton, und das sage ich nicht als Musiker, sondern als Konsument. Und was sollen die Hardcore-Kumpels von den beiden eigentlich coolen Sängern denken, wenn die Jungs da so brachial bepelzt durch die Gegend scharwenzeln, und irgendwas mit Poison und Engeln singen, und sich jetzt wahrscheinlich für die Masters of the Universe halten? War das ernsthaft mit “besser als Abba!” gemeint? “Jünger als Abba!”, vollkommen OK, “Dünner oder dümmer als Abba!”, auch gut, aber BESSER? Mal am Rande: Abba waren nicht zusammengecastet. Abba sind zusammengewachsen. Abba haben ihre Songs selbst geschrieben. Keiner hat Abba gessagt, wie Abba es machen sollen. Und Abba haben zwar Hits geschrieben, aber sich dabei nicht so offensichtlich am unmusikalischen Zeitgeschehen vergangen, wie das hier der Fall ist. Ich bin weiß Gott kein Abba-Fan, aber “Besser als Abba!” ist in Anbetracht dessen, was sich da “Popstars 4″ nennt, eine Unverschämtheit, eine verbale Schändung sondergleichen.

Klar, das Ding wird ein Hit, das ist ja auch auf Hit getrimmt, und ich gönn Euch das von ganzem Herzen. Aber tut mir bitte einen Gefallen: haltet Euch an eine Regel, die ich gerade erst lerne! Sagt wie es ist! Steht dazu! Daß es nur ums Geld ging, zum Beispiel. Steht dazu, daß das da keine Band ist, sondern ein zusammengecasteter Haufen, den es nach maximal 2 Alben nicht mehr geben wird. Denn die Zukunft sieht so aus: Die beiden Jungs werden wieder in den Probenkeller zurückkehren, und wenn sie Glück haben, dürfen sie auch wieder mit den alten Jungs mucken. Die Mädels werden nach dem Ausflug ins Popbizz wahlweise bei 9Live den Moderatorenjob nach 23 Uhr bekommen, bei Bigbrother landen oder sich im DLF ausziehen. Hilbert tritt irgendwann noch mal in der Comebackshow auf, und fliegt gegen seinen Konkurrenten Bohlen raus, und lebt dann ganz Roy Black-like von Auftritten in Einkaufszentren. Und Fahrenkrog ist der einzig Clevere, weil er weiter für Hollywood arbeiten und am Ende ähnlich überbewertet wie Hans Zimmer da stehen wird. Sollte Zimmer was gegen Konkurrenz haben, macht Fahrenkrog höchstens noch Terminator 4, kehrt dann nach München zurück und komponiert für Pro7-Eigenproduktionen wie “Sabine - vom Babystrich zum Popstar 1 - 4″.

Was wirklich Schade ist: Die, die da unten, in den zu knappen Proberäumen und kleinen, schlechtbesuchten Clubs, in den selbstgebauten Studios, die mit den guten Ideen (die ihr dann für Eure Hits zusammenklaut), die mit der Leidenschaft, die das seit Jahren machen, seit Jahren dafür bluten, seit Jahren immer wieder auf die Schnauze fallen und immer wieder aufstehen, eben die, die wirklich an das Glauben was sie machen, die eben nicht das große Geld vor Augen haben (können), die sind mal wieder gefickt. Weil ihr da oben mit diesen Formaten das Musik machen, den Glauben daran, die Arbeit dahinter Staffel für Staffel durch den Schmutz zieht und immer unglaubwürdiger macht. Band kann jeder, hab ich im Fernsehen gesehen!

Aber auch das wird sich rächen. Denn was ist denn aus Ihnen geworden, aus den No Angels, Bro’Sis, den Preluders und wie sie alle heißen? Nichtmal ein Klingelton, ja, nicht mal das.

Portions for foxes.

Und während man genüsslich und mit sperrangelweit geöffneten Ohren sein Album mischen will, proben im Studio neben dem Regieraum ein paar dickliche, alte Herren das Lebenswerk von Judas Priest. Und man sitzt da, mit seinen sperrangelweit geöffneten Ohren, hört sich das Gedröhne an, und fragt sich: Warum jetzt, warum ich, und warum ausgerechnet Judas Priest?

6 Betten.

Gestern, Kurzbesuch zu Hause, in Ddorf. Nicht wirklich zu Hause, sondern eher Uniklinik. Meinen Vater hat’s erwischt, mit 14 wurde er nach Deutschland geschickt, kam als Gastarbeiter hier an, und hat die letzten 40 Jahre damit verbracht, den Schmerz, die harte Arbeit und das Heimweh mit Alkohol und Zigaretten zu betäuben. Konsequenz: Hausarzt, Augustakrankenhaus, Uniklinik, Bypässe. Und wenn man denkt, daß sich Kettenrauchen spätestens mit Eintritt in die 50er rächt, hat man dann ja noch die eigene Mutter als Gegenbeispiel, die immer gesund gelebt hat, weder geraucht noch getrunken hat, und vor kurzer Zeit trotzdem mit Bypass und künstlicher Herzklappe bestraft wurde.

Ein deprimierender Anblick, sechs Betten, davon fünf belegt, alles Bypass-Kandidaten in dieser muffigen Räumlichkeit, an allen Ecken piept und blinkt irgendwas, und ich sehe meinen verbitterten Vater kraft- und hilflos im Bett liegen, und meine Mutter an seiner Seite sitzend, ebenfalls verbittert, kraft- und hilflos. Ich dachte immer, sie würden sich nicht mehr lieben, schon lange nicht mehr. Aber es ist anders: Sie sitzt jeden Tag Stunde um Stunde an seiner Seite, kümmert sich, und er bricht oft in Tränen aus, hier, zwischen den anderen Herren, weil er nicht will, daß sie alleine zu Hause ist. Und ich sitze dazwischen, schäme mich, nicht öfter da sein zu können, schäme mich, so oft gedacht zu haben, daß die beiden nur noch zusammen sind, weil da sonst nichts ist, und weil die italienische Herkunft das so vorgibt. Aber sie lieben sich, und daß sowas immer nur dann auffällt und herausbricht, wenn die Situation kritisch ist, ist eine Fehldenke, die nicht nur ich des öfteren verspüre. Es klingt pathetisch, aber man sollte sich seiner Liebe zu jemandem nicht immer nur dann bewusst sein, wenn es gerade besonders schlimm ist.

Zwei Mal werden die Besucher rausgeschickt, weil Ärzte irgendwas untersuchen müssen. Neben uns im Gang steht eine ältere Dame, sie ist die Ehefrau eines der Herzpatienten aus meines Vaters Zimmer, und sie jammert, weil alles so schlimm sei, mit ihrem Mann, und weil er doch nächste Woche schon in die Reha müsse, und sie dann ganz alleine Weihnachten verbringen muß. Meine Mutter hört ihr zu, nickt, versucht zu beruhigen, und sagt, daß das bei ihr ähnlich sei, und daß sie meinen Vater über Weihnachten eh nicht zu Hause haben wolle, weil sie im Notfall gar nicht helfen könne - dafür ist auch sie mittlerweile zu schwach. Und ich bemerke, wieviel Kraft und Herz in dieser kleinen Frau steckt, die mich damals zur Welt gebracht hat, wie stark sie ist, und wie sehr ihr daran gelegen ist, daß es meinem Vater wieder besser geht. Sie jammert selten, höchstens um mir ein schlechtes Gewissen einzureden, aber nie so wehleidig, wie ich das oft tue, wenn es mir schlecht geht. Und in solchen Momenten wünschte ich, ich hätte die Stärke meiner Mutter geerbt, und hoffentlich nicht den Herzfehler - ob ich den geerbt hab, weiß ich (noch) nicht!

Knapp 2 1/2 Stunden später begleite ich meine Mutter zum Bahnhof. Wir stehen in der zum bersten gefüllten Straßenbahn, ich mit meinen hängenden Schultern, weil mich das alles irgendwie mitgenommen hat und es mir auch sonst nicht so gut geht, sie trotz ihrer 1.54 Meter gerade und aufrecht und irgendwie auch selbstbewusst. Wir verabschieden uns, ich drücke ihr einen Kuß auf die Wange, verlasse die Straßenbahn, und spüre, daß auch sie gerade die Schultern hängen lässt. Sie zeigt es nur nicht so.

Ich glaube, daß Herzen nicht immer nur nikotinbedingt brechen.

Stinkt.

Gestern Abend nach der letzten SATC-Folge den Zwang verspürt, etwas kaputt machen zu wollen. Nichts gefunden, was wertlos genug gewesen wäre. Stattdessen ein paar Tassen weggespült. Beim Spülen mit Verona Poths Geplapper im Nacken irgendwie einen modrigen Geruch wahrgenommen. Zuerst vermutet, daß das der Hausmüll sein könnte, diesen dann runtergrebracht und den Mülleimer ausgewaschen, um die olfaktorische Belästigung gänzlich zu eliminieren. Geruch jedoch immer noch da, Verona immer noch am plappern. Nach circa 10minütigem, grenzdebilem rumgeschnupper in allen Ecken meiner Küche letztlich den Stinker gefunden: Zwiebeln, unterm Teewagen, schwarz. Nochmal Müll weggebracht. Gedacht: Schade, daß SATC jetzt vorbei ist - sorgte es doch zuletzt dafür, daß ich mich intensiver um den Haushalt kümmere, als sonst. Ich alte Schlampe.