6 Betten.
Gestern, Kurzbesuch zu Hause, in Ddorf. Nicht wirklich zu Hause, sondern eher Uniklinik. Meinen Vater hat’s erwischt, mit 14 wurde er nach Deutschland geschickt, kam als Gastarbeiter hier an, und hat die letzten 40 Jahre damit verbracht, den Schmerz, die harte Arbeit und das Heimweh mit Alkohol und Zigaretten zu betäuben. Konsequenz: Hausarzt, Augustakrankenhaus, Uniklinik, Bypässe. Und wenn man denkt, daß sich Kettenrauchen spätestens mit Eintritt in die 50er rächt, hat man dann ja noch die eigene Mutter als Gegenbeispiel, die immer gesund gelebt hat, weder geraucht noch getrunken hat, und vor kurzer Zeit trotzdem mit Bypass und künstlicher Herzklappe bestraft wurde.
Ein deprimierender Anblick, sechs Betten, davon fünf belegt, alles Bypass-Kandidaten in dieser muffigen Räumlichkeit, an allen Ecken piept und blinkt irgendwas, und ich sehe meinen verbitterten Vater kraft- und hilflos im Bett liegen, und meine Mutter an seiner Seite sitzend, ebenfalls verbittert, kraft- und hilflos. Ich dachte immer, sie würden sich nicht mehr lieben, schon lange nicht mehr. Aber es ist anders: Sie sitzt jeden Tag Stunde um Stunde an seiner Seite, kümmert sich, und er bricht oft in Tränen aus, hier, zwischen den anderen Herren, weil er nicht will, daß sie alleine zu Hause ist. Und ich sitze dazwischen, schäme mich, nicht öfter da sein zu können, schäme mich, so oft gedacht zu haben, daß die beiden nur noch zusammen sind, weil da sonst nichts ist, und weil die italienische Herkunft das so vorgibt. Aber sie lieben sich, und daß sowas immer nur dann auffällt und herausbricht, wenn die Situation kritisch ist, ist eine Fehldenke, die nicht nur ich des öfteren verspüre. Es klingt pathetisch, aber man sollte sich seiner Liebe zu jemandem nicht immer nur dann bewusst sein, wenn es gerade besonders schlimm ist.
Zwei Mal werden die Besucher rausgeschickt, weil Ärzte irgendwas untersuchen müssen. Neben uns im Gang steht eine ältere Dame, sie ist die Ehefrau eines der Herzpatienten aus meines Vaters Zimmer, und sie jammert, weil alles so schlimm sei, mit ihrem Mann, und weil er doch nächste Woche schon in die Reha müsse, und sie dann ganz alleine Weihnachten verbringen muß. Meine Mutter hört ihr zu, nickt, versucht zu beruhigen, und sagt, daß das bei ihr ähnlich sei, und daß sie meinen Vater über Weihnachten eh nicht zu Hause haben wolle, weil sie im Notfall gar nicht helfen könne - dafür ist auch sie mittlerweile zu schwach. Und ich bemerke, wieviel Kraft und Herz in dieser kleinen Frau steckt, die mich damals zur Welt gebracht hat, wie stark sie ist, und wie sehr ihr daran gelegen ist, daß es meinem Vater wieder besser geht. Sie jammert selten, höchstens um mir ein schlechtes Gewissen einzureden, aber nie so wehleidig, wie ich das oft tue, wenn es mir schlecht geht. Und in solchen Momenten wünschte ich, ich hätte die Stärke meiner Mutter geerbt, und hoffentlich nicht den Herzfehler - ob ich den geerbt hab, weiß ich (noch) nicht!
Knapp 2 1/2 Stunden später begleite ich meine Mutter zum Bahnhof. Wir stehen in der zum bersten gefüllten Straßenbahn, ich mit meinen hängenden Schultern, weil mich das alles irgendwie mitgenommen hat und es mir auch sonst nicht so gut geht, sie trotz ihrer 1.54 Meter gerade und aufrecht und irgendwie auch selbstbewusst. Wir verabschieden uns, ich drücke ihr einen Kuß auf die Wange, verlasse die Straßenbahn, und spüre, daß auch sie gerade die Schultern hängen lässt. Sie zeigt es nur nicht so.
Ich glaube, daß Herzen nicht immer nur nikotinbedingt brechen.


17. Dezember 2004 um 20:08
Nicht schön, solche Erlebnisse zu haben. Wo dann alles Andere in den Hintergrund driftet oder womöglich noch zusätzlich anstrengt. Ich werde morgen auch in einem Krankenhauszimmer sein, nur werden darin Frauen liegen und eine davon ist meine Oma, deren Herz auch nicht mehr richtig tut, weil es einen Infarkt hatte und sie nun auch nicht mehr richtig atmen kann und nichts mehr essen möchte. Das wird kein schöner Tag werden und mir ein wenig das Herz brechen, denn womöglich werde ich sie zum letzten Mal sehen morgen und das macht mir Angst.
17. Dezember 2004 um 20:34
Ich kann das Gefühl gut nachvollziehen und wünsche Dir von ganzem Herzen, daß es nicht das letzte Mal ist, daß Du sie siehst…
17. Dezember 2004 um 22:10
Noch heute morgen fiel mir auf, das ich meine Ma im letzten halben Jahr nur zwei mal gesehen habe. Ziemlich wenig, wenn man kaum 30 Kilometer voneinander entfernt wohnt. Hat mich sehr nachdenklich gemacht, kommt vielleicht auch, weil ich einen Tag frei hatte und die Weihnachtszeit derlei Gedanken begünstigt. “Dann und dann gehen wir mal frühstücken” hat man hier und da gesagt und doch nicht durchgezogen und in stillen Momenten fällt einem dann ein, das sie auch schon über 60 ist und man sich eigentlich auch mal außerhalb von Weihnachten und Geburtstagen sehen sollte.
Meine besten Wünsche für Deinen Vater.
17. Dezember 2004 um 22:57
Ja, das wünsche ich auch.
18. Dezember 2004 um 12:06
Mein Großvater lag im April wegen einer fiesen Nierengeschichte im Spital und so ängstlich und wütend kannte ich ihn gar nicht. Dir und deiner Familie alles Gute, Herr Shhhh!!!!
18. Dezember 2004 um 17:16
Hmm. Gute Tipps in solchen Situationen helfen eh nichts. Dehalb ein ganz aktives Nachfühlen von jemanden, der sowas sehr, sehr gut nachfühlen kann.