Ich trage Schuld an Auschwitz.
Ja, ich gebe es zu, auch ich bin manches Mal genervt. Von der Zeit zwischen 1933 bis 1945. Von der medialen Aufarbeitung dieser Zeit. Von den Kinofilmen. Von dem Gerede um Schuld und Sühne, um Identität und neuem Stolz.
Geneanologisch gesehen trage ich keine Mitschuld an dem, was in Nazideutschland passiert ist. Das liegt glücklicherweise an meiner italienischen Ahnengalerie, die eher in den Bereichen Olivenanbau, Prostitution, klösterliche Arbeiten, Schmuggel und Gastarbeit beschäftigt war. Meine Großeltern haben sich einen Teufel um die Nazis geschehrt. Ist mir zumindest erzählt worden. Und meine Eltern kennen Nazideutschland nur aus dem Kino, aus Erzählungen, und vermutlich auch aus Büchern.
Aber selbst wenn da geschichtliche Verknüpfungen wären, trüge ich dennoch keine vererbte Schuld in mir - ich besitze ja den Freibrief der dritten Generation. Das geht wohl allen Menschen in meinem Alter so. Und Menschen in meinem Alter neigen auch schnell dazu, die Schuldfreiheit dann und wann noch mal etwas vehementer zu betonen. Aus einem inneren Zwang heraus, vermutlich. Man pocht dann auf den Freibrief. “Das war ja nicht unsere Generation!”, ist dann so ein Satz, der gerne fällt, zum Beispiel wenn es um Nationalstolz oder Identität oder deutschsprachige Popmusik geht. Und das verwundert mich jedesmal, denn es ist ja offensichtlich, daß ein 1970er-Jahrgang nicht Schuld am zweiten Weltkrieg gewesen sein kann - und es wird wohl kaum ein Mensch so dumm sein, Gegenteiliges zu denken. Und dennoch taucht er immer wieder auf. Der Schuldkomplex. Den ich nicht besitze. Den ich aber in Anbetracht des 27. Januars für mich selbst aufkochen möchte. Mit folgender Behaupung:
Ich trage Mitschuld am Holocaust! Wir allen sind mehr oder weniger Schuld am Holocaust. Krude Behauptung, mag man jetzt denken. Ist aber bei weitem nicht so krude,wie es sich liest. Denn ich meine keineswegs den bürokratisierten Völkermord. Sondern vielmehr das andauernde Mißverständnis zwischen Schuldfrage (was beispielsweise nationale Identität angeht) und Schuldfrage (auf menschliche Identität bezogen). Wenn ich dieser Tage die Bilder aus Auschwitz sehe, die Dokumentationen der Shoa betrachte und lese, die Zeitzeugen höre, dann beschleicht mich ein Weltekel. Ein Ekel vor dem Menschen an sich. Ein Ekel vor dem Menschen, der einen anderen Menschen nicht aus niedersten oder instinktiven Beweggründen hasst, sondern nur aus idealisierten Gründen. Sogesehen muß ich mich in gewissem Maße auch vor mir ekeln. Bei Pauschalisierungen, zum Beispiel. Wenn ich mich über die “lauten Ausländerjungs” im Kino, oder die unangenehme Kopftuchträgerin, oder den asozialen Ossi, oder den besoffenen Penner, oder den Typ mit der anderen Meinung aufrege. Spätestens da muß ich mich an die eigene Nase fassen, und mich aufrichtig fragen, wie nah diese an Oberflächlichkeiten festgemachte Vorverurteilung an der Nazi-Denke dran ist. Und für mein Empfinden ist die verdammt nah dran.
Natürlich käme unsereins nicht auf die Idee, die eigenen Feindbilder systematisch auszurotten. Ich glaube auch kaum, daß Mensch an sich zu so etwas fähig ist. Für so etwas braucht es die Monster mit den Ideologien, (die, wenn man es denn genau nimmt, jedoch auch Menschen waren - das “nur” spare ich mir hier). Die hat es in der Geschichte der Menschheit leider immer wieder gegeben, und wird es wohl auch immer wieder geben. Nicht nur in Nazi-Deutschland - dort jedoch leider Gottes besonders schlimm und unvorstellbar schrecklich. Dennoch denke ich, daß unabhängig von der ideologischen Motivation immer ein Funken Grausamkeit und Hass in jedem von uns steckt. Anders läßt sich auch nicht erklären, warum in all diesen historischen Eskalationen eigentlich fast alle an einem Strang zogen. Masse macht gemein, hat glaube ich Kant gesagt. Und da hat er recht. Was mich letztlich wieder zu meiner Empfindung führt:
Wir sind alle Schuld an solch grausamen Ereignissen. Egal ob Nazi-Verwandschaft, deutsch-singender Popstar oder Gastarbeiterkind. Da bin ich fest von überzeugt. Und das wird mir dieser Tage mal wieder besonders bewusst. Wenn ich an den Holocaust, an dieses Verbrechen an der Menschlichkeit denke. (Oder den “Beamten” Adolf Eichmann in einem 2stündigen Zusammeschnitt auf der Anklagebank sitzen sehe). Denn wir sind alle Menschen. Das macht uns schuldig. Das macht uns zu Monstern. Und das hat im Grunde nichts mit Nationalität zu tun - auch wenn das leider immer wieder der Aufhänger ist, den wir benutzen, um uns wie auch immer schuldig zu machen.
Pflichtlink: Shoa.de
Remix: Spreeblick!
Remix: Anke!
Remix: Eriador!
Remix: Eriador 2!
Bonus: Ein kleiner Auszug aus Serdar Somuncus großartigem Liveprogramm “Diese Stunde der Idotie”, in welchem er die Sportpalastrede von Goebbels demontiert. Serdar Somuncu - Arme Nazis!, 5,4 MB MP3.


26. Januar 2005 um 10:00
schuld an auschwitz
Herr Shhhh tr
26. Januar 2005 um 10:35
Danke! Ich teile deine Auffassung, zumal ich immer wieder vor mir selbst erschrecke, wie bigott ich bisweilen denke und handle. Auch mich beschleicht angesichts der Meldungen und Dokumentationen der letzten Tage eine Form von Welt- und Menschenekel. Und doch bin ich Teil des Ganzen, bedroht, gerade das zu vergessen oder zu verdrängen.
26. Januar 2005 um 11:55
Wie seltsam es ist, wenn man merkt, daß jemand im Grunde dieselbe Idee nachverfolgt, nur im Grunde von der anderen Seite aufgezäunt.
So war mein Blick bislang eher in die Zukunft gerichtet. Wie kann man die Welt zu einem, besseren, menschlicheren Ort machen, damit halt nicht mehr solche Grausamkeiten tragbar werden und kam für mich zu den Schluß, daß es an einem selber liegt. Wenn man menschlich mit anderen Menschen umgeht, sie zu einem Lächeln bringt, dann werden auch diese ein wenig von dem Lächeln angesteckt und tragen diesen Funken Menschlichkeit vielleicht weiter.
Diese Sichtweise hier geht nun von dem anderen Ausgangspunkt aus. Immer dann, wenn man selbst seine Launen, Vorurteile und Gemeinheiten austeilt, macht man die Welt wieder unmenschlicher.
Das sollte man wirklich nie vergessen.
26. Januar 2005 um 12:55
Ich trage keine Schuld an Auschwitz. Aber ich trage die Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Und diese Verantwortung habe ich nicht, weil ich Deutscher bin, sondern weil ich ein Mensch bin. Jeder von uns hat die verdammte Pflicht, sein eigenes moralisches Gewissen zu sein. Und wenn irgendjemand vergisst, wie sich “Moral” buchstabiert oder umsetzen lässt, dann sind wir alle gefordert, ihn oder sie darauf aufmerksam zu machen.
Ich kann rational nicht nachvollziehen, was damals passiert bin, und ich bin, ehrlich gesagt, auch froh, dass ich es nicht kann. Ich kann nur versuchen, die Motive zu verstehen, die Anfänge, die Auswüchse. Und wenn ich das Gefühl habe, diese Motive in irgendetwas wiederzuerkennen, was heute passiert, ist es meine Pflicht, dagegen etwas zu sagen oder zu tun. Diese Verantwortung habe ich, und ich hoffe (für mich und für den Rest der Welt), dass ich sie ernst genug nehme.
26. Januar 2005 um 20:50
Auschwitz-Birkenau
Morgen, am 27. Januar 1945 - vor 60 Jahren also - erreichten Soldaten der ‘Roten Armee’ die Tore des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau nahe der polnischen Stadt Oświęcim (s.a. Wikipedia) und befreiten 7500 überlebend…
27. Januar 2005 um 07:41
ich bin weder schuld an auschwitz noch am holocaust. ich trage auch keine verantwortung dafür was passiert ist. und ich wehre mich auch dagegen, so wie mir bereits des öfteren passiert, gegenüber angehöriger anderer nationen ständig in der position des verbrechers und/oder des nichtverhinderers zu stehen. dafür hatte ich ja keine möglichkeit.
ich sehe mich und meine generation vielmehr in der verantworutng, alles auch nur mögliche dafür zu tun, dass niemand zu keiner zeit wieder die möglichkeit bekommt, auch nur annähernd etwas ähnliches zu tun. ich denke soviel ist klar.
27. Januar 2005 um 09:03
Du warst wohl gestern im Soziologieseminar? Du hast genau das geschrieben, was ich mir gedacht habe.
27. Januar 2005 um 09:51
Sprachlos - Gedankenlos - Stille
Lesen! Auch Lesen! hmm … muss wieder mit den Tränen kämpfen wenn ich das lese … weiß nicht ob ich es gut finden soll, KZ’s besucht zu haben, die Filme der Alliierten gesehen zu haben … es gut finden soll,…
27. Januar 2005 um 11:04
Warum sich nur fuer den eigenen Genozid verantwortlich fuehlen? Warum sich nicht für jedes Kriegsverbrechen (”Verbrechen an der Menscheit”) verantwortlich fuehlen?
Anders formuliert:
“Was wir aus Geschichte lernen, ist das wir aus Geschichte nichts lernen.” vs. “Des Menschen Wolf ist der Mensch”.
Guter Titel wäre: “Ich trage Mitschuld an jedem Genozid, jederzeit!”
27. Januar 2005 um 11:12
Die Stellung der Schuldfrage bzw. die Definition von “Schuld” hat imho schon bei vielen für eine Abwehrreaktion gesorgt und dadurch in gewisser Weise eine eindringlichere Beschäftigung mit dem Thema verhindert. “Ich soll schuld daran sein? Aber ich war damals doch gar nicht dabei, noch lange nicht geboren!” ist dann die Entgegnung, meiner Meinung nach auch nachvollziehbar, weil auch ich mich nicht für unsagbare Verbrechen verantworten müssen möchte, die 30 Jahre vor meiner Geburt verübt wurden.
Wenn sich beim Streit über die Schuldfrage neue Barrieren und Gräben zwischen den Menschen aufbauen, zwischen Anschuldigendem und Beschuldigtem, dann bringt das niemandem etwas. Oder, schlimmer noch - eine dadurch geschaffene Distanz spielt gerade denen in die Hände, die die schrecklichen Greueltaten in Hitlers Reich so gerne verleugnen.
Ich stimme der Definition oben in Bezug auf den Punkt “menschliche Identität”, das wir alle Schuld tragen, die allein aus der Tatsache erwächst das wir ein Mensch sind, zu. Jeder von uns lebt auf Kosten der Armen und Schwachen in der Welt. Aus dieser Schuld und aus dem Gedenken an Auschwitz-Birkenau und den Holocaust wächst eine Verantwortung und Verpflichtung, alles in unsere Macht stehende zu unternehmen um solche Geschehnisse künftig zu verhindern. Gerade in Zeiten in denen braunes Gesocks wieder nach der Macht greift, siehe sächsischer Landtag.
Gegen das Vergessen! Die BBC-Meldung, das 60% der britischen Jugendlichen nichts mehr mit dem Begriff “Auschwitz” verbinden können (finde den original-Link nicht mehr, hier bezieht sich die Welt am Sonntag darauf), löst in mir die unangenehme Frage aus, wie es in dieser Hinsicht in unserem Land ausschaut.
27. Januar 2005 um 12:23
Als kleine Ergänzung - ich fand gerade sehr interessant, wie das Thema “Schuld” im Dialog zwischen einem 30jährigen Deutschen (nicht jüdischen Glaubens) und Besuchern eines jüdischen Online-Forums diskutiert wurde.
27. Januar 2005 um 12:39
Schöner Link, danke!
27. Januar 2005 um 13:24
dito, den meisten von euch.
Verantwortung statt Schuld.
Geschichte ist die Religion der Weisen,
und deswegen bricht in mir jedesmal was,
wenn ich sehe was mit Israel und Palästina los ist.
Der Holocaust ist der Grund für die Gründung eines
Staates Israel in einem bereits bewohnten Palästina.
Niemand hat mehr Verantwortung als “die Deutschen”
dafür zu sorgen, daß dort Frieden einkehrt.
Verantwortung aufzustehen, laut zu sprechen,
Finger in die Wunden zu legen. Appeasement
scheint der falsche Weg der Katastrophenverhinderung.
In diesem Sinne: Nie Wieder!
- Shalomregierung.
27. Januar 2005 um 22:26
ich glaube es geht nicht um die schuldfrage an sich, sondern um den umgang mit dieser jetzt und in zukunft. das bedeutet, sich zu fragen, oder sich immer in erinnerung zu rufen, welche von einem/r selbst gesetzten handlung welche konsequenzen nach sich zu ziehen im stande ist.
wir setzen tagtäglich tausende ‘handlungen’ (worte, taten etc), beruflich, privat, wo auch immer. darüber nachzudenken, welche folgewirkungen diese haben, wäre ein erster schritt.
auschwitz wäre ohne ‘ideologie’ (in dem sinne wie du es meinst) nicht denkbar gewesen, auschwitz wäre aber ohne die vielen kleinen rädchen (die überwiegend ‘geschmiert’ funktionierten) nicht machbar gewesen.
will bedeuten: aus einem nicht funktionierenden ‘rädchen’ (sachbearbeiterIn, stationsvorsteher etc etc) werden zwei, drei, vier… und das werkl steht.
darin sehe ich hoffnung. hoffnung durch (kritisches) denken, hinterfragen und letztlich handeln…
11. Februar 2006 um 08:05
Holocaust
Packende Selbstanklage:
Wir sind alle Schuld, denn wir sind alle Menschen.
Danke für diese Einsicht, Freakshow.
Ich trage Schuld an Auschwitz.
(Via FR2 >>> FREAKSHOW, TOO!.)
…