Blog Party.
Das Leben birgt hohe Frustrationspotentiale. Zum Beispiel wenn man Samstag noch ein grauenhaft gutes Party-Debüt erlebt, und kaum 24 Stunden später wieder mit Heftigkeit in die eigene Welt zurückkatapultiert wird. Oder so ähnlich. Aber man kommt dennoch oder gerade deshalb zu dem Schluß, daß es mit Sicherheit keine Kriege mehr geben würde, wenn alles so gut wäre wie die FUTURA BOLD 1.0 im Spreeblick . Ach quatsch, wenn alles so wäre wie Spreeblick !
Und ich behaupte das, obwohl eigentlich alle Faktoren unseres Wochenendes gegen einen guten Verlauf der ganzen Veranstaltung sprachen. Und ich rede hier nicht von der latenten Käsespätzle-Vergiftung, die ich mir in Lehmanns Markthalle zugezogen habe. Überhaupt, mit Ende 29 in Lehmanns Markthalle sitzen, da muß man ja depressiv werden…
Nein, es war vielmehr der mangelnde Schlaf gepaart mit den Strapazen der vorangegangenen Tage, die uns ein wenig unsicher machten. Und wenn man dann Freitags um 1 Uhr Nachts die letzte Probe hinter sich gebracht hat, noch ein paar Biere trinkt, vom Herrn Bassisten noch zu hören bekommt, daß man doch ein wenig früher aufstehen solle, um ja pünktlich in Berlin zu sein, dann um 7 Uhr aufsteht, irgendwann am Proberaum ankommt, und alles vor findet, ausser einem Bassisten, dann hat man irgendwie keinen Bock mehr. Vor allem, wenn Herr Bassist noch seelig schlummernd im Bettchen liegt. Vor allem, wenn Herr Bassist auch eine Stunde nach dem ersten Ermahn- und Weckanruf immer noch seelig schlummernd im Bettchen liegt.
Aber egal, wir sind ja doch vom Fleck weggekommen, und mit 3 Flaschen Energiedrink aus dem Lidl, (der übrigens 10mg mehr Koffein enthält, als die Clubmate im Hause Spreeblick!) hält man auch 5 anstrengende Stunden Autobahn locker durch. Zum Beispiel mit Diskussionen über das Verhalten einer Taschenlampe bei Lichtgeschwindigkeit.
Das Eintreffen in Berlin entpuppte sich als weiterer Beleg dafür, daß unsereins den Orientierungssinn einer besoffenen Nacktschnecke besitzt. Zumindest meint man das, wenn man aus der Provinz kommend den Eindruck hat, die Fahrt durch Berlin Richtung Kreuzberg dauere länger als die Autobahnfahrt. Aber irgendwie kamen wir dann doch noch an, wurden von Johnny und Tanja Spreeblick aufs herzlichste begrüsst - und dann war auch schon Soundcheck.
Nach dem Soundcheck ab in die Markthalle. Lecker Essen essen. Tanja Spreeblick suchte unter Fragmenten von roter Beete Matjes-Partikel, wo keine waren. Johnny amüsierte sich bei Gesprächen über unflätige Briten mit gebackener Weißwurst, Herr Bassist verdrückte mit stoischer Ruhe lappenweise Schnitzel, Herr Sportraucher einen Salat und ich besagte Käsespätzle, von denen man wesentlich länger und mehr hat, als man glaubt. Vor allem, wenn man die Tage vorher wesentlich weniger gegessen hat, als man glaubt.
Ab da ging alles irgendwie rasend schnell. Ganz Blog’n'Roll-like hatten uns Spreeblicks eine nette Pension direkt gegenüber des Veranstaltungsortes zur Verfügung gestellt, die wir dann auch umgehend aufsuchten, um die üblichen Dinge zu verrichten, die Boybands nunmal so verrichten, wenn sie einen Auftritt haben. TV an, Spochtschau gucken. Danach Dusche, Rückenepilation, noch mal die überlangen Augenbrauen auszupfen, Gel in die Haare, Bühnenklamotten an, Duftwasser und Deo drauf, und ab dafür ins superschnuckelige Spreeblick-Headoffice.
Erste Nervosität stellt sich ein, die kann man auch nur mit Zigarettenrauch besänftigen, und das wiederum ist die Krux an Kreuzberg: Alle 10 Meter ein Kaugummiautomat, aber auf kilometerlangen Wegen nicht ein einziger Zigarettenautomat. Sicher, man ahnt, warum das wohl so ist, aber dennoch kommt einem das befremdlich vor. Zum Glück gibt’s aber in Berlin noch sowas wie eine Kiosk-Kultur, und dementsprechend dann doch noch Zigaretten. Zwar beim übervorsichtigen Inder, der mich vor abgeschlossener Kiosktüre bediente, aber immerhin besser als gar kein Tabak, und immerhin auch besser als beispielsweise die Kiosk-Kultur in Köln. Denn Köln ist gay. Oder so.
Wieder zurück, den hypnotisierenden Fischfilmen folgend, die Johnny im Nebenraum an die Wand beamt, und dann kurz vorm Auftritt noch mal Chaos fabrizieren. Die Käsespätzle melden sich bei mir wieder an, unhöflich und bestimmt, und ich verabschiede mich noch mal Richtung Pension mit den Worten “Ich geh kotzen!”. Was natürlich nur ein Spaß war, denn ich wollte einfach nicht die Spreeblick-Toilette wegen einer Käsespätzle-Vergiftung besetzen. Der Spaß kam jedoch nicht als solcher an, und löste während meiner Abwesenheit eine kleine Panik aus. So kam mir das zumindest vor, als ich knapp 20 Minuten später erleichtert wieder auftauchte, und mit besorgten Blicken empfangen wurde.
Und kurze Zeit später ging’s dann irgendwie los. Ich weiß nicht mehr so genau wie, denn man verschliesst sich relativ schnell in einer Art Performance-Schüchternheits-Blase, wenn man so lange nicht mehr live gespielt hat, und dann auch noch ohne Mischpultmann vor wildfremden, sehr coolen und schicken Menschen aus Berlin auftritt. Die weder uns noch unsere Songs kennen.
Aber vielleicht ist das ja gerade die Einstellung, mit der wir die spreeblickschen Hörfrösche dann doch gekriegt haben. Ich weiß nicht, wann und wo der Knoten geplatzt ist, aber als ich beim zweiten oder dritten Song das erste Mal den Mut hatte, ins Publikum zu blicken, sah ich grinsende Gesichter, große Augen, wippende Füße und vereinzelte Versuche, das völlig unbekannte Songmaterial mitzusingen. Und das war bestimmt nicht leicht, denn wir haben’s mit den Texten zwischenzeitlich selbst nicht mehr so ganz auf die Reihe bekommen. Da war alles drin: Strophenvertauscher, Strophenvergesser, völlig neue Strophen. Aber egal, ausser uns hat das keiner gemerkt, und das ist ja der große Vorteil, wenn man unbekannt ist. Der große Nachteil, wenn man unbekannt ist, ist ein Veranstaltungstechniker im Publikum, der dann ab dem zweiten Song immer mal wieder neben mir auftauchte, um irgendwas am Mischpult rumzufummeln, und mir zärtlich ins Ohr zu flüstern, daß die Synthies zu laut seien. Generell finde ich solche Äusserungen ja OK, aber bei einer Elektronik-Band muß man sowas auch in Kauf nehmen. Ich steh ja nicht zum Spaß da. However, ich weiß nicht, an welchen Knöpfen der Mann gedreht hat, aber es muß wohl OK gewesen sein, denn man konnte Herrn Sportraucher klar und deutlich singen hören, und das gelingt uns nur höchst selten.
Nach 45 Minuten waren wir mit unserem Set durch. Nach 45 Minuten war das Publikum jedoch noch nicht mit uns durch, und so gab’s dann neben liebenswerten Ansprachen von Johnny satte 3 Zugaben, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Was bei denen schief gelaufen ist, will ich hier nicht auch noch anmerken, aber es war furios schief und kam anscheinend trotzdem an.
Herzliche Umarmungen, kurze Gespräche mit fremden Menschen, Abbau, Party. Sie hätte viel, viel, viel mehr Publikum verdient, die Spreeblick-Party, denn die Musik war übergut (Hallo? Add N To X, Throbbing Gristle, Elvis Costello, Ted Leo, etc. pp., wie geil ist das denn?!?), die Leute waren allesamt übernett, Herr Stackenblochen überdurchschnittlich bekloppt, und das gastgebende Paar überdurchschnittlich beneidenswert.
Ich bin auf 26 geschätzt worden, das weiß ich noch. Mehr weiß ich nicht. Um 5 war’s vorbei, das hab ich irgendwo gelesen. Ich bin mit den Worten “Wo ist mein Handy?” geweckt worden. Ich hab im Halbschlaf irgendwas mit “Keine Ahnung, aber kann ich Dir stattdessen ein Kreuzworträtsel lösen?” geantwortet. Ich hab die Spreeblickwand vollgeschmiert. Ich war erst bei Bielefeld wieder wach. Ich hab selten so nette und liebenswerte und fürsorgliche Gastgeber erlebt, und so ein cooles Konzert gegeben, und so viel Spaß auf einer mir wildfremden Party gehabt. Und ich bin leider wieder hier…
Es war mir eine Ehre!
p.s. Fotocontent bei Herrn Alphonso, der uns die Ehre gab.
p.p.s. Es wurde mitgeschnitten, Bootleg dann demnächst bei Spreeblick !


