nine inch nails.
Es muss anfang 1990 gewesen sein, als ich via dem damals durchaus noch konsumierbaren Musiksender MTV auf Nine Inch Nails stieß. “Head Like a Hole” lief im Indie-Format “120Minutes” spät nachts rauf und runter, und ohne Umwege in mein mit bis Dato relativ eigenwilligen Elektronika (Frontline Assembly, F242, DM, Cassandra Complex, etc. pp. blablabla.) sozialisiertes Ohr. Die dazugehörige Platte “Pretty Hate Machine” entpuppte sich als Pflichtkauf, und gehört auch knapp 15 Jahre später immer noch zu meinen absoluten Favoriten. Und daß, obwohl sie im Wandel der Zeiten und vor allem im Vergleich zu den darauffolgenden NIN-Alben an Biß verloren hat - Depeche Mode in böse, wenn man es denn knackig ausdrücken will.
1992 erstand ich gleich am Tag der Veröffentlichung “Broken” und das dazugehörige Remix-Bollwerk “Fixed”, zwei als EPs getarnte Alben, die so völlig anders waren, als das Debüt. Brachiale Di-Gitarren, wummernde Beats, Klangbilder, die sich jenseits meiner damaligen (durchaus hohen) Schmerzgrenze bewegten und laut CD-Booklet nicht mono-kompatibel waren und ein von Weltekel und Hass zerfressener Trent Reznor, der sich die Seele aus dem Leib schrie - das war irgendwie so faszinierend, daß mich ab da das Thema NIN nicht mehr losließ. Ich hatte nicht unbedingt meinen persönlichen Soundtrack gefunden - wie man das im Musikredakteurjargon so mühsam ausdrücken würde - aber immerhin ein Stück Musik aufgetan, daß mir half, die Wehen der Adoleszenz zumindest musikalisch kompensieren zu können.
1994 beschloss dann Herr Reznor neben Wut und Hass noch eine ordentliche Portion Trauer und Verzweiflung in seine Musik zu mischen, und veröffentlichte “The Downward Spiral”, eine aggressive Tour de Force, die erneut mit bis Dato nie gehörten Klangspielereien, einem fesselnden Konzept und einer fast schon zermarternd guten Mischung aus Pop und böse aufwartete. “Closer”, der “Fuckyoulikeananimal”-Song, stürmte die Charts, tauchte zur Freude aller visuell orientierten Menschen als Remix auch im Vorspann des Thrillers “Sieben” auf, und hinterließ bei allen Nichtkennern, die sich darauf hin das dazugehörige Album kauften, leichtes Entsetzen. Bei mir nicht, denn ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, was auf mich zukommen würde, wenn irgendwo Nine Inch Nails draufsteht. Das Genius des Einzelgängers Reznor wurde auf dieser Platte von “hurt” untermauert - dem Song, der 10 Jahre später Johny Cashs Abschiedshymne wurde, und ihn endgültig unsterblich werden ließ.
Dann folgte Stille. Liest man sich durch die wirklich nicht schlecht geschriebene Marilyn Manson-Biographie, weiß man auch warum - Reznor war endgültig dem Selbsthass erlegen, machte sich ab und an noch mal auf Soundtracks für Oliver Stone und David Lynch bemerkbar, propagierte mit David Bowie seine Angst vor Amerikanern und verbrachte den lieben langen Tag damit, “Taxi Driver” zu gucken. Jeden lieben langen Tag. Wie man das halt so macht, wenn man blockiert ist.
Irgendwann 1999 flackerte während einer der unsäglichen MTV-Award-Shows das typische NIN-Logo über die Leinwand. Nur kurz, knapp 30 Sekunden, musikalisch unterlegt von einer Debussy-ähnlichen Klavierwelle, die schlußendlich in eine brachialen Gitarrenwand krachte. Herr Reznor hatte wohl ein paar Monate zuvor unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Videorecorder zertrümmert, die De Niro-Filmsammlung bei ebay verhökert, und sich wieder um das gekümmert, was er am besten kann: Unerhörte Klänge, brilliante Hooklines, gänzlich atypischer Gesang. “The Fragile” erblickte das Licht der Welt, das Doppelalbum, welches man nur lieben oder hassen kann; ein penibelst zusammengefrickelte Epos, welches durchaus zu den 50 wichtigsten Rockplatten der Welt gehört, und mit seiner von Beatles-Aufpasser Bob Ezrin ausgeklügelten Dramaturgie fernab von dem ist, was der einfache Musikkonsument auch nur einen Song lang durchstehen könnte. Es folgten ein Remix-Album, und eine großartige Liveplatte nebst DVD, die in einer extrem limitierten Auflage mit neuem, auf spärlicher Pianoinstrumentierung basierendem Material aufwartete. Melancholische Töne aus Reznors Kopf, und eine Abmahnung an all jene, die bei NIN nur an digitalen Krach denken.
2005. Sechs Jahre sind vergangen, die Fragile-Tonträger sind bereits zerkratzt, und die NIN-Gerüchte-Küche brodelt mehr denn je. Nicht zuletzt, weil Reznor selbst auch mal ganz gerne ein paar Brocken ins NIN-ternet spuckt, oder irgendwo auf der Welt Plakate ankleben lässt, deren Anblick dann für wildeste Spekulationen bei den Fans sorgen.
Fest steht: Am 3.5. erscheint “With Teeth”, das neue Nine Inch Nails-Album. Fest steht: Es wird keine Klang-Orgien a la “Fragile” geben, sondern 12 handfeste Songs. Fest steht auch: Ab 21.3. werden die Radiostationen dieser Welt, zumindest die mit Format, die erste Auskopplung namens “The Hand that feeds” spielen, während man auf den Musiksendern, zumindest denen mit Format, ein Video zu einem Song namens “Only” sehen wird (was wiederum bisher noch nicht bestätigt ist, aber durchaus zur NIN-Veröffentlichungspolitik passt). Fest steht: Ich freu mir ein Ei an den Kragen*.
Was die Gerüchteküche angeht: Die brodelt wie perfektes Nudelwasser. Es heißt, Herr Reznor plane den absoluten kommerziellen Durchbruch, und würde auf dem neuen Album die Linkin-Parksche-Pop-Schiene fahren. Andere Küchen besagen, daß es sich um die härteste Platte seit “The downward spiral” handeln würde. Und ein in einschlägigen Internetforen immer wieder auftauchendes Individuum namens “Cashpiles”, welches von sich selbst behauptet, irgendwie mit dem NIN-Camp verbändelt zu sein (Reznor selbst?), will die Platte schon in den Händen gehabt haben. Da ist dann von einem ominösen Booklet die Rede, in welchem Reznor nicht nur eine Geschichte zum Album niedergeschrieben, sondern dieses auch mit Zeichnungen gespickt haben soll. Noch interessanter: Cashpiles spricht von einem 13. Track namens “Connection”, der als ewig vor sich hin morphender “Software-Song” mittels Interaktion des Users auf dem eigenen Rechner hin und her morpht.
Was auch immer an diesen Geüchten dran sein mag, für mich steht nur eine Sache defintiv fest: Der 3. Mai wird mein persönlicher Feiertag**, komme was wolle.
*) “Ein Ei an den Kragen freuen”, keine Ahnung wo das nun wieder her ist, aber für mich bedeutet es, daß ich in einer Zeit, in der Musik so grauenhaft schnelllebig geworden ist, in einer Zeit, in der ein Album bei mir bestenfalls einen Tag dauert und meistens von einer Band mit “The” am Anfang veröffentlicht wurde, in einer Zeit, in der eigentlich jede Woche zwischen Tonnen von Schrott irgend etwas gutes völlig unbemerkt an mir Vorbeiveröffentlicht wird, weil es einfach zu viel Musik gibt… Kurzum: Daß ich mich in desolaten Musikzeiten wie diesen tatsächlich noch mal so sehr auf eine Platte freue, wie vor 15 Jahren. So richtig, mit Kalendertage bis zur VÖ zählen, mit Gänsehaut beim Aufreissen der Verpackung, mit klaren Vorgaben, wann und wie ich die Platte hören werde, und mit der Gewissheit, den Skip-Button keinesfalls zu betätigen.
**) Weitere persönliche Feiertage: Frau Eriadors Fertigstellung der Diplomarbeit, Ted Leo live in Köln, und selbstverständlich das Les Mercredis-Debüt.


4. Februar 2005 um 10:01
Hoffe wir mal, das der Kommerzzug an ihm vorbeifuhr und es nicht so einen Absturz wie bei Manson&Co geben wird…ansonsten zertret ich meinem CD-Player live im Internet… :-\
4. Februar 2005 um 10:43
Hmmm, ich glaube, bei Trent ist das wurscht. Man denke mal an The Downward Spiral zurück. Da sind mit Piggy, Closer und Hurt drei durchaus kommerziell verwertbare Stücke drauf, und Closer war ja dann auch ein Mega-Seller. NIN haben den Dreh raus, kommerzielle Apspekte mit unkommerziellen zu verknüpfen, ohne daß man es wirklich merkt. Und bleiben sich dabei immer noch treu. Ich sag nur “Into the Void”. War ja auch so ne Nummer.
4. Februar 2005 um 12:15
Hoffen wir es einfach…
Was heisst: “den Dreh raus”? Wenn man nur alle 5 Jahre mal aus der Manson-Villa rausschaut, dann kann man es nicht wirklich kommerziell sehen.
Zu Piggy und Closer: Meiner Meinung nach nicht wirklich kommerziell verwendbar -> Diese Songs mag man, oder man mag sie nicht.
Zu Hurt: Ein feiner Song…wenn ich nicht so schrecklich langweilen würde, wenn ich ihn mal nachspiele. :D
Was mich so ein wenig stört (vllt. bin ich auch kleinlich), ist der Satzfetzen: “sondern 12 handfeste Songs” …mir drängen sich dabei die “handfesten Songs” des Herren Warner auf. (Die Bio war wirklich nicht schlecht geschrieben…im Hinblick auf sein jetziges Affentheater hätt er es aber besser bleiben lassen sollen, imo.)
Egal…ich freu mich drauf. :D
an diesen Geüchten dran sein <- Schönheitsfleck ;)
4. Februar 2005 um 12:34
Das “12 handfeste” ist mehr oder minder auf den Doppel-CD-Exkurs namens “The Fragile” gemünzt. Man kann ja heute kaum erwarten, daß die Leute noch Zeit und Geduld für ein Album mit 2 CDs voller Instrumentals, Übergänge, Soundschnipseleien, Hidden Tracks und nem Konzept aufbringen. So gesehen vermute ich mal, daß damit dann auch “kommerzieller” gemeint ist. Generell leichter zugänglich, weniger auf den Song an sich, als vielmehr auf’s Format bezogen. Hätte man “The Fragile” auf die wesentlichen Songs reduziert, und eine CD draus gemacht, wäre das Ding auch in Europa ein Hit geworden. Bin ich fest von überzeugt. Was nicht heißt, daß ich es so wie es ist nicht brilliant finde.
4. Februar 2005 um 12:55
Es ist brilliant. :) Diese “Schnipseleien” sind eine meiner grössten Inspirationsquellen. :D
4. Februar 2005 um 15:54
Die ganze Zeit steht auf meinem Merkzettel: “Herrn Shhhh was unter seinen NIN-Beitrag schreiben.” Jetzt aber….
Danke! Für diesen Artikel! Dafür das ich beim Lesen gegrinst habe und zustimmend genickt habe!
Nach dem Lesen habe ich die “Closer” angeworfen und mich (wie immer) gefreut.
NIN ist sich auch ungefähr zur gleichen Zeit in mein Gehör gefressen. Bei mir war es die “Pretty Hate Machine” und es war Liebe auf den ersten Takt. Sie ist mir auch immer noch die Liebste. Aber das mit der eigenwillige Elektronika verbitte ich mir im Übrigen, denn alles oben genannte höre ich immer noch regelmässigst, mit Ausnahme von CC. :-)
Sonst ist erschreckend wie einig wir uns sind. Sie schreiben mit doch nur nach der Nase, Herr Shhh. Bei mir steht der Maitermin auch im Kalender und ist mit 242-Veröffentlichungen gleichwertig.
Ich überlege ja immer noch mir das Re-Release der Spiral zuzulegen. Obwohl klar ist, dass da nix schöner dran ist. Musikautismus halt…
5. Februar 2005 um 13:33
Nun, ich mache mir bei Reznor ehrlichgesagt keine Gedanken darum, dass er kommerziell im Bösen Sinn des Ausdrucks werden könnte… Dafür sind er und seine Kompositionen glaube ich zu vertrackt in sich selbst um mainstreamig oä zu werden.
Ich meinerseits bin zwar kein Fan der ersten Stunde, sondern erst seit “The Downward Spiral”. Die CD hab ich mir aufgrund der Verbindung zu M. Manson damals gekauft, in der Hoffnung, etwas Ähnliches zu hören… Da das nicht der Fall war stand diese CD (wie übrigens fast alle meine NIN-Cds) erstmal mangels Interesse ein paar Monate ungehört im Regal rum. Und im Endeffekt hab ich mich in jeder von Reznors Scheiben verliebt :)
Aber: Werter Herr Shhhh haben vergessen, Reznors visuelle Orgien ausführlicher lobend zu erwähnen ;) Ich finde, vor allem die Videos zu “Closer” und der “Film” zur “Broken” sprechen für seine Fähigkeit, seine Musik auf schockierende Art und Weise sichtbar zu machen :)
Greetings, Feri.
5. Februar 2005 um 16:37
Autsch, mit den Videos, daß seh ich ein wenig anders, deshalb auch nicht darüber im Teext. Sicher, Closer und auch The Perfect Drug waren brilliante Videoclips, was aber schlußendlich an der Bildästhtik eines Mark Romanek lag (siehe markromanek.com). Aber das Broken-Movie empfand ich als Schrott. Sicherlich genial in Bezug auf “Wie erbaue ich mir meinen eigenen Internet-Mythos”, aber filmisch, naja. Ähnlich geht’s mir bei den restlichen Clips, ich finde, da war bisher noch nicht der richtige Regisseur am Werk. Und dabei sind passende Namen doch so naheliegend: FIncher, Lynch, Cunningham…
9. April 2005 um 04:31
nin-news und ein reznor-schrein und so: http://www.dewretching.de ;)