Missing Link: Curve.
Als ich gegen Mittag die Mail erhielt, überfiel mich eine gewisse Traurigkeit. Eine Traurigkeit, die mich sonst nur überfällt, wenn meine Lieblingszeichentrickserie eingestellt wird, oder ich plötzlich feststellen muß, daß die leckere Wurst alle ist: Curve, die von mir leider Gottes viel zu selten beworbenen Aggro-Pop-Heroen, die Wegbereiter für Bands wie Garbage, Placebo, Muse, die wohl unterschätztesten Frontfrau-in-böse-Bandoleros der Popgeschichte, danken nach fast 25 Jahren Underground- und Underdog-Status ab. Sang- und klanglos.
Und dabei hätten die umwerfende Toni Halliday - übrigens Verheiratet mit Krachproduzent Alan Moulder (Soulwax, NIN, etc.) - und der charismatische Soundfrickler Dean Garcia sich jetzt eigentlich schon auf einem absolut überlegenen Legendenstatus ausruhen können. Wäre da nicht mal wieder eine Plattenfirma im Spiel gewesen, die ihre ganz eigenen Pläne hatte.
Bereits 1992 erregten Curve mit dem Album “Doppelganger” Aufsehen im internationalen Indie-Segment. Die krude Mischung aus sphärisch wabernden Sounds, krachigen Gitarren, fiesen Drums, Arrangments aus Pop und Brutalität, und Toni Hallidays zwischen Lieblichkeit, Gift und Galle pendelnden Vocals bildete den damaligen, unmißverständlichen Gegenpol zu allem, was sonst noch irgendwie Pop und neu sein wollte. Und das lange, lange Zeit, bevor ein gewisser Butch Vig mit einer Band namens Garbage ein unerhörtes Plagiat auf den Markt schmiss. (Interessant ist übrigens, daß ausgerechnet Eurythmic Dave Stewart Curve damals zusammen brachte. Aber das wiederum ist eine andere Geschichte…)
Wirklich bekannt wurden Curve Mitte der 90er mit dem Album “Cuckoo” und der dazugehörigen Single “Missing Link”, die den Einheitsbrei auf MTV gehörig aufmischte, und ganz klar hervorhob, wo die Stärken von Curve lagen. Katzenmusik im positiven Sinne, vertonte Eigenwilligkeit, ein Krachschlag auf Popniveau. Dennoch blieb der ganz große, durchaus verdiente Erfolg aus. Curve lösten sich auf, kehrten aber Ende der 90er zurück, um kurze Zeit später das Album “Come Clean” zu veröffentlichen, welches in eine ähnliche Kerbe wie der Vorgänger schlug, jedoch ebenfalls nur von ein paar Fachmagazinen bemerkt wurde. Und natürlich den Fans, die Curve zurecht immer treu blieben.
Und dann wurde es still, Garbage wurden erfolgreich, und Curve zerstritten sich mit ihrer Plattenfirma. Weil man die Fans jedoch nicht im Stich lassen wollte, veröffentlichten Garcia und Halliday auf ihrer Internetseite das MP3-Album “Open day at the hate fest”. Zu einer Zeit, wo offizielle Downloads jedoch noch keine so große Rolle spielten. Dementsprechend war die Resonanz eher karg - mal abgesehen von ein paar ausrastenden Fans. Es folgten noch weitere, eher enttäuschende Veröffentlichungen unter Eigenregie, “Gift” und “The new adventures of…”, sowie das Best Of-Album “The way of Curve”, welches aber ebenfalls nur spärliche Resonanz in der breiten Öffentlichkeit fand. Was auch kaum verwundert, so ganz ohne Plattenfirma und Promotion.
Und am 31.1. dieses Jahres verkündete dann Toni Hallyday hochoffziell ihren offiziellen Abschied auf der offiziellen Internetseite. Natürlich denkt man da: “Is ja nicht so schlimm, die letzten Curve-Platten waren eh nicht der Bringer!” Dennoch tut es ein bisschen weh, eine Band, die zumindest in meiner musikalischen Sozialisation eine gewisse Rolle gespielt hat, gehen zu sehen. Ohne den Respekt, den sie verdient hätte. Denn Curve waren die Chart-Wegbereiter für Kollegen wie Garbage (ja, zum hundersten Mal…), Placebo, Muse und dergleichen, eben für die ganzen leicht melancholischen Popkrachschläger, die wir heute kennen und lieben und kaufen. Nur schade, daß das damals und heute kaum einer mitbekommen hat. Deshalb, heute, hier, Curve-Trauerwoche. Mit der Empfehlung, schleunigst die üblichen Kanäle zu aktivieren, um ein paar Curve-Alben (Cuckoo, Come Clean, Pubic Hair) runterzu*…
In memoriam: Curve official
Fansite: The Curve archive
*) Das kann man ausnahmsweise übrigens guten Gewissens tun, da die Band an besagten Platten nach dem Streit mit Universal (Aha!) nichts mehr verdient. Wer Curve post mortem wirklich noch was Gutes tun möchte, bestelle bitte die “Best Of” über die Homepage. Das lohnt bei 75 Cent pro Song durchaus…

