Netzfanatismus.

Ja, ich geb’s ja zu, mein Nine Inch Nails-Fanatismus nimmt im Moment pervers manische Züge an. Ich kann mich jedoch immer wieder darauf berufen, daß diese unsägliche Vorfreude auf bestimmte Album-Releases vor 15 Jahren noch völlig normal war. Damals, als es noch kein Internetz gab. Da hat man tatsächlich eine fast schon weihnachtliche Vorfreude emfpunden, wenn man irgendwo las, daß eine bestimmte Schallplatte herauskommen wird. Und ja, ich hab als Teenanger bei manchen Veröffentlichungen einiger anderer Bands noch eine genaue Erinnerung daran, wie ich am Veröffentlichungstag um Punkt 9 Uhr vor der Eingangstür des lokalen Plattenhändlers stand, nur um schnellstmöglich und am besten als allerallerallererster das Objekt der Begierde zu ergattern. Das waren noch die Zeiten, als Musik einen Wert hatte.

Heute gibt’s das auch noch. Manchmal. Bei mir im Moment eben angesichts der bereits erwähnten Nine Inch Nails-Platte, die am 3. Mai in den Läden stehen wird. Damit geb ich mich zufrieden, da freue ich mich tierisch drauf, nicht ganz so extrem wie auf das erste Ted Leo-Konzert meines Lebens, aber fast genauso doll. Und dennoch gibt es gerade im Internetz Zeitgenossen, die mit ihrer Vorfreude fast schon einen Schritt zu weit gehen. Das ist mir gerade eben bewusst geworden, als ich in diversen NIN-Foren die Geschehnisse der gestrigen Nacht nachlesen durfte. Und Hilbert-Fans sind im Vergleich dazu fast schon brave, kleine, harmlose Pupsengelchen…

Was war geschehen? Die neue Nine Inch Nails-Single “The hand that feeds”, angeblich ein Anti-Bush-Song, soll ab 21.März in den Radios gespielt, und dann irgendwann im April als CD erhältlich sein. Bereits letzte Woche postete jemand in einem Forum, er wäre beim Videodreh dabei gewesen, hätte den Song gehört, und so wie es aussieht, würden sowohl Video als auch Song ein absoluter Knaller. Der anonyme Poster wartete mit zahlreichen Details auf, inklusive einem Scan eines Production-Sheets, auf dem diverse Namen und Fakten zu lesen waren, sowie einer ungenauen Transkription der Lyrics. Es handelte sich also nicht um einen Fake. Merkwürdigerweise verschwanden diese detailreichen Postings binnen weniger Stunden wieder aus dem Internet, kommentarlos, und so wie es aussah, hatte wohl irgendeine einflussreiche Person ein Problem mit diesem Informations-Loch. Wahrscheinlich wegen der Ungenauigkeit der Angaben - das ist jedoch nur Spekulation.

Kaum eine Woche später, also gestern Abend, meldete das Zentralorgan aller bekloppten NIN-Fans den Supergau: Irgendein kleiner Radiosender in Kentucky hätte angeblich die Single gespielt, in voller länge, und irgendein junges Mädchen aus diesem Bundeststaat hätte die ganze Sache auf Tape aufgezeichnet, jedoch keinerlei Schimmer, wie sie das Ergebnis in den Rechner bekommen sollte. Als Beweis dafür, daß das kein blöder Spaß sei, postete das Mädchen eine Transkription der Lyrics - die tatsächlich wesentlich genauer waren. Die Foren überschlugen sich angesichts der Meldung, einige brachen unter der Last zusammen, überall wurden Anleitungen reingestellt, wie man wohl am besten eine Tape-Aufzeichnung in den Rechner bekommen konnte. Es gelang ihr jedoch nicht.

Ein Großteil der amerikanischen Fans flippte daraufhin völlig aus, ergoß sich in Beschimpfungen, daß man im Redenck-Land wohl noch nie was von Computern gehört hätte, und daß es ja klar sei, daß ein Anti-Bush-Song jemanden in Kentucky überfordern würde. Auch das brachte jedoch nicht den gewünschten Effekt, und so bombardierte man plötzlich den Radiosender mit E-Mails und Anrufen. Die Jungs bei dem kleinen Sender müssen ziemlich blöd aus der Wäsche geguckt haben, als sie plötzlich Fans von der Ostküste und sogar aus Europa an der Strippe hatten. Und verwiesen clevererweise darauf, daß auch andere Sender in anderen Staaten “The hand that feeds” heute spielen würden. Tatsächlich sprangen diverse Stationen auf den Zug auf, und vertrösteten die quängelnde Fanmasse damit, daß man den Song in den nächsten Stunden spielen würde.

Das Grinsen, das die Radiomacher angesichts der für die paar Stunden ins unermessliche gestiegenen Hörerzahlen hatten, hätte ich zu gerne gesehen. Denn wie sich herausstellte, war (fast) alles nur Verarsche. So wie es aussah, hatte jemand beim Videodreh einen Mitschnitt des Songs gemacht, und diese Aufzeichnung tatsächlich ein paar Sender zukommen lassen. Tatsächlich lief in Kentucky dieser qualitativ minderwertige Mitschnitt auch über den Äther, doch kaum 5 Minuten später meldete sich jemand mit Einfluss beim Radiosender, und untersagte eine weitere Ausstrahlung - mit der Androhung rechtlicher Konsequenzen. Das verschwiegen die Radiomacher jedoch, und nutzten das Chaos im Netz zu ihren Gunsten aus. Über 10 Stunden lang, denn in dieser Zeitspanne lief auf diversen Sender der Hinweis, daß man NIN gleich spielen würde.

Die Aufklärung kam dann heute in den Mittagsstunden via einer NIN-Nachrichtenseiten. Und kaum lief das Hauptforum aller NIN-Fans wieder einwandfrei, wagte sich auch ein Trent Reznor höchstpersönlich in Messageboard, mit einem herzlichen “Fuck you!” an alle, die diese Massenhysterie ausgelöst hatten, und einer Niederschrift der echten Lyrics - nach dem Motto: Wenn schon, dann richtig!

Als ich den Verlauf heute Nachmittag las, musste ich herzlich lachen. Denn sicher, ich geb’s ja zu, ich bin auch so ein Bekloppter, ich hab ja hier sogar einen Countdown mitlaufen. Aber so bekloppt, daß ich mir 10 Stunden Radio antue und sogar das Internetz zum zusammenbrechen bringe dann doch wieder nicht. Und ich sag’s nochmal, damals, ohne Internetz, da hat es sowas nicht gegeben. Da war diese Spannung im Vorfeld irgendwie… entspannter.


 
 
 

6 Kommentare zu “Netzfanatismus.”

  1. Kunar
    20. Februar 2005 um 17:30

    Finde ich herrlich, daß der Künstler seinen allzu extremen Fans mal ein paar Widerworte an den Kopf schleudert! Es ist schon traurig, was sich zum Teil im Vorfeld einer Veröffentlichung für Szenen abspielen: In Erwartung eines Anti-Bush-Liedes kennt die Gier keine Grenzen - und keinen gesunden Menschenverstand mehr, der irgendwann “Halt!” schreien würde. Sehr interessant, daß dann auf der Basis von Gerüchten pauschal die Einwohner irgendwelcher US-Bundesstaaten als zurückgebliebene Hinterwäldler abgestempelt werden. Ja, das zeigt Weltoffenheit und geistige Beweglichkeit und man ist ja soviel besser als die Leute, gegen deren einfache Weltsicht und Engstirnigkeit man eintritt…

    Klasse, daß Sie von so etwas hier berichten, Herr Shhhh!

  2. Ivo
    20. Februar 2005 um 19:15

    Hmmm. Toll. Kann ich ganz und gar nachvollziehen. Andere Musikrichtung zwar aber nachvollziehbar.

    Bei der letzten Neil-Young-Platte war es allerdings so, dass der Meister erst mit dem völlig unbekannten Sachen auf Tour ging und dann das Album herausbrachte.

    Die Konzerte waren toll. Er spielte *alle* Songs seiner neuen Platte. Keiner kannte auch nur ein Lied.

    Tja, in dem Alter kann man sich das leisten…

  3. deco
    22. Februar 2005 um 12:18

    Also Anti-Bush-Song ist eine Interpretation von Leuten, die gern politisieren… Hörts doch einfach selbst und denkt mal selber nach.
    Und hat wirklich trent selbst die lyrics gepostet? ich nehm an du meinst echoing-the-sound…

  4. Herr Shhhh
    22. Februar 2005 um 12:46

    Jep, das ETS-Board. Anti-Bush-Song liegt auf der Hand, ich mein, das Wort “crusade” benutzt man heutzutage eigentlich nur noch in einem Kontext. Aber natürlich lässt sich der Text auch auf alles mögliche beziehen. Ich find ihn übrigens klasse.

    Das mit Trent ist natürlich nur spekulation, aber es muß zumindest jemand aus demNIN-Camp oder von Interscope gewesen sein, denn wer sonst hat jetzt schon Zugriff auf die Lyrics…

  5. MB
    23. Februar 2005 um 08:31

    Schon Karten? :-)

  6. lyrics
    18. Mai 2005 um 02:08

    lyrics

Kommentar abgeben:

Sie müssen angemeldet sein um Kommentare abgeben zu können.