Monatsarchiv für Februar 2005

 
 

Warum man bei den Temperaturen nicht draussen pinkeln sollte…

…könnte ich jetzt hier beantworten. Mache ich aber aus Trotz nicht. Denn:

Ich wollte eigentlich darüber schreiben, daß meine Gehörgänge gestern quasi aus dem Nichts einen Ohrwurm entwickelten. I’m a Scatman - Muß man nur hinschreiben, und schon dröhnt es in den Ohren auf der anderen Seite des Monitors, und man denkt an nervende Musiksender, die Erfolgstitel so lange auf und ab dudeln, bis man sie mitkotzen kann.

Ich wollte eigentlich darüber schreiben, daß ich mich kurz darauf gefragt habe, was eigentlich aus dem Interpreten dieses Titels geworden ist, und dann via Google feststellen mußte, daß John “Scatman” Larkin 1999 gestorben ist. Und daß mich das doch irgendwie erschrocken hat, den Abgang vom Scatman überhaupt nicht mitbekommen zu haben.

Aber irgendwas ist ja immer. Und so ertappe ich mich gerade dabei, wie ich eigentlich was schreiben wollte, es dann aber doch nicht geschrieben habe, und dann wiederum nur darüber geschrieben habe, daß ich es schreiben wollte.

Früher, also ganz früher, so in den Frühzeiten meines alten Blogs, da hätte jetzt hier ein fiktionaler Text gestanden. Über die Entdeckung, daß Charlie Sheen unter meinem Bett wohnt, und neuerdings immer kleine Zettelchen unter mein Kopfkissen legt, auf denen dann Sachen stehen wie: “Milch ist alle!”, oder “Socken waschen!”, oder: “Du bist viel zu emotional, Dir sollte ab einem gewissen Punkt auch mal was komplett am Arsch vorbei gehen!” oder “Werd erwachsen, kümmer Dich mehr um Dich!”. Und alles immer mit “Buddy” unterschrieben, oder mit Kussmund drauf.

Aber früher ist leider vorbei, so wie Scatman John tot ist und Charlie Sheen nie wirklich unter meinem Bett gewohnt hat. Manchmal muß man sich das vor Augen halten, daß bestimmte Dinge einfach weg sind. Machmal muß man auch lernen, daß man sich selbst was vormacht. Und daß es wichtig ist, sich die kleinen Zettelchen selbst zu schreiben. Ohne Kussmund.

Missing Link: Curve.

Als ich gegen Mittag die Mail erhielt, überfiel mich eine gewisse Traurigkeit. Eine Traurigkeit, die mich sonst nur überfällt, wenn meine Lieblingszeichentrickserie eingestellt wird, oder ich plötzlich feststellen muß, daß die leckere Wurst alle ist: Curve, die von mir leider Gottes viel zu selten beworbenen Aggro-Pop-Heroen, die Wegbereiter für Bands wie Garbage, Placebo, Muse, die wohl unterschätztesten Frontfrau-in-böse-Bandoleros der Popgeschichte, danken nach fast 25 Jahren Underground- und Underdog-Status ab. Sang- und klanglos.

Und dabei hätten die umwerfende Toni Halliday - übrigens Verheiratet mit Krachproduzent Alan Moulder (Soulwax, NIN, etc.) - und der charismatische Soundfrickler Dean Garcia sich jetzt eigentlich schon auf einem absolut überlegenen Legendenstatus ausruhen können. Wäre da nicht mal wieder eine Plattenfirma im Spiel gewesen, die ihre ganz eigenen Pläne hatte.

Bereits 1992 erregten Curve mit dem Album “Doppelganger” Aufsehen im internationalen Indie-Segment. Die krude Mischung aus sphärisch wabernden Sounds, krachigen Gitarren, fiesen Drums, Arrangments aus Pop und Brutalität, und Toni Hallidays zwischen Lieblichkeit, Gift und Galle pendelnden Vocals bildete den damaligen, unmißverständlichen Gegenpol zu allem, was sonst noch irgendwie Pop und neu sein wollte. Und das lange, lange Zeit, bevor ein gewisser Butch Vig mit einer Band namens Garbage ein unerhörtes Plagiat auf den Markt schmiss. (Interessant ist übrigens, daß ausgerechnet Eurythmic Dave Stewart Curve damals zusammen brachte. Aber das wiederum ist eine andere Geschichte…)

Wirklich bekannt wurden Curve Mitte der 90er mit dem Album “Cuckoo” und der dazugehörigen Single “Missing Link”, die den Einheitsbrei auf MTV gehörig aufmischte, und ganz klar hervorhob, wo die Stärken von Curve lagen. Katzenmusik im positiven Sinne, vertonte Eigenwilligkeit, ein Krachschlag auf Popniveau. Dennoch blieb der ganz große, durchaus verdiente Erfolg aus. Curve lösten sich auf, kehrten aber Ende der 90er zurück, um kurze Zeit später das Album “Come Clean” zu veröffentlichen, welches in eine ähnliche Kerbe wie der Vorgänger schlug, jedoch ebenfalls nur von ein paar Fachmagazinen bemerkt wurde. Und natürlich den Fans, die Curve zurecht immer treu blieben.

Und dann wurde es still, Garbage wurden erfolgreich, und Curve zerstritten sich mit ihrer Plattenfirma. Weil man die Fans jedoch nicht im Stich lassen wollte, veröffentlichten Garcia und Halliday auf ihrer Internetseite das MP3-Album “Open day at the hate fest”. Zu einer Zeit, wo offizielle Downloads jedoch noch keine so große Rolle spielten. Dementsprechend war die Resonanz eher karg - mal abgesehen von ein paar ausrastenden Fans. Es folgten noch weitere, eher enttäuschende Veröffentlichungen unter Eigenregie, “Gift” und “The new adventures of…”, sowie das Best Of-Album “The way of Curve”, welches aber ebenfalls nur spärliche Resonanz in der breiten Öffentlichkeit fand. Was auch kaum verwundert, so ganz ohne Plattenfirma und Promotion.

Und am 31.1. dieses Jahres verkündete dann Toni Hallyday hochoffziell ihren offiziellen Abschied auf der offiziellen Internetseite. Natürlich denkt man da: “Is ja nicht so schlimm, die letzten Curve-Platten waren eh nicht der Bringer!” Dennoch tut es ein bisschen weh, eine Band, die zumindest in meiner musikalischen Sozialisation eine gewisse Rolle gespielt hat, gehen zu sehen. Ohne den Respekt, den sie verdient hätte. Denn Curve waren die Chart-Wegbereiter für Kollegen wie Garbage (ja, zum hundersten Mal…), Placebo, Muse und dergleichen, eben für die ganzen leicht melancholischen Popkrachschläger, die wir heute kennen und lieben und kaufen. Nur schade, daß das damals und heute kaum einer mitbekommen hat. Deshalb, heute, hier, Curve-Trauerwoche. Mit der Empfehlung, schleunigst die üblichen Kanäle zu aktivieren, um ein paar Curve-Alben (Cuckoo, Come Clean, Pubic Hair) runterzu*…

In memoriam: Curve official
Fansite: The Curve archive

*) Das kann man ausnahmsweise übrigens guten Gewissens tun, da die Band an besagten Platten nach dem Streit mit Universal (Aha!) nichts mehr verdient. Wer Curve post mortem wirklich noch was Gutes tun möchte, bestelle bitte die “Best Of” über die Homepage. Das lohnt bei 75 Cent pro Song durchaus…

Wochenendrapport.

Liebe Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau. Ja, sicher, es ist schon schlimm, wenn ein junger, 25jähriger Bursche am Freitagabend den Aldi-Markt hier um die Ecke ausraubt. Sogar bewaffnet war der Jungspund. Dennoch glaube ich, daß ihr ihm mit der Täterbeschreibung wirklich keinen Gefallen tut:

…er hatte ein sportliche Figur und dunkle Haare. Dazu trug er eine blaue Strickmütze und eine grüne Wollmütze…

Ja, bitte, wie hat man sich das denn vorzustellen? Zwei Mützen? Wer will das gesehen haben, wenn doch die eine über der anderen war? Und der Typ muß doch kurz vorm Hitzeschlag gewesen sein, oder täusche ich mich da…?

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Ich weiß nicht, ob ich es nur geträumt habe, aber irgendwie glaube ich, es war echt: Gestern Nacht, so gegen 3 Uhr, meine ich auf Viva Sweety gesehen zu haben. Das ist eigentlich nicht ungewöhnlich, denn Sweety läuft ja in jedem Werbeblock, rund um die Uhr, ob als animiertes Handybild oder als Remix. Aber ich bin mir dennoch sicher, gestern Nacht einen neuen Sweety-Spot gesehen zu haben. Zumindest die letzten 3 Sekunden davon. Sweety wurde von einem Sägeblatt durchtrennt. Somit hat sich meine Prophezeiung von letzter Woche bewahrheitet. Weiß jemand mehr?

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Die neue Wir sind Helden-Single gefällt mir nicht. Wenn die erste Auskopplung aus dem neuen Album einen so dahingeschluderten Nachgeschmack hinterlässt, will ich nicht wissen, was da noch kommt. Andererseits ist der Text wiederum großartig, was zumindest beweist, daß die Hololololofernes immer wieder tolle Texte schreibt. Und auch beweist, daß die Texte vor dem Song entstehen. Anders kann ich mir das nicht erlären.

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Neuer Sport am Samstag: Kleine Kinder von meinem Dach vertreiben. Das war sonst nie ein Problem, aber mittlerweile scheinen die halslosen Teppichratten regelrecht Spaß daran zu finden, Samstag morgens von der angrenzenden Stadtmauer aus mein Flachdach zu beehren, und sich dann in meiner Dachlaube niederzulassen. Vorzugsweise rauchend. Es sind zwar immer andere Gören, die ich da antreffe, aber die Antworten auf meine Fragen sind jedes Mal gleich doof:

“Was glaubt Ihr, warum da ein Scheißzaun ist, hä!?”
“Ja, öhhh, weiß nich, habbich nich gesehn!”.

Oder:

“Warum raucht ihr? Ihr seit gerade mal 12 oder so!!!”
“Ja, öhhh, weiß nich!”.

Auch nicht schlecht:

“Stell Dir ma vor, ich komm zu Euch in den Garten, einfach so, und rauch mir da ersma eine, und mach Krach. Meinsse Deine Eltern fänden das cool?”
“Ja, öhhh, weiß nich, wir ham kein Garten!”.

Langsam gewöhne ich mich an diesen spektakulären Start ins Wochenende…

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Noch ‘ne mediale Feststellung: Sat1 bringt Sonntag Nachts wieder Softpornos. Nicht, daß mich das abseits meiner momentanen Schlaflosigkeit sonderlich interessieren würde (”Iiiiiiiich!?! Nieeeee!”), aber so wie es aussieht, scheinen die ollen Spiegel-TV-Wiederholungen und DCTV-Beiträge doch nicht die erwünschte Quote gebracht zu haben. Und ich frage mich allen ernstes, wann der erste Sender es wagt, den Schund ins Nachmittagsprogramm zu ziehen. Wundern würd’s mich nicht.

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Am Rande: Du kannst Dir noch so sehr vornehmen, über gewissen Dingen zu stehen. Wenn es Herzensdinge sind, wird Dir der Vorsatz definitiv misslingen.

Feststellung vom Sonntag.

Ich geh in Scheiben.

Tolle Liste, dreist geklaut.

Normalerweise sind ja so Fragebögen nicht meine Sache, aber der hier muß sein, wegen Musik und so. Geklaut beim Dokter Dahlmann, dem bloggenden Rückenmuskel.

1. Total amount of music files on your computer:

Itunes meldet exakt 39,82 GB (Spielzeit: 20 Tage, 8 Stunden, 47 Minuten und 50 Sekunden), und das finde ich ziemlich erschreckend. Jetzt muß ich aber dazu sagen, daß ich die Library dieses Rechners schon seit 2001 oder so pflege, daß ich einen Großteil meiner heimischen CD-Sammlung importiert habe, und daß ich früher mal ein Musikmagazin mitgestaltet habe - teilweise auf diesem Rechner.

2. The last CD you bought was:

Ist zwar nicht so lange her, aber ich habe keinen blassen Schimmer mehr. Irgend ein Indie-Zeuchs oder ein Soundtrack, auf jeden Fall was aus der Grabbelkiste. Aber an die letzte DVD kann ich mich noch erinnern: Depeche Mode - Devotional.

3. What is the song you last listened to before reading this message?

The Kills - I hate the way you love

4. Write down 5 songs you often listen to or that mean a lot to you.

In keiner spezifischen Reihenfolge:

The Postal Service - Brand New Colony
Schlicht und ergreifend eines der schönsten Liebeslieder, das ich kenne. Herr Gibbard arbeitet mit wundervoll schrägen Metaphern wie “Feuerleiter” oder “Reißverschluß”, um zu erzählen, was er für seine Liebste alles sein möchte, und ich denke jedes Mal: Das will ich auch! Also sein, nicht haben.

Tony Bennett - Rags to riches
Der letzte noch lebende Crooner der ersten Generation. Den hab ich merkwürdigerweise im Kontext MTV Unplugged vor über 10 Jahren für mich entdeckt. Es war einfach ergreifend zu hören, wie Herr Bennett in besagter Aufzeichnung das Mikrofon wegschmiss, um “Fly me to the moon” zu schmettern, und dem jungen Publikum in der rappelvollen Halle zu zeigen, was tatsächlich “unplugged” bedeutet. “Rags to riches” war in jenem Kontext mein Lieblingssong - wahrscheinlich, weil ich den Text sofort drauf hatte und mitschmettern konnte. Ab 1,5 Promille gelingt mir das auch heute noch.

Alec Empire - Addicted to you
Schwer zu erklären, was ich an der Krach-Orgie gut finde. Wahrscheinlich die komprimierte Wut, die elektronifizierte Rock’n'Roll-Drohgebärde, und diese generelle Fick-Dich-dafür-dass-Du-da-bist-Einstellung des Songs. Naja, und ich hab’s irgendwie schon immer mit monotonen Sägezahn-Boxentöter-Knarzbässen und einfach strukturierten Strophe/Refrain-Songs gehabt.

Weezer - El Scorcho
Mit der Pinkerton verbinde ich sehr viel späte Jugend. In der Zeit entwickelte ich wohl meine Tollpatschigkeit, die ich bis heute mit viel Erfolg und weitreichenen Konsequenzen für mein näheres Umfeld hege und pflege. El Scorcho ist der Song dazu. Der Song, der mich immer wieder daran erinnert, warum ich beispielsweise in einen Hundehaufen trete, obwohl ich ihn vorher gesehen habe.

Ruby - Hoops
Lesley Rankine habe ich wirklich geliebt. Weil sie zynisch war. Weil sie zwei große Platten gemacht hat (nach Silverfish). Weil ich einen Remix für sie machen durfte. Weil Garbage Jahre später bei ihr geklaut haben. “Hoops” ist eine akkustische Hasstirade auf dem ersten Ruby-Album. Beginnt wie ein kleine-Mädchen-Abzählreim, weckt aber spätestens nach der ersten Strophe den spontanen Impuls, jemandem einen rostigen Nagel ins Knie bohren zu wollen. Deshalb höre ich den Song immer wieder mal. Wenn ich sauer bin, zum Beispiel.

5. Who are you going to pass this stick to? (3 persons) and why?

Frau Eriador, wennse denn Zeit dafür hat.

Herr Spochtraucher, wenn er denn noch mal den Weg in sein Blog findet.

Und Pop-Waldar sowieso.

Aber warum, weiß ich auch nicht.

Pralle Sachen.

Die werte Frau Kaltmamsell hat das Belle de Jour-Buch gelesen und für nicht so prall befunden. Dafür fand sie aber das Blogs-Buch um so praller. Schade ist jedoch, daß niemand auf die Idee kommen wird, “Blogs!” zu verfilmen. “Belle de Jour” schon, das ist ja bereits in Arbeit, wenn man dem unglaubwürdigen Internet glauben darf.

Was ich persönlich an Frau Kaltmamsell prall finde, ist das auf linken Seite ihres Blogs zu bestellende T-Shirt. Für mich zumindest hat sich damit die Frage geklärt, ob ich mir demnächst das Popp-Buch oder das Textil-Bekenntnis zulege.

Liebe Spammer.

Namentlich:

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Ich weiß nicht, was das soll. Während ich Nachts zu Hause qualvoll versuche in den mir anscheinend nicht vergönnten Schlaf zu fallen, bombardiert ihr mit fast 300 Angriffen mein Blog. Kommentarspam und so. Das macht ihr ja nicht zum ersten Mal, und deshalb habe ich auch einen Spamfilter installiert, der Euch ganz artig rausfiltert. Dennoch blockiert ihr hier den Betrieb, und das ist irgendwie scheiße. Zumal ihr anscheinend auch nicht rafft, daß selbst im Falle eines gelungenen Angriffes kein Schwein auf einen Eurer offensichtlichen Poker-Links klickt. Und selbst jetzt, wo ich Eure gesammelten Adressen hier gepostet habe, wird das (hoffentlich) nicht passieren. Ich geb Euch einen Tipp: Versucht’s woanders. Im SpOn-Forum zum Beispiel. Oder bei der süddeutschen Intelligenzbestie, die ich hier nicht verlinke. Aber lasst mich bitte in Ruhe. Sonst setzt’s was.

Singing in the rain.

Hat jemand eine Ahnung, wer diesen wunderbaren Remix fabriziert hat?

Edit: Hab ich’s doch glatt richtig vermutet: Die da waren’s. Muß man nicht kennen.

Vorahnung, schlechte.

Ich hab ja beim betrachten solcher Seiten und beim Lesen des dazugehörigen Artikels auf SpOn das ungute Gefühl, daß Jamba die Sache ausschlachten wird. Zumindest wäre es in Anbetracht der kleinendummenkinderndasgeld ausdentaschenzieher-Mentalität der Herren Handytuner gar nicht so abwegig, wenn sie jetzt auf den “Tötet Sweety”-Zug aufspringen, und den ganzen Kram für teuer Geld im teuer Spar-Abo zum Download anbieten würden.

Sweety is dead, long live Sweety, oder so.

nine inch nails.

Es muss anfang 1990 gewesen sein, als ich via dem damals durchaus noch konsumierbaren Musiksender MTV auf Nine Inch Nails stieß. “Head Like a Hole” lief im Indie-Format “120Minutes” spät nachts rauf und runter, und ohne Umwege in mein mit bis Dato relativ eigenwilligen Elektronika (Frontline Assembly, F242, DM, Cassandra Complex, etc. pp. blablabla.) sozialisiertes Ohr. Die dazugehörige Platte “Pretty Hate Machine” entpuppte sich als Pflichtkauf, und gehört auch knapp 15 Jahre später immer noch zu meinen absoluten Favoriten. Und daß, obwohl sie im Wandel der Zeiten und vor allem im Vergleich zu den darauffolgenden NIN-Alben an Biß verloren hat - Depeche Mode in böse, wenn man es denn knackig ausdrücken will.

1992 erstand ich gleich am Tag der Veröffentlichung “Broken” und das dazugehörige Remix-Bollwerk “Fixed”, zwei als EPs getarnte Alben, die so völlig anders waren, als das Debüt. Brachiale Di-Gitarren, wummernde Beats, Klangbilder, die sich jenseits meiner damaligen (durchaus hohen) Schmerzgrenze bewegten und laut CD-Booklet nicht mono-kompatibel waren und ein von Weltekel und Hass zerfressener Trent Reznor, der sich die Seele aus dem Leib schrie - das war irgendwie so faszinierend, daß mich ab da das Thema NIN nicht mehr losließ. Ich hatte nicht unbedingt meinen persönlichen Soundtrack gefunden - wie man das im Musikredakteurjargon so mühsam ausdrücken würde - aber immerhin ein Stück Musik aufgetan, daß mir half, die Wehen der Adoleszenz zumindest musikalisch kompensieren zu können.

1994 beschloss dann Herr Reznor neben Wut und Hass noch eine ordentliche Portion Trauer und Verzweiflung in seine Musik zu mischen, und veröffentlichte “The Downward Spiral”, eine aggressive Tour de Force, die erneut mit bis Dato nie gehörten Klangspielereien, einem fesselnden Konzept und einer fast schon zermarternd guten Mischung aus Pop und böse aufwartete. “Closer”, der “Fuckyoulikeananimal”-Song, stürmte die Charts, tauchte zur Freude aller visuell orientierten Menschen als Remix auch im Vorspann des Thrillers “Sieben” auf, und hinterließ bei allen Nichtkennern, die sich darauf hin das dazugehörige Album kauften, leichtes Entsetzen. Bei mir nicht, denn ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, was auf mich zukommen würde, wenn irgendwo Nine Inch Nails draufsteht. Das Genius des Einzelgängers Reznor wurde auf dieser Platte von “hurt” untermauert - dem Song, der 10 Jahre später Johny Cashs Abschiedshymne wurde, und ihn endgültig unsterblich werden ließ.

Dann folgte Stille. Liest man sich durch die wirklich nicht schlecht geschriebene Marilyn Manson-Biographie, weiß man auch warum - Reznor war endgültig dem Selbsthass erlegen, machte sich ab und an noch mal auf Soundtracks für Oliver Stone und David Lynch bemerkbar, propagierte mit David Bowie seine Angst vor Amerikanern und verbrachte den lieben langen Tag damit, “Taxi Driver” zu gucken. Jeden lieben langen Tag. Wie man das halt so macht, wenn man blockiert ist.

Irgendwann 1999 flackerte während einer der unsäglichen MTV-Award-Shows das typische NIN-Logo über die Leinwand. Nur kurz, knapp 30 Sekunden, musikalisch unterlegt von einer Debussy-ähnlichen Klavierwelle, die schlußendlich in eine brachialen Gitarrenwand krachte. Herr Reznor hatte wohl ein paar Monate zuvor unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Videorecorder zertrümmert, die De Niro-Filmsammlung bei ebay verhökert, und sich wieder um das gekümmert, was er am besten kann: Unerhörte Klänge, brilliante Hooklines, gänzlich atypischer Gesang. “The Fragile” erblickte das Licht der Welt, das Doppelalbum, welches man nur lieben oder hassen kann; ein penibelst zusammengefrickelte Epos, welches durchaus zu den 50 wichtigsten Rockplatten der Welt gehört, und mit seiner von Beatles-Aufpasser Bob Ezrin ausgeklügelten Dramaturgie fernab von dem ist, was der einfache Musikkonsument auch nur einen Song lang durchstehen könnte. Es folgten ein Remix-Album, und eine großartige Liveplatte nebst DVD, die in einer extrem limitierten Auflage mit neuem, auf spärlicher Pianoinstrumentierung basierendem Material aufwartete. Melancholische Töne aus Reznors Kopf, und eine Abmahnung an all jene, die bei NIN nur an digitalen Krach denken.

2005. Sechs Jahre sind vergangen, die Fragile-Tonträger sind bereits zerkratzt, und die NIN-Gerüchte-Küche brodelt mehr denn je. Nicht zuletzt, weil Reznor selbst auch mal ganz gerne ein paar Brocken ins NIN-ternet spuckt, oder irgendwo auf der Welt Plakate ankleben lässt, deren Anblick dann für wildeste Spekulationen bei den Fans sorgen.

Fest steht: Am 3.5. erscheint “With Teeth”, das neue Nine Inch Nails-Album. Fest steht: Es wird keine Klang-Orgien a la “Fragile” geben, sondern 12 handfeste Songs. Fest steht auch: Ab 21.3. werden die Radiostationen dieser Welt, zumindest die mit Format, die erste Auskopplung namens “The Hand that feeds” spielen, während man auf den Musiksendern, zumindest denen mit Format, ein Video zu einem Song namens “Only” sehen wird (was wiederum bisher noch nicht bestätigt ist, aber durchaus zur NIN-Veröffentlichungspolitik passt). Fest steht: Ich freu mir ein Ei an den Kragen*.

Was die Gerüchteküche angeht: Die brodelt wie perfektes Nudelwasser. Es heißt, Herr Reznor plane den absoluten kommerziellen Durchbruch, und würde auf dem neuen Album die Linkin-Parksche-Pop-Schiene fahren. Andere Küchen besagen, daß es sich um die härteste Platte seit “The downward spiral” handeln würde. Und ein in einschlägigen Internetforen immer wieder auftauchendes Individuum namens “Cashpiles”, welches von sich selbst behauptet, irgendwie mit dem NIN-Camp verbändelt zu sein (Reznor selbst?), will die Platte schon in den Händen gehabt haben. Da ist dann von einem ominösen Booklet die Rede, in welchem Reznor nicht nur eine Geschichte zum Album niedergeschrieben, sondern dieses auch mit Zeichnungen gespickt haben soll. Noch interessanter: Cashpiles spricht von einem 13. Track namens “Connection”, der als ewig vor sich hin morphender “Software-Song” mittels Interaktion des Users auf dem eigenen Rechner hin und her morpht.

Was auch immer an diesen Geüchten dran sein mag, für mich steht nur eine Sache defintiv fest: Der 3. Mai wird mein persönlicher Feiertag**, komme was wolle.

nin.com

*) “Ein Ei an den Kragen freuen”, keine Ahnung wo das nun wieder her ist, aber für mich bedeutet es, daß ich in einer Zeit, in der Musik so grauenhaft schnelllebig geworden ist, in einer Zeit, in der ein Album bei mir bestenfalls einen Tag dauert und meistens von einer Band mit “The” am Anfang veröffentlicht wurde, in einer Zeit, in der eigentlich jede Woche zwischen Tonnen von Schrott irgend etwas gutes völlig unbemerkt an mir Vorbeiveröffentlicht wird, weil es einfach zu viel Musik gibt… Kurzum: Daß ich mich in desolaten Musikzeiten wie diesen tatsächlich noch mal so sehr auf eine Platte freue, wie vor 15 Jahren. So richtig, mit Kalendertage bis zur VÖ zählen, mit Gänsehaut beim Aufreissen der Verpackung, mit klaren Vorgaben, wann und wie ich die Platte hören werde, und mit der Gewissheit, den Skip-Button keinesfalls zu betätigen.

**) Weitere persönliche Feiertage: Frau Eriadors Fertigstellung der Diplomarbeit, Ted Leo live in Köln, und selbstverständlich das Les Mercredis-Debüt.