Monatsarchiv für April 2005

 
 

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Diesen Freitag, 20 Uhr. Marsberg, “Tenne”, Sauerland. Date mit zwei Wahnsinnigen, mitten im grünen Nichts.

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Die bittere Wahrheit eines Songs mit der Hookline “Und Du bist nicht dabei!”

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Fremde Bekanntschaften als Ersatz für das morgendliche Spiegellesen. Schon zum dritten mal in dieser Woche den Satz “Du hast furchtbar abgenommen!” gehört. Sich fragen, ob das gut oder schlecht ist.

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Den Bekanntenkreis mit der Zielsetzung konfrontieren, dieses Jahr einfach mal total gay zu sein. Nicht schwul, nein, einfach nur gay. Darauf spekulieren, daß der lokale H&M noch diesen Sommer Männerhandtaschen führen wird. Vielleicht beim nächsten Konzert über Make-Up nachdenken. Den Gedanken als Alltagswahnsinn verwerfen.

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Ich würde gerne mit Axel Bosse ein Bier trinken, und ihn fragen, warum mir seine Musik trotz der wirklich flachen Texte so gut gefällt, und warum ich gerne seine Unfrisur hätte.

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Mein Handy, Dein Blog:

“Seltsam… Nach der ersten Studiosession mit der Sängerin merken, daß diese eigentlich viel zu jung (vielleicht auch zu blöd) ist, um die Songs adäquat umzusetzen. Sich anschliessend fragen, wie das weitergehen soll. Fuck, ich muß noch 10 Songs mit der aufnehmen…”

SMS von einem guten Freund, die mich Montag Nacht, 1.35 Uhr, aus dem Schlaf riß.

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Schlüsselreize der 80er: Ein quitschgelber, hysterischer Kreis, der sich im speedwahn zweidimensional über den Bildschirm bewegt, scheiße labert, und Zini heißt.

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Manchmal tut es (nicht) mehr weh.

Rasen.

Und dann ist da dieser Moment, wo Du den Kippschalter umkippst, und ein elektrisches (nicht elektronisches) Rauschen aus den Boxen rauscht, so als ginge gleich die gesamte P.A. in die Luft. Und die riechst den Strom, spürst seine Spannung, siehst Deine beiden Mitmusiker in stillem Einverständnis an, und harrst für einen kurzen Moment aus. Dann drückst den Playbutton des elektronischen Drummers, und dröhnst für rund 3 1/2 Minuten alle Probleme Deiner Welt aus den Luftschlitzen des Proberaums.

vs.

Und dann ist da dieser Moment, wo Du den Kippschalter umkippst, und ein elektrisches (nicht elektronisches) Brummen aus diesem kleinen Ding brummt, so als ginge es gleich in die Luft. Und die riechst den Strom, spürst seine Spannung, siehst Dein Spiegelbild in stillem Einverständnis an, und harrst für einen kurzen Moment aus. Dann setzt Du den elektrischen Rasierapparat an, und schreist laut auf, weil veraltete Scheerblätter nun mal eher reissen als scheeren.

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Ja, ich habe den Eintrag, der hier eben stand, gelöscht.

KURZE UNTERBRECHUNG:

EIN DENKMAL FÜR HERRN WALDAR. ER WEISS, WARUM!

Und ja, das ist bewusst in Versalien geschrieben, weil Herr Waldar Versalien verdient hat.

Lieber Herr Sportraucher,

(Alle anderen bitte jetzt weglesen!)

Ich würde bitte gerne am kommenden Freitag auf der Fahrt zu unserem Konzert nach Marsberg (tiefstes Sauerland, wo die Mädchen noch schöner als die Kühe sind, und ja, das ist auch Eigenwerbung) diese absolut grandios rockende Platte auf ihrem mp3-Playerdingsda vorfinden. Ansonsten bitte ich um Versetzung in eine andere Band. Meinzwegen auch diese da. Von wegen “I hate you!”. Haha!

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Ein Stück zu Hause ist wieder da, sagte sie. Und ging.
Ein Stück zu Hause ist immer noch da, dachte ich. Und blieb.

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Reife ist, wenn man als gestandener Indie-Sack tatsächlich nicht wegzappt, wenn die Flippers bei Frank Elstner zu Gast sind, sondern die komplette Sendung ausharrt, weil man denkt, man könne noch etwas lernen.

Erkenntnis ist, wenn man sich dann doch darin bestätigt sieht, daß von bestimmten Menschen, deren kreativen Output man schon immer scheiße fand, trotz aller Reife einfach nichts zu lernen ist.

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Und dann war da auf dieser einen Party der liebenswerte Hypochonder, der die wirklichen Vorzüge seines neuen Arbeitsplatzes mit dem Satz “Und da is direkt gegenüber ne Apotheke und ne Bäckerei und ein Supermarkt!” anpries. In dieser Reihenfolge.

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Und dann war da auf dieser einen Party noch die 21jährige Exotin, die gefühlte 10 Stunden lang über ihr Leben, die Männer, Beziehungen und den Rest monologisierte, und sich am Schluß für das nette Gespräch bei mir bedankte.

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Und dann war da auf dieser einen Party noch das Badezimmer mit eingebautem Autoradio (nebst adäquater Beschallung), und die Feststellung, das Foo Fighters beim Pinkeln irgendwie animalische Triebe wecken.

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Sätze für Imagebroschüren: Wer in Siegen lebt, dem gefällt es überall.

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Herr Waldar hat recht: Bloggerscheisse.

VIPSCHEISSE.

Heute ist der 23. April, der Tag war nicht stressig, das Wetter schubst mich in eine nicht fassbare Trink- und Feierlaune, und ich hab gesterne Abend leider nicht mehr in eine Mischpult gepinkelt, geschweigedenn irgendwem die Vorzüge des Hermaphroditentums nähergebracht. Stattdessen haben ich alte Juliet Greco-Aufnahmen gehört, was sich total gay angefühlt hat, und dann habe ich beschlossen, daß ich irgendwann mal “Anarchy in the UK” covern möchte, und zwar als Dancefloorversion mit gepitchten Fraunvocals und einer Möderbassdrum. Danach habe ich mich sehr wirr gefühlt, und beschlossen, 12 Stunden am Stück zu schlafen, was mir ausnahmsweise problemlos gelang, da Billigbier irgendwie Müde macht.

Heute Abend werde ich die Einladung zu einer Party wahrnehmen. die ich wahrscheinlich nicht besucht hätte, wenn wir nicht als “die Band” eingeladen worden wären. Und ja, in solchen Fällen fühle ich mich ein wenig VIP, obwohl mir der Gedanke zuwider ist, denn “VIP” auf örtlichen Partys heißt meistens nichts anderes, als blöd in der Ecke rumzustehen, und sich Gespräche über Musik aufzwingen zu lassen. Das klingt übrigens arroganter als es eigentlich gemeint ist. Aber sollte es dennoch der Fall sein, das mich irgendjemand fragt, wie es denn musikalisch und auch sonst so läuft, werde ich “Grlzmpfl” antworten, und dann wahlweise in die Stereoanlage pinkeln, oder die kleine, wie Pocahontas aussehende Schwester des Gastgebers davon überzeugen, das Hermaphroditentum zwar gay, aber auch irgendwie cool ist.

Ich möchte in Zukunft übrigens nicht mehr “Blogger”, sondern “Tagesprognosenbuchschreiber” genannt werden. Der Begriff “Blogger” ist mir mittlerweile zu boulevardesque.

Identitätsscheisse.

Heute ist der 22. April, der Tag war stressig, das Wetter stimmt mich jedoch milde, ich hab den Kummer, den andere öffentlich gebloggt und ganz andere so expertenhaft kommentiert haben tüchtig runtergespült, und bewundere wiederum andere für den Mut, den sie vorher nicht hatten. In ca. 30 Minuten werde ich ein langweiliges Jazzkonzert besuchen, weil sich der anwesende Tonmeister mein teuerstes Lieblingsmikrofon ausgeliehen hat, und dann werde ich mich mit schlecht gezapftem Krombacher volllaufen lassen, ein paar Jazzkenner in Designerklamotten anpöbeln, vielleicht in ein Mischpult pinkeln und eventuell älteren Damen erklären, was ein Hermaphrodit ist, und warum ich gerne einer sein möchte. Vielleicht werde ich aber auch nur still in mich hineinschmunzeln und denken: Die Welt ist eine Freakshow. Heute vielleicht sogar ein wenig mehr.

Wieso das Remixen von sperma keinen spaß macht.

Ich bin vor kurzem (erstaunlicherweise) das erste Mal in meinem Leben gefragt worden, ob und warum ein Remix eigentlich Arbeit sei. Und irgendwie hat mich die Frage etwas länger beschäftigt, als ich erwartet hatte. Ich hatte eigentlich erwartet, daß sie mich überhaupt nicht beschäftigt. Genauso wenig wie die Frage, ob in Nudelwasser Öl gehört, oder ob es mich in irgendeiner weise erregt, daß Shirley Manson auf der Bühne keine Unterwäsche trägt.

Und sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Zum einen, weil es mich extrem glücklich gemacht hat, daß das endlich mal jemand wissen wollte. Zum anderen, weil ich mich selbst noch nie so richtig mit der Frage auseinandergetzt habe. Obwohl ich in den letzten 10 Jahren durchaus den ein oder anderen Remix abgeliefert habe (oder abliefern musste).

Klar ist: Der Unterschied zwischen Arbeit und Spaß ergibt sich aus dem Song. Ist der Ursprungssong gut, gefällt er mir, dann macht auch der Remix spaß. Der Flow stimmt, würden wahrscheinlich die Kollegen aus der Muckerfraktion (immer noch ein ekelerregendes Wort) sagen. Es ist aber tatsächlich so. Wenn da irgendetwas im Original mitschwingt, berührt, ergreifend wirkt, fesselt, dann fällt es um so leichter, sich ehrenvoll zu verneigen, und sein eigenes musikalisches Gewand um die prägnanten Spuren zu wickeln. Fast wie beim Kochen: wenn die Zutaten an sich schon Speichelfluß provozieren, wird die Verarbeitung auch Spaß machen. Und das Ergebnis kann dementsprechend auch, wenn man denn kein kulinarischer Legastheniker ist, der sogar Wasser anbrennen läßt. Oder Fruity Loops benutzt - und damit meine ich jetzt nicht unnatürlich aromatisierte Cerealien vom Planeten K, sondern eines von diesen Mit 1MausklickTechno™-Programmen, die gerne von jenen benutzt werden, die meinen, man könne mit 1MausklickTechno™ die Welt verändern, das Rad neu erfinden, oder Groupies in die von Muttern ausgesuchte Biberbettwäsche locken.

Wirklich Arbeit macht ein Remix nur in zwei Fällen. Und der erste liegt auf der Hand: der Remix ist ein Auftrag (meistens auch einfach nur eine Bitte), und der Originalsong klingt - formulieren wir es mal auf meinem Niveau - schlichtweg diametral scheiße. Nichts bewegt sich, nichts berührt. Dann gilt es wahlweise aus Scheiße Gold zu machen, sich also einfach auf die Gesangsspur zu konzentrieren, den Rest über Bord zu schmeissen, und tatsächlich einen “neuen”, anderen Song zu machen. Manchmal hat man auch richtiges Pech und selbst die Gesangsspur klingt nach rostiger Fahrradkette. In solchen Situationen entstehen dann die Remixe, die gar nichts mehr mit dem Original gemein haben, und wo vielleicht noch gerade ein achtfach pluginzerfrästest Fitzelchen Musik aus der Originalversion übrig bleibt. Und seien wir mal ehrlich: Wenn man sich die Maxis heutzutage durchhört, kommen solche Remixe ziemlich oft vor. In den meisten Fällen ein klares Indiz für eine Auftragsarbeit, die dem Remixer tatsächlich überhaupt keinen Spaß gemacht hat. Ungekrönter König der “Ich machden Scheiß nur wegen des Geldes”-Gilde ist übrigens Herr Richard D. James, auch als Aphex Twin bekannt. Der ist nämlich so dreist, daß er einfach einen alten Track aus seiner “alte Tracks”-Schublade zieht, und diesen als Remix verkauft. Das macht er ziemlich oft, und nach einer gewissen Zeit bringt er dann auch eine Compilation mit dem abgrundtief ehrlichen Titel “26 mixes for cash” raus. Remixerrealismus.

Der zweite Fall, und den erlebe ich im Moment mal wieder sehr extrem, ist die äusserst unangenehme Situation, sich selbst remixen zu müssen. Sich selbst remixen ist, ganz einfach erklärt, wie frisch gefaltene Wäsche auseinander zu nehmen, und noch mal und noch mal und noch mal zu falten. Vielleicht ist es auch wie eigenes Sperma schlucken, aber das hab ich bisher noch nicht ausprobiert, deshalb kann ich das auch nicht als Vergleich nehmen. So oder so, es ist mühsam einen Song, den man ja letztlich deshalb veröffentlicht, weil er fertig ist und in den eigenen vier Ohren perfekt klingt, noch mal aufrollen zu müssen, um ihn anders zu verpacken und länger, schwerer, breiter, schneller oder schöner zu machen. Qualvolle Stunden, kein richtiger Spaß, da das Gehirn sich vehement dagegen wehrt, die ursprünglich gute Idee aussen vor zu lassen, um etwas neues, anderes zu schaffen. Und machmal ist es sogar sehr frustrierend, wenn man dann so mitten im dritten Ansatz feststellt, daß der neue Harmoniewechsel im Remix besser klingt, als der alte im Original. Besänftigend ist dann schon eher, daß man diese Un/Glücksmomente in Remixen auskosten kann, ohne ständig auf die 3 1/2-Minutengrenze schielen zu müssen. Sequencerjazz ist erlaubt, wenn man remixt. Und wenn man sich selbst remixt, erst recht. Obwohl ich es immer noch nicht geschafft habe, 7 Minuten zu toppen. Das kann man wohl nur auf Drogen. Zumindest nicht auf denen, die ich nehme.

Die Frage, ob mir Remixen spaß macht, würde ich also grundsätzlich so konkret wie möglich beantworten. Mit “Kommt drauf an!” zum Beispiel.

Und die Frage, was dieser langweilig theoretische Text zum Thema Remixe hier soll, erklärt sich vielleicht aus diesem Zusammenhang. Von wegen Webmaxi und so…

Gefühlsrechnung.

2005 kleiner gleich 2004 kleiner gleich 2003.