Ich bin vor kurzem (erstaunlicherweise) das erste Mal in meinem Leben gefragt worden, ob und warum ein Remix eigentlich Arbeit sei. Und irgendwie hat mich die Frage etwas länger beschäftigt, als ich erwartet hatte. Ich hatte eigentlich erwartet, daß sie mich überhaupt nicht beschäftigt. Genauso wenig wie die Frage, ob in Nudelwasser Öl gehört, oder ob es mich in irgendeiner weise erregt, daß Shirley Manson auf der Bühne keine Unterwäsche trägt.
Und sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Zum einen, weil es mich extrem glücklich gemacht hat, daß das endlich mal jemand wissen wollte. Zum anderen, weil ich mich selbst noch nie so richtig mit der Frage auseinandergetzt habe. Obwohl ich in den letzten 10 Jahren durchaus den ein oder anderen Remix abgeliefert habe (oder abliefern musste).
Klar ist: Der Unterschied zwischen Arbeit und Spaß ergibt sich aus dem Song. Ist der Ursprungssong gut, gefällt er mir, dann macht auch der Remix spaß. Der Flow stimmt, würden wahrscheinlich die Kollegen aus der Muckerfraktion (immer noch ein ekelerregendes Wort) sagen. Es ist aber tatsächlich so. Wenn da irgendetwas im Original mitschwingt, berührt, ergreifend wirkt, fesselt, dann fällt es um so leichter, sich ehrenvoll zu verneigen, und sein eigenes musikalisches Gewand um die prägnanten Spuren zu wickeln. Fast wie beim Kochen: wenn die Zutaten an sich schon Speichelfluß provozieren, wird die Verarbeitung auch Spaß machen. Und das Ergebnis kann dementsprechend auch, wenn man denn kein kulinarischer Legastheniker ist, der sogar Wasser anbrennen läßt. Oder Fruity Loops benutzt - und damit meine ich jetzt nicht unnatürlich aromatisierte Cerealien vom Planeten K, sondern eines von diesen Mit 1MausklickTechno™-Programmen, die gerne von jenen benutzt werden, die meinen, man könne mit 1MausklickTechno™ die Welt verändern, das Rad neu erfinden, oder Groupies in die von Muttern ausgesuchte Biberbettwäsche locken.
Wirklich Arbeit macht ein Remix nur in zwei Fällen. Und der erste liegt auf der Hand: der Remix ist ein Auftrag (meistens auch einfach nur eine Bitte), und der Originalsong klingt - formulieren wir es mal auf meinem Niveau - schlichtweg diametral scheiße. Nichts bewegt sich, nichts berührt. Dann gilt es wahlweise aus Scheiße Gold zu machen, sich also einfach auf die Gesangsspur zu konzentrieren, den Rest über Bord zu schmeissen, und tatsächlich einen “neuen”, anderen Song zu machen. Manchmal hat man auch richtiges Pech und selbst die Gesangsspur klingt nach rostiger Fahrradkette. In solchen Situationen entstehen dann die Remixe, die gar nichts mehr mit dem Original gemein haben, und wo vielleicht noch gerade ein achtfach pluginzerfrästest Fitzelchen Musik aus der Originalversion übrig bleibt. Und seien wir mal ehrlich: Wenn man sich die Maxis heutzutage durchhört, kommen solche Remixe ziemlich oft vor. In den meisten Fällen ein klares Indiz für eine Auftragsarbeit, die dem Remixer tatsächlich überhaupt keinen Spaß gemacht hat. Ungekrönter König der “Ich machden Scheiß nur wegen des Geldes”-Gilde ist übrigens Herr Richard D. James, auch als Aphex Twin bekannt. Der ist nämlich so dreist, daß er einfach einen alten Track aus seiner “alte Tracks”-Schublade zieht, und diesen als Remix verkauft. Das macht er ziemlich oft, und nach einer gewissen Zeit bringt er dann auch eine Compilation mit dem abgrundtief ehrlichen Titel “26 mixes for cash” raus. Remixerrealismus.
Der zweite Fall, und den erlebe ich im Moment mal wieder sehr extrem, ist die äusserst unangenehme Situation, sich selbst remixen zu müssen. Sich selbst remixen ist, ganz einfach erklärt, wie frisch gefaltene Wäsche auseinander zu nehmen, und noch mal und noch mal und noch mal zu falten. Vielleicht ist es auch wie eigenes Sperma schlucken, aber das hab ich bisher noch nicht ausprobiert, deshalb kann ich das auch nicht als Vergleich nehmen. So oder so, es ist mühsam einen Song, den man ja letztlich deshalb veröffentlicht, weil er fertig ist und in den eigenen vier Ohren perfekt klingt, noch mal aufrollen zu müssen, um ihn anders zu verpacken und länger, schwerer, breiter, schneller oder schöner zu machen. Qualvolle Stunden, kein richtiger Spaß, da das Gehirn sich vehement dagegen wehrt, die ursprünglich gute Idee aussen vor zu lassen, um etwas neues, anderes zu schaffen. Und machmal ist es sogar sehr frustrierend, wenn man dann so mitten im dritten Ansatz feststellt, daß der neue Harmoniewechsel im Remix besser klingt, als der alte im Original. Besänftigend ist dann schon eher, daß man diese Un/Glücksmomente in Remixen auskosten kann, ohne ständig auf die 3 1/2-Minutengrenze schielen zu müssen. Sequencerjazz ist erlaubt, wenn man remixt. Und wenn man sich selbst remixt, erst recht. Obwohl ich es immer noch nicht geschafft habe, 7 Minuten zu toppen. Das kann man wohl nur auf Drogen. Zumindest nicht auf denen, die ich nehme.
Die Frage, ob mir Remixen spaß macht, würde ich also grundsätzlich so konkret wie möglich beantworten. Mit “Kommt drauf an!” zum Beispiel.
Und die Frage, was dieser langweilig theoretische Text zum Thema Remixe hier soll, erklärt sich vielleicht aus diesem Zusammenhang. Von wegen Webmaxi und so…