Und wie war Marsberg!?
…ach, was weiß denn ich. Es war entsetzlich, und irgendwie doch gut, so mitten im nichts. Marsberg, ein Städtchen im Sauerland, das vom lieben Gott anscheinend im bekifften Zustand in die saftig grünen Hügel gegossen wurde, um Provinzmenschenkindern wie uns zu zeigen, daß es immer noch ein wenig schlimmer geht als Siegen. Marsberg ist, laut Aussage der dortigen Jugend, irgendwann mal Drogenumschlagplatz Nummer 3 in Deutschland, gewesen - was sicherlich auch den völlig bedröhnten Eindruck erklärt, den einige wenige von uns dreien bei unseren Gastgebern hinterlassen haben müssen.
(Persönliche Randnotiz: Es tut mir leid, den ganzen Abend darauf gepocht zu haben, 2005 zu meinem persönlichen Gay-Jahr zu erklären. Ich bin im Moment in einer sehr, sehr, sehr selbstzerstörerischen Phase, und ich finde, da gehört auch ein bißschen Gayness dazu, um die ganze Sache nicht zu ernsthaft erscheinen zu lassen. Das schliesst dann auch subtile Flirtmanöver mit 60jährigen Zuschauerinnen ein. Man hat ja nix mehr zu verlieren. )
Aber gehen wir die Sache doch einfach noch mal chronologisch an:
Donnerstag noch eine letzte Probe, mit klarem Tenor auf Highspeed-Setlist, um die Provinz wachzurütteln. Das klappte wunderbar, fast schon gespenstisch gut. So gut, das wir beschlossen, den Abend in der Bar mit dem Sofa ausklingen zu lassen. Fatal ist nur, wenn man dann den Herrn Bassisten und mich mit Wodka für 1.70 alleine am Tisch lässt. Die gescheiterten Existenzen kennen ja keine Uhrzeit, und schwupps war’s plötzlich kurz nach drei Uhr. Und während ich noch im berauschten Smirnoff-Kopf überlegte, wie ich das mit dem Gayjahr am unmissverständlichsten erklären kann, wurde Herr Bassist beim Abmarsch fast noch von jemandem angegraben, der wirklich gay war. Aber eben auch nur fast.
Fast 4 Stunden später reisst mich mein mobiler Weckdienst aus wirren Träumen über tote Katzen, und genau so eine hatte ich auch auf der Zunge. Also völlig verschädelt ins Büro, die drei Stunden bis zur Abfahrt nach Irgendwo im Nirgendwo noch fleissig genutzt, um mühevoll ein paar selbstgebrannte CDs inklusive Pornocover zu erstellen, die man dann kostengünstig verschebeln kann. Das ausgerechnet die immer noch auf meinen Schreibtisch lagen, als wir schon längst die Ortsgrenze passiert haben, ist wiederum eine andere Geschichte.
Nach langer Fahrt durch verdammt viel Gegend erreichten wir dann auch endlich den Veranstaltungsort. Nein, kein Club. Nein, auch kein Vergnügungslokal mit Lachzwang. Vielmehr das gute, altbürgerliche Edelholzfurnier, mit Schullandheimästhetik, verdorrten Grüngebinden über der Bühne, und längs zur Bühne stehenden Tischen mit Deckchen und Kerzchen drauf. Daß der Kulturverein Marsberg hinter der Nummer steckte, der seinen 60jährigen Jahresticketabonnenten normalerweise lieber Folklore und Kabarett anbietet, hatte man uns vorher nicht gesagt, und wären da nicht die lieben Mädchen und Jungs von The Ashes Of Creation gewesen (Gruß auch noch mal da hin), hätte sich das Entsetzen auf unseren Gesichtern durchaus über den Abend hinweg gehalten. Aber man is ja zum Rocken da, egal ob für drei 60jährige Damen oder einen frankensteinesquen Wirt mit hohem Aggressionspotential, der sogar der Band mit Rausschmiss droht, wenn das Backstage-Bier nicht sofort unter’m Tisch verschwindet.
Da die ganze Sache jetzt schon etwas lange her ist, ich mir zwischenzeitlich zwei Kater, einen Mahnbescheid und einen Sonnenbrand gefangen habe, und im Moment eigentlich nur von Videomaterial zehre, kann ich auch gar nicht so ausführlich über den Rest des Abends berichten. Ich weiß, daß wir als Maria Schell Punk Explosion angesagt wirden, und daß wir gerockt haben, und daß die Ashes auch gerockt haben. Aber das ist ja sowieso unser Job. Ich weiß noch, daß wir einen 10jährigen Jungen dazu gezwungen haben, unanständige Sachen in die Kamera zu sagen, und daß ich mich in eine Kabeltrommel verknallt, und diese ganz handtaschenlike mit mir rumgeschleppt habe, nur um dem Vorwurf des Diebstahls zu entgehen. Ich weiß, daß ich den Kanarienvogel unseres Gastgebers anzünden wollte. Und daß meine Orientierung immer noch für den Arsch ist. Und daß man uns jetzt auch in Marsberg für Wahnsinnige hält. Aber so ist das nun mal an solchen Abenden.
Der Rest verschwimmt, aber dafür hat man ja die Videokamera und das Internet und ne Bandhomepage und DSL. Kann man ja mal gucken, is aber jetzt auch nicht so spannend…


3. Mai 2005 um 02:42
Videologic
In der Paella von Aldi sind Riesenmuscheln mit subversivem Geschmackserlebnis. Nach dem Genuss eines solchen Dings verbleibt im Gaumen ein Geschmack von Verwunderung das dieses “Etwas” einmal gelebt haben soll. Im Abgang mit Wunder als Beigeschmack.
…
3. Mai 2005 um 05:12
barfuss in turnschuhen auf der schicksten bühne im sunny sauerland. ich geh mal ne runde schmunzeln und so.
3. Mai 2005 um 06:51
Tolle Schreibe, Herr Shhhh!!!!
3. Mai 2005 um 12:01
Chronistenpflicht
Les mercredis im Outback. Klick auf das Bild f
3. Mai 2005 um 20:54
Ich wollte eigentlich dabei sein wenn Ihr in Marsberg seid. Paderborn liegt ja quasi nebenan.
Mir ist in Eurem sehr schönen Video einiges aufgefallen.
1. Du bist SOWAS von GAY!!! Aber, warum hast Du
2. nicht so eine tolle Aura wie der Gittarst und warum läufst Du
3. nicht auch immer so komisch in den hinteren Bereich der Bühne wie der Bassist. Dies würde dann vielleicht noch mehr Dynamik in die Show bringen.
Gruß Hendrik
3. Mai 2005 um 21:10
1. Danke, der Plan scheint zu funktionieren…
2. Weil mein Stirn nicht so hoch ist wie seine, und ich deshalb immer böse gucke, und meine Stimme auch eher nach Kermit klingt, was bei bestimmten Menschen unangeheme Assoziationen weckt.
3. Weil ich sonst die Kabel aus’m Keyboard reisse, und dann jeder merkt, das alles Playback ist. Ausserdem bewegen sich Keyboardfuzzis grundsätzlich nicht.
Ernsthaft: Da ging nicht viel mit rumhüppen, die hatten da wackelige Bühnenpodeste hingebaut, und der kleinste Hüpfer hat da immer schon mein ganzes Equipment zum schwanken gebracht. Deshalb sieht man Dr. Bass auch eher schleichen als hüpfen.