WITH TEETH

Ich hasse Reviews. Selbst, wenn es sich (wie bei Nine Inch Nails) um eine meiner Lieblingsbands handelt. Deshalb mal der Song für Song Ansatz. Bleibt alles anders. Also, hier, Herr Shhhh hört WITH-A-TEETH-A

ALL THE LOVE IN THE WORLD

Photek prügelt dem amerikanischen R’n'B die Scheiße aus dem Groove, Reznor klimpert ein wenig auf dem Piano dazu, und untenmunterdrunter brummelt ein dicker, fetter, digitaler Bassbär irgendwas von “Think positive, fucker”. Dann, so mittendrin, macht irgendwer den Sack mit der Aufschrift “Songmutation” auf, und es entweicht eine Art Gothgospelrockhouse-Ding, mit positiver und polyphoner Grundstimmung. Das erste Mal, daß mich nach “Big man with a gun” ein NIN-Song zum Grinsen und Wippen gebracht hat. Das ist also das, was man im NIN-Camp gemeinhin unter Pop versteht. Kann man machen. Aber vorsicht: Hoher Tambourin-Faktor!

YOU KNOW WHAT YOU ARE

So’n biscken in der Tradition von Starfuckers Inc, würde meine Großmutter väterlicherseits sagen, die damals schon so aussah, wie Reznor jetzt. Schnelles Rumgeholze auf metallernen Drums, kleine, detailierte Verhackstückalbernheiten in der Stimme, und dann eben dieses großzügig geschriene “Don’t you fucking know what you are?” im Heavy-Chorus, daß man auch im Alltag ganz gut benutzen kann, um zum Beispiel Postboten zu begrüssen. Ist im ersten Moment so ziemlich überhaupt nichts ungewöhnliches auf einer NIN-Platte, wäre da nicht…

(kurz mal zwischenhören!)

…dieser bittersüße Instrumentalpart ab der 2. Minute, der sich eine knappe Minute einfach so in den Song geschlichen hat, und bei mir zumindest für feuchte Hosen sorgt. Meinzwegen hätte man den auch auf 8 Minuten strecken, und dafür den Rest rausschmeissen können. Kleiner Insider: Schluß klingt wie Recoil.

THE COLLECTOR

Erweckt bei mir so eine Colalight-Assoziation. Ganz OK, aber irgendwie auf Dauer fad. Das Basis-Riff ist leicht hormongeschwängert, der hysterische Chorus hat auch seine erektylen Momente, und das Piano im Mittelteil ist richtig wirr, aber so als ganzes denke ich bei der Nummer immer an nasses Sperrholz. Naja, man erahnt David Gröhl am Schlagwerk, das ist durchaus positiv zu bewerten, denn so wie Gröhl trommelt wohl auch nur noch das Tier aus der Muppetshow.

THE HAND THAT FEEDS.

Ist gay. Nein wirklich. Gothdiscopophop, hat was von schwarzem Popcorn. Ich liebe den Song mittlerweile so sehr wie mein liebstes kuscheltier, und kann mir das feminine quieken nicht verkneifen, wenn Tront Rinsor im Mittelteil so wavemässig mit diesem “Will you bite..”-Ding abgeht. Man kann übrigens zum Riff “Girl, you really got me going” gröhlen. Vorallem nach drei Bier.

LOVE IS NOT ENOUGH

Böse Bond-esque anmutender Titel. Die Musik auch. Trent Bond rumpelt ganz weit unten rum, schreit oben drauf noch was oben drauf, und bretzelt im Chorus irgendwas daramtisches, von wegen wie weicheiig wir doch alle sind, und wie wenig sich das doch lohnt. Gothprosa eben. Dennoch eine der frischsten Nummern auf With Beef, mit latentem Popappeal, und leicht bedröhnter Absynthnote im Instrumentalteil. Für meine Ohren der bis jetzt stärkste Track, aber ich mag ja auch Billigbier aus dem Lidl-Markt, und bin sogesehen kein geeigneter Indikator für Trackstärke.

EVERY DAY IS EXACTLY THE SAME

Auch wenn ich bei dem Song latente Endorphinausschüttung spüre, empfinde ich es trotzdem als persönliche Beleidigung, wenn jemand sich so offensichtlich von einer mittlerweile irrelevanten basildoner Synthpopband inspirieren lässt. Ja, der Clown hier riecht nach mittleren Depeche Mode, da kann man sagen, was man will. Wenn man sich aber von der Analogie gelöst hat, hat man am Schluß eigentlich nur das Bedürfnis, den alten Trent fest zu umarmen, weil es ja irgendwie immer traurig ist, wenn sich jemand einredet, er sei Bill Murray. Leichter Liebeskummerpop mit viel NIN drin.

WITH TEETH

Wenn mich irgendwer fragen würde: “Hey, Shhhh, was ist denn DER EINE Song auf WITH TEETH?”, dann würde ich mit Sicherheit sagen: “Hey, Fragender, WITH TEETH ist DER EINE Song auf WITH TEETH!” Deshalb heißt die Platte ja auch WITH TEETH, und nicht anders. Übrigens hatte ich mal einen Klassenkameraden, der Anders hieß - aber das ist auch nichts wirklich neues. Ganz im Gegensatz zu WITH TEETH (oder WITH-A TEETH-A, so wie Tranz Rental das singt). Das ist wirklich was anderes, da kann man nur staunen, über so viel Gerumpel und Gepumpel, den ungeraden Beat, die Dynamik, den stetig variierenden Gesang über Drogen oder Frauen oder Beides (weiß man ja nie so genau), und den wunderschön balladesquen Zwischenteil (Achtung: Piano- und Tambourin-Alarm!), der am Schluß wie eine mit Wucht geschmissene Billie Joel-Platte an der Wand zerschellt.

ONLY

Als ich den Song das erste mal gehört habe, habe ich ungefähr so ausgesehen: ?. Mittlerweile sehe ich eher so aus: !?. Das hat aber nicht direkt was mit dem Song zu tun, sondern eher mit meiner plemplemesquen Eigenschaft, Musik auch verstehen zu wollen. Und was ich bei ONLY einfach nicht verstehe, ist die Struktur. Also ein Song, ein Popsong, der hat ein paar Teile, einen A-Teil, einen B-Teil, vielleicht auch einen C-Teil, und das ist dann in Verse, Chorus und Refrain gegliedert, damit sowas hängen bleibt. Muß man jetzt nicht verstehen, aber ich ungefähr wie beim Aufsatz in der Schule, so mit Hauptteil, Mittelteil und Schluß. Bei ONLY ist alles anders. Da zuckelt so ein verschossener Diskobeat vor sich hin, der entsprechende Bass wummert mit, und das alles auf einer durchegehden Tonfolge basierend, ohne erkennbare Struktur. Manchmal kommt eine NIN-Bratzengitarre rein, oder auch das auf dieser Platte oft benutzte Piano, aber ansonsten passiert nicht viel. Und ja, nicht zu vergessen, Torben Renzor macht wieder so Rapsachen wie damals auf der Pretty Hate Machine bei Down in It, was auch so einen latenten Neongelbstirnbandfaktor hat, aber irgendwie zu wenig Retro ist, um wirklich uncool zu sein. Um mich selbst mal zu zitieren: ONLY ist gay.

GETTING SMALLER

Hieß bei mir schon seit des ersten Leaks nur noch der “Flipflop”-Song, weil Tina Ranzor irgendwas mit “my arms go flipflopflipflopflip” singt, und damit einen kleinen Gag landet, der die ansonsten zwar starke, aber für NIN-Verhältnisse eher einfache Nummer vor der Beliebigkeit rettet. Kann ich nicht viel zu sagen, mag ich nur im Rausch, und im Rausch kann ich nicht schreiben.

SUNSPOTS

Noch so ‘ne Nummer, wo ich “?” mache. Fängt fast schon bekifft an, statisch, dann irgendwann kommt so ein Prince-Falsett-Chorus, der noch mal daran erinnern soll, daß Tornt Rumsfeld ja jetzt auch Popmusik machen will, und nicht immer nur die Goth-Teens in ihren verdunkelten Schlafzimmern mit Teenageangst deluxe verzücken will. Wenn man die Nummer bis zum Ende durchhört, glaubt man das auch, und selbst der abgefahrene Modular-Synth-Soloteil, der irgendwie so klingt, als hätte man eine Schlange angezündet, zieht die Nummer nicht wieder runter. Trotzdem neigt man zum weiterskippen. Das liegt aber nicht an dem Song, sondern an denen danach.

THE LINE BEGINS TO BLUR

Ab da brodelt mein innerer Kocktopf. Die Pasta ist übergar, alles sprudelt raus, der Song ist ein Teigwarenmonster namens Toni. Unvegleichlich gut, wie Raznaröck seine Wut im ungeschützen Raum rausschreit und Gröhl stakkatohaft auf die Eimerchen haut. Und dann kommt dieser dickliche Miracoli-Refrain rein, und man merkt, daß bestimmte Menschen mit 40 zwar immer noch wütend, aber irgendwie auch mild sind. Könnte auch als Jingle für Sterbeversicherungen funktionieren, wenn es nicht so brilliant wäre.

BESIDE YOU IN TIME

Tante Roswithas Herzstück auf dieser Platte. Meins auch. Die Scheidung vom Popsong. Da pulsiert was, da hämmert was, da zupft was auf einer Gitarrenseite, da läuft nichts im Sync, aber dennoch alles zusammen. Und dazu lieblich-melancholisch-verlassen unser kleiner Emofreund oben drüber, über gemeinsame Einsamkeiten. Ein wahrlich pinkfloydesquer Moment, der berauscht und berauschend fast 4 Minuten vor sich hinpuckert, um dann in einer bösartigen Gänsehautakkordfolge mehr als eindeutig zu deklarieren, daß ewige Liebe auch nur so ‘ne Sache ist, die nicht stimmt. Die Nummer hat mich in einem dieser Momente gepackt, die man aus den Psycho-Leserbriefseiten der Bravo kennt.

RIGHT WHERE IT BELONGS

Kann man auch Hurt Part 2 zu sagen, jetzt wo Tina Arena ja selbst zugibt, daß Hurt nicht mehr ihm, sondern Johnny Cash gehurt (haha!). Und bevor ich den Song jetzt wieder völlig unverständlich erkläre, sage ich nur so viel: Wunderschöne Pianoballade, bißschen NIN-Soundzeuchs mit drin, und viel Pippi in den Augen vom Trent beim singen.

UND DANN NOCH: DIE SACHE MIT DEM COVER.

Die Puristen meckern bei sowas ja immer, aber ich finde, es ist eine großartige Idee: WITH BEEF kommt als Digipack ohne Booklet. Das Booklet gibt’s als 5 MB, bzw. 20 MB PDF-Riesenposter (90 cm mal 120 cm) zum Selberlöten auf www.nin.con/with_teeth/, und der Witz bei der Sache ist, daß dieses Teil stetig mutiert, sich also im Laufe der nächsten Wochen immer wieder ein bißschen verändern wird. Riecht nach neuen Songs, und dem Abschied vom sowieso völlig überbewerteten CD-Format. Klar, kann man jetzt auch schimpten, aber wenn ich die Scheibe für 9.99 bei Itunes kaufe, und dann noch so ein digitales Dings dazu bekomme, ist das für mich der Wink in die richtige Richtung.


 
 
 

5 Kommentare zu “WITH TEETH”

  1. norrix
    4. Mai 2005 um 21:09

    nettes review, aber wo hast du track 14 mit dem schönen namen home gelassen?

    nachdem ich heute erst meine cd bekommen habe und sie erst ca. 5-6 mal gehört habe, kann ich noch nichts genaues sagen, ausser, dass sie mir schon gefällt, aber mich die wenigsten sachen so richtig reissen.

  2. Herr Shhhh
    6. Mai 2005 um 23:07

    Track 14 ist auf meiner nicht drauf. Ich hab den zwar, aber der ist doch nur Import…

    Die CD funktioniert nur bei Regen und Nachts.

  3. Andreas (dekaf)
    9. Mai 2005 um 16:10

    hmmm, also ich hab mir ja (als braver konsument) inzwischen auch noch die cd gekauft, digipack ohne booklet, deutsche pressung, und da ist track 14 “home”…

  4. Herr Shhhh
    9. Mai 2005 um 16:43

    Ich hab die Dualdisc, zugegeben nicht gekauft, sonder Reziexemplar, aber da is nix mit Home drauf. Der ist bei bei mir nur auf der THTF…

  5. zoso
    11. Mai 2005 um 18:16

    Also wir warten hier im Bureau auch sehnlichst auf den Postmann. Aber nix is. Versandprobleme. Pffff. Habe schon den Finger auf dem Download-Button von ITMS gehabt, bevor ich vom Kollegen zurückgerissen wurde.
    Wir sind nach wie vor gespannt…

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