Dumm wie Schokoriegel.
Und dann stehst Du da, alleine, Nachts, um kurz nach 2 Uhr, hast Deine Reinzeichnung beim Pförtner der Druckerei abgegeben, bist völlig benommen vom langen, stressigen Arbeitstag, und geniesst diese dicke, feuchte, nebelschwadengetränkte Luft, die sich wie Kaffeeweisser durch den vom Stadtlicht dunkelbräunlich gefärbten Nachthimmel zieht, und Deine trockenen Lungen mit etwas Frische füllt. Und Du ziehst einsam über die feuchten, schimmernden Fußwege dieses verschlafenen Ortes, blickst Dich um, siehst fest schlummernde Hauptverkehrsstrassen, die in dieser Nebelatmosphäre fast schon verkalkten Arterien gleichen, und vergisst ob dieses befremdlich morbiden Anblickes für einen Moment, daß Du eigentlich nach Hause wolltest. Du bleibst stehen, denkst für einen kurzen Moment über Dein Leben nach, einen kurzen, langen Moment; einen Moment, wo sich vielleicht alles in Dir ändert. Du denkst über Dein Herz nach, über Liebe, über das was war und das was ist, und dann blickst Du mit nebelfeuchten Augen nach oben, und siehst ein gleissend rotes Licht, daß wie in ein rotes Kissen gebettet den faserigen Nachthimmel illuminiert. Und Du denkst darüber nach, bist Dir in dem Moment ziemlich sicher, daß es der Mars ist, der dort oben scheint, und daß wahrscheinlich der Nebel dafür sorgt, daß man den roten Planeten als solchen auch ausmachen kann. Geschobene Logik, mitten auf dem Hauptverkehrsknotenpunkt Deiner kleinen Provinzstadt, Nachts um kurz nach 2 Uhr, alleine im Nebel. Und Du denkst den Schritt weiter, denkst über Zeichen und Wunder und Schicksale nach, und stehst dort, vielleicht nur eine, vielleicht auch ganze acht Minuten, und bist mir Dir selbst, und dem Himmel, und dem Schicksal, und der höheren Macht, die nur Dir etwas sagen will.
Und dann kommt der Moment, wo irgendwer in Deinem Kopf den Denkschalter wieder auf Notstrom stellt, und der kleine Mann in Deiner Denkzentrale eine wichtige Frage in Dein kognitives Rohrpostsystem leitet, die umgehend den zähneknirschenden Adressaten erreicht:
Warum zur Hölle gucke ich mir gerade seit 5 Minuten das rote Signallicht eines verschissenen, im Nebel kaum sichtbaren Baukranes an? Und wieso Mars?


10. Mai 2005 um 15:55
feine zeilen über das leben an sich und im besonderen in der provinz.
sowas gefällt und passiert mir selber, neulich erst auf der autobahn kurz nach hamburg. gruß und raus.