Eitelkeitscontent.
Mich würde zu gerne interessieren, warum die Menschen dieser Stadt ausgerechnet dann zum “Trend”-Friseur gehen, wenn ich gerade da hin will. In Anbetracht der Temperaturen da draussen ist es doch Wahnsinn sich die Haare schneiden lassen zu wollen. Gut, andererseits, ich bin ja auch nicht besser, wenn ich an solchen Tagen beschliesse, meine Immernochnichtpseudohipsterfrisur endlich zur Endlichpseudohipsterfrisur stutzen lassen zu wollen. Hipsterheerdentrieb. Also weiterhin schafwolldickes Gewusel auf dem Kopf, denn die Warterei tu ich mir beim besten Willen nicht an. Eitelkeit hin oder her, Pseudohipstertum hat auch Grenzen, und die sind bei mir irgendwo bei gefühlten 35 Grad Celsius.
Gerade in diesem Zusammenhang fällt mir auf, daß ich da früher ganz anders war. Wesentlich eitler, wenn es um Haare ging. Mindestens alle drei Wochen musste da was gestutzt und geschnitten werden, sonst fühlte ich mich einfach nicht wohl in meiner Haut. Definition seiner selbst via Frisur, die aber um himmelswillen nicht danach aussehen durfte, als sei man gerade beim Friseur gewesen. Das hat sich mittlerweile gelegt, da ich für mich selbst erkannt habe, daß man sich auch mit einer Unfrisur irgendwie wohl fühlen kann, wenn man weiß, wie sie zu stylen ist.
Woher diese Affinität zur Frisur kommt, habe ich glücklicherweise recht schnell begriffen. Klassische Erziehungsneurose. Ich kann mich nämlich noch genau an diesen wilden Mopp auf meinem Kopf erinnern, den meine Mutter mir bis zur späten Grundschulzeit verpassen ließ. Also zu der Zeit, als man noch nicht unbedingt selbst entscheiden durfte, wie man aussehen wollte. Prinz Eisenherz war ein Dreck gegen dieses pechschwarze etwas von Pony oder Bubikopf oder wie man das auch immer nennen will, was da auf meinem Kopf gezüchtet wurde, und aufgrund seiner Länge alle zur Kommunikation wichtigen Geischtspartien bedeckte.
Dann kam irgendwann die Zeit der Rebellion gegen die Styling-Vorstellungen meiner Eltern. Ich wollte mehr Pop in meinen Haaren, und Luke oder Matt Goss von dieser unsäglichen britischen Jungspop-Band namens Bros (ich war jung!) waren damals Pop, also marschierte ich ganz alleine mit dem Plattencover (Vinyl, baby!) des ersten Bros-Albums (Push) zum Friseur, drückte es ihm in die Hand, und bat verschüchtert um genau jene kurzgeschorene Kurzhaarfrisur. “Deine Mutter wird mich umbringen, aber ich mach’s trotzdem!” war der ungefähre Wortlaut, als er mit dem Rasierapparat ansetzte, und kaum 30 Minuten später war ich völlig irritiert, als ich das erste mal sah, daß sich unter meinen pechschwarzen Haaren leicht abstehende Ohren und sowas wie Kopfhaut befinden.
Später dann, als die Pubertät an meine Hintertür klopfte, wurde dieser Fimmel mit der Postar-Frisur immer extremer, und im nachhinein ist es mir sogar ein wenig peinlich, damals diese Trendhurenallüren gehabt zu haben. Ich war Neil Tennant von den Pet Shop Boys, inklusive Dauerwelle (siehe Cover der “Actually”), dann irgendwann Vanilly Ice-artig mit einrasierten Blitzen im Nacken und ein paar Jahre später, in den letzten Stufen der hormonellen Rebellion, mit selbstgehobelter Psychobilly-Flattop-Frisur (das war die Docs-und-Leder-EBM-Phase) unterwegs. Was generell nicht so schlimm war (meine Mutter sah das GANZ anders!), wäre da nicht das Problem mit meiner mediterranen Abstammung gewesen, die zumindest in jungen Jahren recht offensichtlich war, und eben einfach nicht zu den idealisierten Superfrisuren passen wollte: Eine Neil Tennant-Gedächtnis-Frisur mit pechschwarzen Haaren sieht nun mal eher nach Sohn eines Eisverkäufers aus, und für den waschechten Psychobilly-Look war ich einfach zu unschuldig – und vor allem zu unblass.
An die Zeit während und nach der Adoleszenz kann ich mich nicht so recht erinnern. Da war sicherlich auch was mit Frisurexperimenten, aber ich war ab da grundsätzlich immer der Typ Frischausdembett-Look, der ja heute, viele Jahre später, in allen Haarpflegeproduktwerbungen beworben wird. Und ich war Haargel-Addict, und bin das in Bezug auf eine Dickes-Haar-bändigende Portion “Murray’s”-Haarwachs (dicke Empfehlung für zum dickes Haar bändigen) immer noch – weil ich in Anbetracht der Massen auf meinem Kopf ungestylt nunmal immer noch wie ein verfilzter Yorkshireterrier (in Schwarz) aussehe, oder mir das zumindest einrede. Aber ehrlich gesagt ist mir das bei den Temperaturen eigentlich auch egal…


