Gespräch mit meinem 20jährigen Ich anlässlich des bevorstehenden 10jährigen Jubiläums meines 20jährigen Ichs.
Ich (jetzt): Und, wie fühlen wir uns heute so?
Ich (damals): Ein wenig ausgelaugt vom Wochenende, etwas neben der Spur, aber ansonsten ganz in Ordnung.
Ich (jetzt): Jaja, hier auch. Mal so interesshalber ins Zeitraumkontinuum gefragt: Wie stellst Du Dir denn Deinen 30. Geburtstag vor?
Ich (damals): Oh, schwierige Frage. Das ist ja auch noch ne Ecke hin. Ich denke, es wird ein Riesenfest, wahrscheinlich mit Freunden und Verwandten und der ganzen Familie, und vielleicht sogar mit Frau, Kind und Hund, in meiner Derendorfer Villa am Pool. Is ja Sommer, da kann man ja auch mal draussen feiern.
Ich (jetzt): Pfffff! Frau, Kind, Villa, Hund, Derendorf?! Darf ich Dich beunruhigen? Freu Dich nicht zu früh!
Ich (damals): Wieso? Bin ich denn in 10 Jahren nicht erwachsen und gefestigt, reif und ökonomisch voll auf der Spur?
Ich (jetzt): Absolut nicht! Du bist schlimmer als jetzt! Gut, Du bist dann auch älter als jetzt, aber vergiss den ganzen Establishment-Kack. Da wird zwar einiges in die Richtung passieren, aber innerlich wirst Du weiterhin ein kleiner Junge sein, und das ist auch ganz gut so. Und Deine Einstellung wird definitiv zynisch sein.
Ich (damals): Zynisch? Heißt das, ich scheitere zwischendurc, finde mich dann damit nicht zurecht, und versuche das alles via schrecklichem Humor zu kompensieren? Das klingt aber traurig! So will ich nicht werden!
Ich (jetzt): Ach komm, jetzt mal mal nicht den Teufel an die Wand. Du wirst Spaß haben und die Zeit geniessen, definitiv. Du wirst ein paar Entscheidungen bereuen, aber unter’m Strich wirst Du trotz innerer Unruhe und ein paar etwas schwerwiegenderer Fehler weitestgehend glücklich sein. Echt gezz.
Ich (damals): Ja wie jetzt? Und nix mit Villa?
Ich (jetzt): Nö. Aber Du machst Musik in einer Band, trinkst öfters mal zu viel Alkohol, schreibst Deine Gedanken für alle Leute lesbar ins Internet, und wirst jeden Morgen um 6 Uhr von der Parfümfahne Deiner 82jährigen Nachbarin geweckt. Ausserdem wirst Du den lieben langen Werktag in einem Großraumbüro sitzen, die Bewegungen eines Mauspfeils auf einem 21″Monitor mitverfolgen, und Deiner Arbeitskollegin dabei zuhören, wie sie über Torschlusspanik und Erfolglosigkeit im Aufgabeln von Männern jammern wird. Du wirst ein paar sehr gute Freunde haben, die Dich zwar öfter mal wegen Deines Alters aufziehen, auf Parties und Konzerten jedoch selbst immer für alte Säcke gehalten werden, währenddessen man Dich auf Mitte 20 schätzt. Dein Konto wird meistens leer sein, Du wirst Musik mit Gitarren lieben, obwohl Du früher anders gedacht hast, und Du wirst entgegen aller Erwartungen nach langer, langer Beziehungszeit überzeugter Single sein und Dir deshalb von ehemaligen Arbeitskollegen zwischendurch mal Pornofilme auf DVD zustecken lassen, weil Dich das Fernsehprogramm an sich nicht mehr reizt. Deine Haare werden sichtbar ergrauen, und die Sache mit dem unterschiedlich ausgeprägten Haarwuchs unter Deinen Achseln wird sich auch klären…
Ich (damals): Ach, hat das mit den Achselhaaren doch was mit der Erdrotation zu tun, wie ich das immer vermutet habe? Und wieso Gitarrenmusik? Das ist ja ekelhaft! Nein, da bleib ich lieber wie jetzt, jung und jeck, und voller Pläne. Das klingt mir nämlich irgendwie zu unlustig, was ich da gerade höre. Da ändert sich ja dann fast gar nichts in den nächsten 10 Jahren!
Ich (jetzt): Oh doch, da ändert sich einiges, aber ich kann und will Dir jetzt nicht sagen, was das genau ist. Nur so viel: Du wirst es zu schätzen wissen, manchmal verteufeln, aber grösstenteils zufrieden sein mit dem was da ist.
Ich (damals): Und ich werde meine Gedanken ins Internetz stellen? Das ist ja irgendwie völlig bescheuert? Wer macht denn sowas, das ist doch minderbemittelt!
Ich (jetzt): Nein, in der Zukunft werden das viele machen. Die meisten sind Nerds, die irgendwas mit Medien machen, andere wiederum sind Jammerlappen, die sich austauschen wollen. Du wirst als Jammerlappen anfangen, später dann in einem Buch veröffentlicht werden, danach elendig vernerden, und am Schluss nur noch gequirlten diametralen Mist von Dir geben - zum Beispiel Interviews mit Dir selbst. Dein Freundeskreis wird das alles lesen, und Dich für degeneriert halten. Aber das würden sie auch tun, wenn Du nichts schreiben würdest.
Ich (damals): Na das sind ja phantastische Aussichten. Und was ist mit der Liebe?!
Ich (jetzt): Du wirst öfters mal Morrisseys ‘Love is just a miserable lie!’ zitieren, ansonsten wirst Du zwischendurch auch mal lieben und geliebt werden. Eine Deiner grössten Lieben heißt Balisto und ist Lila.
Ich (damals): Weißt Du was, Du alter Sack? Ich will das alles nicht hören! Mein Leben wird mit 30 toll, und nicht so bescheuert wie das, was Du mir da gerade verklickern willst, und ausserdem fand ich Morrissey schon immer scheiße. Und jetzt zieh Leine, ich will hier Duke Nukem 3D weiterzocken, und bin dann nachher noch im Frankie’s verabredet. Ich hab also keine Zeit mir so einen Mist anzuhören!
Ich (jetzt): Naja, wie Du meinst. Dann viel Spaß noch. Und falls Dich in den nächsten 10 Jahren irgendjemand fragen sollte, ob Du ab einem gewissen Punkt in Deinem Leben gerne auf eigenen beruflichen Beinen stehen willst: SAG NEIN!
Ich (damals): Verpiss Dich endlich!


25. Juli 2005 um 20:24
Schöne Idee!
Und Balisto lügt wenigstens nicht!
26. Juli 2005 um 08:11
(Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaub’, es ist an der Zeit zu sagen)
“Alles wie auch immer geartete Gute zum Dreissigsten, Herr Shhhh.”
1A-Idee übrigens, das mit dem Interview. Werd ich evtl. anlässlich meines Dreissigsten auch mal machen. Aber da isses ja noch hin… ;)
O.
26. Juli 2005 um 09:25
Schöne Idee!
26. Juli 2005 um 11:58
stimmt! verdammt warum fühle ich micht jetzt schon so? ich werde 26!?!
26. Juli 2005 um 14:42
Beruhigend zu wissen, dass ich mit diesen Gedanken nicht ganz allein bin und es andren ähnlich geht… ;o)
27. Juli 2005 um 13:32
alles gute für heute!
27. Juli 2005 um 16:09
Wann ist denn der Jubeltag? Nicht, dass Mama zu früh gratuliert.
28. Juli 2005 um 07:27
Vorgestern. Und merkwürdigerweise hatte ich hier Gestern Gestern hingeschrieben. I’m vanishing.
28. Juli 2005 um 14:13
sehr schön! da es bei mir auch nur noch 4 monate sind kann ich das gespräch gut nachvollziehen :-)
29. Juli 2005 um 12:49
klasse Interview, sowas hätte mir auch einfallen müssen zu meinem vor kurzem hinter mich gebrachten 30sten, aber ich glaube dafür bin ich nicht kreativ genug … ;-)
btw: Wilkommen im Club der über 30jährigen, sofern es denn schon soweit ist … ;-)
29. Juli 2005 um 12:49
Ja, dann halt herzliche Glückwünsche nachträglich :-)
29. Juli 2005 um 13:13
Alles Gute : ) von der Schwestberbester.
29. Juli 2005 um 17:18
1000Dank an alle Gratulanten, auch die IchkommntiernichtundschreibtlieberneMail-Fraktion…