Ginge ich nach der zerschundenen Haut auf meinen Händen, den blauen Flecken auf meinem linken Oberschenkel, dem Muskelkater im gesamten Oberkörper und den unbarmherzigen Schmerzen im Nacken, war dieses Wochende letztlich doch kein Doppelkonzertwochenende, sondern ein Boxkampf gegen den kompletten “Aushang” eines industriellen Schlachthauses, ein Jogginglauf über eine befahrene Autobahn oder irgendwas vergleichbar martialisches. Und dabei müsste man doch eigentlich davon ausgehen, daß Konzerte eher harmloser Natur sind, zumal ich als Keyboardclown ja sowieso einen relativ unanstrengenden Job habe - meint man zumindest, denn Bühnenklamotten, die sich nach nur 10 Minuten so anfühlen, als sei man durch einen Abwasserkanal gelaufen, sagen etwas ganz anderes aus…
Der Reihe nach: Siegen, eigentlich kein Pflaster, das man bespielen möchte, und dennoch lässt man sich immer wieder drauf ein, in der Hoffnung, es könnte ja doch irgendwie besser werden. Gut war es dennoch, auch wenn ich mittlerweile der festen Überzeugung bin, daß Läden, in denen man Dinge wie Kabel und Mikrofone nebst dazugehörigen Ständern selbst mitbringen muß, und die dann auch noch kein Catering und als einziges Backstagebier “Oettinger” anbieten, keine vernünftigen Spielstätten sein können. Und wenn dann auch noch ganz kurzfristig bekannt wird, daß parallel zum Konzert das Sommerfest der Uni stattfindet, darf man sich auch nicht wundern, wenn da höchstens eine handvoll Menschen zugegen sind. Macht aber nix, weniger kann auch mehr sein, und die lieben Hörfrösche, die wegen uns kamen, haben ordentlich mitgemacht. Die im Zugabenteil hingerotzte Coverversion von “Ca plane pur moi” hat sogar einige dicke Grinser in dünne Gesichter zaubern können, und spätestens dann weiß man, daß man trotz aller widrigen Umstände eine gute Show abgeliefert hat.
Am nächsten Morgen dann, mit Oettinger-Schädel, totem Tier im Mund, Feutchtigkeitscreme in der Fresse und einem völlig desolat aussehenden Bassisten nebst hellblauem Kuschelkissen im Gepäck, folgte die Abreise nach Leipzig, in die altehrwürdige Moritzbastei. Die Fahrt war hitzebedingt die Hölle, und letztlich waren es Highlights wie die Plattenbaukaskaden von Jena Lobbeda, die Raststätte “Krachgarten” und das widerlich riechende Lamacun von Herrn B., die uns wach und frisch hielten. Leipzig selbst hingegen, oder vielmehr die dortige Baustellenatmosphäre, war Anfangs ziemlich ernüchternd. Und wenn man dann auch noch über die eigene Orientierungslosigkeit stolpert, weil man direkt vor einer Sparkasse parkt, und dann ca. eine kleine Innenstadtumrundung macht, weil Herr Sportraucher eine Sparkasse sucht, wird die Laune nicht unbedingt besser.
Was sich jedoch schlagartig änderte, als wir die Moritzbastei betraten: Nicht nur, daß in Leipzig verdammt viele verdammt gutaussehende junge Menschen leben, was ja dann per se schon die Laune hebt, wenn man aus einer Stadt kommt, die sich selbst nicht leiden kann - nein, es ist dann auch noch eine wahre Freude, wenn man seinen Bandnamen am Eingang der Moritzbastei in großen, weissen Lettern herab leuchten sieht. Da wartet es sich dann auch leichter, wenn man drei Stunden zu früh ist. Und mit Backstagebier vergeht die Zeit sowieso schneller, zumal es in den zum Verlaufen einladenden Kellergewölben der Bastei allerlei zu entdecken gab: Kerker neben dem Klo, komische Gäste, die wie Geister auf der Suche nach Kirschkuchen durch die Katakomben schlichen, furiose Schülerbands mit nicht enden wollendem Set, Hinweistafeln mit unserem Namen drauf, Securitytypen, die Urinale blockierten, und eben allerlei Zeugs.
Nach drei Stunden und einer angebrochenen Kiste Ur-Köstritzer tauchte dann unsere “Bandbetreuerin” auf, die ich in Ermangelung eines gut funktionierenden Namensgedächtnisses jetzt der Einfachheit halber mal Adidas nenne, und die ab da unser Guide durch die Bastei und den dazugehörigen Abend sein sollte - was man als noch unbekannte Band an der Schwelle zu was auch immer auch noch nicht kennt. Menschen die sich um einen kümmern, und von Bier über Handtücher bis hin zu Gaffa-Tape alles besorgen, was man möchte. Ebenso bedacht agierten auch die lustigen Typen von der Technik, die wirklich (bis auf die Instrumente, das gab es bisher nur in Köln) alles auf- und abbauten, was man brauchte und nicht mehr brauchte, und sogar bei der Bühnendeko mithalfen, was ja normalerweise dann auch ein Kackjob ist, den keiner gerne machen will. Und dann steht man da zu dritt, auf seiner großen Bühne, geniesst beim Soundcheck schon den phänomenal guten Monitorsound, und ahnt, daß es eine Katastrophe wird, wenn keiner kommt…
…und es wurde eine Katastrophe, weil keiner kam. Gut, da waren vielleicht 20 sexy People, plus noch ein paar Durchläufer, die mal eben guckten, sich aber wahrscheinlich dann auch irgendwie deplatziert fühlten, weil es so leer war, und deshalb wieder entschwanden - Biergartenwetter lässt grüssen. Und unsere Bandbetreuerin nebst Freundin, die laut eigenem Bekunden entgegen sonstiger Gewohnheiten vorne stand, obwohl sie das sonst nie tut. Aber das ist dann letzlich auch das schöne: Es ist wesentlich einfacher, eine große Meute zu begeistern. Wenn man es jedoch schafft, (trotz Mikrophonausfällen, einem peinlichen Spiel, bei dem es eine CD und ein Backstagebrötchen zu gewinnen gab, und der Tatsache, daß mein Keyboard ein paar mal ausfiel, weil ich mich hinter den Tasten ein wenig zu brachial aufgeführt habe - ich sag nur “geschmeidig wie ein Medizinball!”), eine kleine Meute zu begeistern, dann ist das weitaus befriedigender, als einen großen Haufen partywilliger Partypeople zu bedienen, die sowieso für jeden Mist zu haben sind.
Und dennoch fragt man sich natürlich, ob es sich überhaupt lohnt. Der ganze Streß für so wenig und doch so viel. Und wir sagen da immer noch: Ja, es lohnt sich. 18 von 20 haben sich gefreut und fanden es gut und schön, zwei waren doof und Soziologiestudentinnen, die sich eigentlich nur im Vorfeld gefreut hatten, weil sie die großkotzige Ankündigung im Programmheft total sexy, unser Set danach jedoch eher inhalts- und substanzlos fanden. Was nicht schlimm ist, denn man muß sich dann im Umkehrschluß auch mal fragen, warum solche Leute das komplette Konzert durchhalten - unsereins geht ja prinzipiell nach zwei oder drei Songs, wenn etwas irgendwie scheiße ist, und wartet nicht noch den Schluß ab, nur um sich dann den Bassisten der Band zu greifen, und ihm die Meinung zu geigen.
Und der Rest des Abends? Backstageschmierereien irgendwo zwischen Max Goldt und 200 Sachen, eine Fast-Prügelei mit einem verkorksten Stühlerücker, Drum’n'Bass-Gezappel mit Adidas (was wiederum auf Unverständniß bei der Rockfraktion dieser wunderbaren Band traf, aber zu Tool kann ich nun mal nicht…), Softeis mit Wodka aus komischen Plastikbechern, eine Kneipe, die um 7 Uhr morgens noch Würstchen und Steaks vom Grill grillt, eine kleine Polizeirazzia, jede Menge nette Menschen, die Fahrräder klauen und trotz Wohnort Leipzig absolut Ortsunkundig sind, fremde, sich seit 2 Minuten kennende Männer, die plötzlich knutschen, Konzert-DVDs in fremden Altbauwohnungen, und definetly no sleep ’til Siegen - denn ich bin ja immer noch der Meinung, daß man eine Stadt nur dann richtig gut kennenlernen kann, wenn man eine Nacht mit ihr durchgemacht hat. In Leipzig geht das…
Und allein dafür lohnt sich schon der Ausflug nach Leipzig - auch wenn ich es immer noch nicht begreifen kann, daß wir ausnahmsweise mal nichts kaputt gemacht haben, und daß Gänsehaut im Osten “Broilerkutte” heißt…