Morgen, wenn sie mich wegbringen…

…werde ich vielleicht zugeben müssen, daß ich entgegen der selbstauferlegten Reglementierung, keine Befindlichkeitstexte mehr schreiben zu wollen, ab und an dann doch welche schreibe. Zum Beispiel an Tagen wie diesen, wo sich mein durch Insektenbefall, Schlafmangel, akute Schlamperei und billige Unterwäsche zerschundener Körper mühsam durch die Stunden schiebt. Zwar mit konkretem Ziel vor Augen – Revolution, warmes Bier, laute Musik, better Spaßkultur dank Spex – aber dennoch irgendwie undeterminiert. Es mag daran liegen, daß ich mich im Moment einfach nicht wohl in meiner Haut fühle. Männer haben seine Tage. Es mag vielleicht auch daran liegen, daß ich zwischen der elendigen Skrotum Motel-Diskussion und dem furchtbar viel Zeit in Anspruch nehmenden Job, der furchtbar viel Zeit in Anspruch nimmt, ein paar wirklich wichtige Dinge nicht mitbekommen habe – Dinge, die vorbeirauschten vorbei, obwohl sie mir zeitweilig wesentlich mehr bedeuteten, als Rausch.

Zum Beispiel der Abschied von Angelika Express, einer Band, die meinen Sommer 2003 gemacht hat, und der ich als Möchtegernmusiker viel zu verdanken habe (auch wenn’s bis auf zwei legendäre Exzesse, einen Haufen Gröhlparolen, einen kleinen Exkurs in “Lost - die Kölner Fassung” und einen mittelmässigen Versuch, Rockabilly mit Techno zu mischen, eigentlich nichts gebracht hat). Ohne Salz in Wunden streuen zu wollen: Die erste Platte ist und bleibt nach wie vor ein für mich wichtiges Werk in Sachen neue deutsche Hemdsärmeligkeit, und wird auch die Zeiten überstehen, in denen die Charts nur noch mit schlechten Liedern über Wassermassen geflutet werden. Und ich verwette meinen mückenstichgepiercten Arsch darauf, daß ich auch in 10 Jahren noch irgendwann Nachts durch die Rinnsteine deutscher Städte kriechen, und “Ich wär so gern wie Francoise Truffeaut…” gröhlen werde. Alles gute, Teenage Fanclub girls!

Ebenso hinterrücks ergriff mich der Tod von Bob Moog. Und nein, ich gehöre nicht zu den Jungs, die den Namen Moog nur deshalb kennen, weil die Schreibweise so hip aussieht und Moog mit zwei O geschrieben wird, genauso wie “cool”. Ich bin User. Ich besitze zwar keinen Moog, besaß aber mal eine Sherman Filterbank, die auf den Bauplänen der legendären Moog-Filter basiert. Mein Virus Indigo emuliert alte Moog-Klassiker wie den Minimoog. Ich benutze immer wieder diverse Plug-Ins wie den Moog Modular, die durch und durch Moog sind. Ich weiß, was Moogerfoogers sind. Ich würde mir, genügend Kleingeld vorrausgesetzt, sofort den Voyager zulegen, ohne ihn vorher zu testen. Ich kann einen Moog raushören. Immer. Weil ich ein blasierter Synthnerd bin. Eine Gearwhore. Weil ich damals, als ich noch ein cooler Großstädter und kein uncooler Provinzler (oder umgekehrt) war, öfters das Vergnügen hatte, bei richtigen Nerds abzuhängen. Bei Typen, die eine verschrammelte SH101 an der Küchenwand hängen hatten, und deren Juno so aussah, als wäre er ein Aschenbecher. Typen, die ihre Geräte wie den letzten Dreck behandelt haben. Bis auf den Moog, den behandelten sie mit Respekt. Weil er im Gegensatz zu den anderen Geräten klang. Wirklich klang. Fingerfühlbar klang. Un wer einmal am Cut-Off-Filter eines echten Moogs gedreht hat, weiß, warum ich das Wort “Klang” jetzt zum vierten mal benutze.

Bob Moogs Tod geht mir nicht nahe, weil sich eine Legende einer vermeintlich musikalischen Revolution verabschiedet hat. Bob Moog war sicherlich eine Legende, aber für mein auf essentielle Dinge wie Bier, Prossecco, Sex, Pete Doherty und Synthesizer reduziertes Universum sind auch die vorwitzigen Japaner, die dieses kleine, beschissene Plastikteil Namens TB303 auf den Markt schmissen, ohne zu wissen, was sie damit anrichten würden, irgendwie Legenden. Der Erfinder des Fairlights auch. Oder die Jungs von Buchla. Oder Wolfgang Palm (Waldorf PPG). Oder die Herren bei Access. Nein, Moogs Tod geht mir Nahe, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern Instrumente mit eigener Seele baute, und mittels seiner Instrumente einen Trademark-Sound erschuf, der im Gegensatz zu den vielen kurzlebigen Eigenheiten diverser elektronischer Musikinstrumente von ewiger Prägnanz sein wird (um himmelswillen, hab ich das geschrieben!?). Moog hat sich sein eigenes Denkmal gesetzt, seine Vision von Klang. Das haben die bei Korg in 30 Jahren nicht hinbekommen. (Der komplette Moog-Passus hätte eigentlich im trashkurs stehen sollen, aber ich bin nun mal ein phlegmatischer Rabenvater!)

Naja, und dann war da ja noch die Sache mir den Kommentaren hier, zum Thema TH. Man könnte mir da Kommentar- und Ranking-Geilheit vorwerfen, zumal ich den Klops Anno dazumal ja schon mal mit Hilbert gebracht habe. Aber ernsthaft: Nein, Rankings interessieren mich nicht die Bohne, dafür blogge ich nicht, das interessiert mich nicht. Das Thema TH habe ich mir bereits Anfang des Monats rausgepickt, zu einer Zeit, als der Monsun noch lange nicht in aller Munde war - einfach nur, weil es mich wirklich angeekelt hat. Warum, steht in den dementsprechenden Einträgen. Und daß mein Ekel nicht unbegründet ist, beweist die Reaktion auf den ganzen Mist. Ich muß mich damit leider Gottes seit ca. 6 Wochen wieder beruflich auseinandersetzen, mit eingekauften Themen, mit Payola, mit Marketing rund um Popkultur, und allein deshalb stösst mir sowas ganz übel auf.

Und gerade heute Nacht, wo ich der knapp einwöchigen Arbeit rund um bezahlte Majorthemen, beschissene Acts, und schlechte Bands, die mit wenig Aufwand bis hinten gegen hochgepusht werden zumindest für diesen Monat ein Ende setzen kann, werde ich auf all das trinken. Auf verstrahlte Teenies und gebastelte Bands, auf Angelika Express, auf Bob Moog, auf Pete Doherty, auf alle coolen Blogger, auf das Wochenende mit Maximo Park und Tomte und Benjamin Diamnond und Hothotheat und den lieben Menschen drumherum.

Und auf meine Befindlichkeit! Rock, fucker, rock!

p.s. Dieser Text ist von vorne bis hinten im Ichhabdenjobendlichfertich-Feiersuff entstanden. Ich bitte das zu entschuldigen!

p.p.s Song zum Text: Morrissey - Don’t make fun of daddy’s voice.


 
 
 

14 Kommentare zu “Morgen, wenn sie mich wegbringen…”

  1. Anke
    25. August 2005 um 06:13

    Ich hoffe, Sie haben meinen Kommentar bezüglich Ihrer Trafficgeilheit als Ironie verstanden. Ich lese stets mit Vergnügen Ihre hervorragend formulierten Hasstiraden auf doofe Bands. Vielleicht demnächst gleich dazusagen: Hey, Kinners, nach 30 Kommentaren macht der Onkel die Funktion tot. Also überlegt euch, was ihr schreiben wollt, falls ihr überhaupt bis hierhin mitgelesen habt.

  2. Herr Shhhh.
    25. August 2005 um 08:16

    Frau Gröner, ich hab das absolut als Ironie verstanden, und mußte lachen, als dann hier tatsächlich der Teenie-Monsun einbrach. Ich aber nur noch mal klarstellen, daß das nicht mein Ziel war – gibt ja auch Menschen, die solche Vermutungen lesen, und das dann ernsthaft glauben.

    Gehen Sie mal davon aus, daß ich in ca. 3 Wochen wieder dabei bin, wenn der erste Teenie-Klon in den Chartsstartlöchern steht.

  3. einbecker
    25. August 2005 um 12:32

    Auch wenn ich als ablsoluter Konsument noch nie die Finger an irgendwessen Cut-Off-Reglern hatte (und das auch nie wagen würde, nicht, dass noch was abgeschnitten wird…) und ich weder Herrn Moog noch dessen Geräte kannte, tut mir dass natürlich leid.

    Aber “persönlich” bin ich doch mehr berührt durch das Angelika-Express-Ende. Auch wenn ich sie persönlich (diesmal ohne “) gar nicht kannte. Aber die Musik war großartig, die Platten drehen bei mir gerne und häufig, der Text (ein Wort, dass ich bei diesem Thema gerne so häufig nutzen würde wie Herr Shhhh. oben bei “Klang”). Der Text!

    Um so mehr bedauere ich es, dass ichs nie gepackt habe, die Jungs live zu sehen. Hatte 2x was mit vergänglichen Frauengeschichten zu tun, irgendwie in der Hoffnung, dass die Musik für länger hält.

  4. Herr Shhhh.
    25. August 2005 um 12:39

    Wissen Sie, was mir da gerade auffällt, Herr Einbecker? Hören sie sich mal “Schnippschnapp” von der ersten Platte an.

    “Den Bach herunter gingen wir…” / “Schnippschnapp schneide ich das Band entzwei… / …alles geht vorbei” / “…unser Lied läuft nicht mehr im Radio…” / “Eins, zwei, drei…”

    Spooky, oder?

  5. einbecker
    25. August 2005 um 14:18

    Noch viel spookier ist, dass ebendieses Lied hier grade läuft, als ich wieder hersurfe. Nun gut, natürlich auch nicht, denn mein iTunes läuft, nachdem ich das hier las, im Angelika Express-Modus. Aber ich will ja gar nicht Fernsehen gucken. Nun ja.

    “Abgeschaltet, abgeschaltet — alles an einem Tag”. Aber gut, gucken wir mal, was bei dem Rest herauskommt, aus guten Bands kann ja noch besseres herauskommen, auch wenn man das doch eher selten erleben darf.

    Ich brech dann mal meine alkoholfreie Zeit und raube der Studentenleber mit ner Flasche Pils die Erholung. “Depression, Schätchen…”, “Ist es das schon?”

    Oder zwei.

  6. Top 5 » Blog Archive » Geh doch nach Berlin!
    25. August 2005 um 14:44

    [...]

    « Angie

    Geh doch nach Berlin!

    Aus aktuellem Anlass die fünf besten Lieder einer Band aus Köln, die ande [...]

  7. Herr Shhhh.
    25. August 2005 um 15:09

    “Es ist Iezt für mich zu geh’n” – passt auch. Denke, ich sollte heute auch die AE-Gedenkrunde einleuten, und ein paar Bier auf die Herren trinken.

    Ach so, Herr Einbecker, falls Sie es nicht wussten: http://www.planetakis.de

  8. Stefan
    25. August 2005 um 19:14

    Herr Shhh ich stoße ebenfalls mit ihnen an. ich habe eben auch gerade eine beschissene arbeitswoche hinter mir. aber ihr kleiner exkurs hier hat mich wieder etwas aufgemuntert :)

  9. schmerles
    26. August 2005 um 05:15

    Nirgendwo habe ich was über Grete Weiser zu Moog und seinem Synthesizer gelesen. Ich bin zu alt.

  10. Herr Shhhh.
    26. August 2005 um 07:27

    Herr Schmerles, Sie haben doch nicht etwa Ihre Jugend in den 40er Jahren verlebt?

  11. schmerles
    26. August 2005 um 14:42

    nein. Aber : Grete Weiser am Synthesizer. Täusch ich mich so? Ich dachte, das war ein Lindenberg-Refrain, aber das Netz ist wie leergefegt und an jeden dessen Texte erinner ich mich nicht mehr gaaanz genau.
    http://www.a-blast.de/blast/Synthesizer.21.html

  12. dj-simondachgeschoss
    31. August 2005 um 10:21

    Keine Ahnung, ob der Jenseitsgang von Bob mich tatsächlich tangiert, Fakt is, das es höchste Zeit für´n Paradigmenwechsel ist.
    Tod der Vintageesierung. Tod dem Instrumendiktat! Tod der 303!

  13. Christa
    6. Dezember 2005 um 21:17

    Hi,
    ich bin eine Moogsynthybesessene Enthusiastin, die ihren Minimoog so abgöttisch liebt dass sie ihn sogar mit ins Bett nimmt. Das ist mein Ernst, jetzt erst recht seit dem mein abgöttisch geliebter Bob Moog gestorben ist. In meinen Mini lebt seine Seele weiter. Bob`s Tod hat mich geschockt, er war ein sehr lieber und bescheidener Mensch.

    Liebe Grüße
    Christa

  14. Sector
    13. März 2008 um 23:56

    Shiit is happened!(c)Forrest Gump

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