Diese inneren Regungen, dieses Aufzucken, dieses, wie nennt man es gleich noch, dieses Verliebtsein, die Sache mit den Schmetterlingen oder Ratten oder Planeten im Bauch – das hab ich nicht mehr. In jemanden verlieben? Nein. Ich kann nicht sagen, warum das bei mir so ist, ich kann höchstens vage andeuten, wann da was auf der Strecke geblieben ist.
Ich bin nicht emotionslos. Ich kann mich in Dinge verlieben, in Momente, in Musik, in die herausgekotzten Emotionen anderer. Ich hab bei Barfuss geheult, so peinlich das sein mag, weil ich die Idee einer völlig unschuldigen, unvorbelasteten Liebe einfach rührend fand. Aber auf mich selbst kann ich das nicht mehr ummünzen, dafür bin ich zu ramponiert, dafür hab ich schon zu sehr geliebt, aufrichtig und unaufrichtig, dafür weiß ich zumindest für mich selbst, daß das Dinge sind, die so nicht noch mal passieren, und die auch nur passiert sind, weil es keine echten Emotionen, sondern Emotions-Essenzen waren. Konzentrierte Gefühle. Das was übrig bleibt, wenn man die Realität ausschaltet. Wenn man mit dem Verkehrschaos im Bauch völlig vergisst, das drumherum auch noch was ist. Mein Drumherum ist mir in den letzten Jahren bitterlich bewusst geworden. Ein üppiges Drumherum, manchmal buntgefiedert, faszinierend, schrill und laut, manchmal einfach nur morbide und niederschmetternd. Auch Ekelerregend. Deshalb die Sache mit dem Weltekel.
Ich hab mich von diesem Drumherum nicht einwickeln lassen. Ich bin hingestossen worden. Das letzte mal, als ich noch so richtig verliebt war, mit allem drum und dran. Da hab ich mich fast selbst in die Realität prügeln lassen, weil ich bis auf diese idiotischen Schmetterlinge oder Ratten oder Planeten nichts anderes mehr im Bauch hatte. Und erst recht nichts im Kopf. Vielleicht war das einfach zu viel. Zu viel Verliebtsein. Emotional überfressen – so wie die Jungs um Michel Piccoli in “Das große Fressen”. Aber mit mehr Gefühl, nicht mit Essen. Zu viel Burger oder Apfelkuchen mit Sahne oder Mayonnaise, da hat man dann doch irgendwann auch die Schnauze voll von. So ähnlich ist das bei diesen Herzensdingen, bei diesen Sachen, die in der Seele weh tun, auch wenn sie noch so schön sind. Kann ich nicht. Will ich nicht. Mag ich nicht. Keine bewusste Abkehr. Eher ein reflexartigiges Zucken, so wie man bei unvorbereiteren Bauchpieksern zusammenzuckt. Oder bei dem Anblick meiner im Bademantel durch das Treppenhaus tapernden, 87jährigen Nachbarin. Kein richtiger Ekel, eher ein “ich will das nicht sehen”-Gefühl.
Ich hab einen funktionsuntüchtigen Gebrauchtwagen im Bauch. Macht mich das zu einem schlechten Menschen?