Wie bekloppt sind die hier eigentlich alle?
(Achtung, Provinz-Content)
Da gibt es also diesen Weihnachtsmarkt, hier in dieser von grünen Hügeln und trockengelegten Flüssen umzingelten Stadt. Seit 25 Jahren unten. Unten ist nicht oben. Unten ist Unterstadt, das ist Bahnhof, das ist Kommerz, das ist das Mall-Viertel, da ist der zubetonierte Fluß mit dem Parkplatz drauf. Oben ist anders. Oben ist Altstadt, Schloss, altes Fachwerk, Historie, schön, eigentlich ganz kuschelig, aber leider genauso tot wie der nächstgelegene Friedhof. Und warum? Weil Oben nicht unten ist. Denn unten ist ja Bahnhof, Kommerz…
Als ich vor 7 oder 8 Jahren nach Siegen zog, gab es noch zwei Weihnachtsmärkte. Einen historischen in der Oberstadt, und den für das Geschmeiß in der Unterstadt. Unten wurde gesoffen, oben geweihnachtet. Dann beschloss jemand, der was zu sagen hat, in der Unterstadt einen dieser riesiegen Konsumtempel zu errichten, noch einen Multiplex-Kino-Klotz dranzupfeffern und den Bahnhof umzubauen – Kleinstadt wird Großstadt, zumindest nach Aussen hin, denn unter der urbanen Kruste findet man hier eigentlich nur tiefstes Provinzdenken. Nachdem untenrum alles auf Konsum umgestaltet, die städtische Scham also weitesgehend von störender Behaarung befreit wurde, interessierte sich niemand mehr für ’s Knutschen, sondern alle nur für’s Ficken die Oberstadt. Die kleinen Geschäfte schlossen nach und nach, und die Oberstadt starb aus. Dementsprechend fiel auch der historische Weihnachtsmarkt weg. Und gäbe es dort oben nicht im Sommer irgendwelche Coverband-Veranstaltungen und Open-Air-Kinos, zu denen tausende von verstrahlten Hinterwäldner regelmässig auflaufen, um sich die Synapsen mit schlecht gezapftem Bier wegzubrennen, könnte man den Berg getrost abtragen. Würde eh keiner merken.
Jetzt bietet sich also die Chance, die Oberstadt, also den wirklich historischen Kern dieser Mixtur aus zubetonierten Flüssen und zubetonierten Freikirchlern, wieder zu dem zu machen, was er mal war: einen wirklich historischen Kern. Der Weihnachtsmarkt soll 2006 in die Oberstadt verlegt werden. Find ich gut, bin ich dafür, bin ich dabei. Der Weihnachtsmarkt selbst sieht das aber ganz anders. An den Bratwurstständen liegen Unterschriftenlisten gegen eine Verlegung aus (und wäre ich nicht so ein lieber Kerl, hätte ich da schon mit Penis oder so unterschrieben), und ein um’s andere Mal wurde die Lokalpresse mit völlig banalen Sorgen der Weihnachtsmarktbudenbesitzer behelligt. Man habe ja so viel Angst, daß da oben keiner mehr kommt, man habe Angst vor Umsatzeinbußen, weil das Leben doch unten stattfinde, und man könne doch nicht etwas verlegen, das seit 25 Jahren an Ort und Stelle funktioniert hat. (Zur Information, wir reden hier von einem Umzug von 600 Meter gefühlter Luftlinie! Gut, ein paar Prozent Steigung gibt es da auch noch zu bewältigen, deshalb heisst die Oberstadt ja auch Oberstadt.) Sicher, nur weil ich seit 25 Jahren das selbe Unterhosenmodell trage, muß ich mir kein neues Fabrikat zulegen (Vergleich hinkt, aber ist mal egal), und ein Weihnachtsmarkt in der Oberstadt kann natürlich auch nicht funktionieren, wenn alle Menschen in der Unterstadt sind, und den Weihnachtsmarkt suchen…
So doof sind die hier, glauben die Weihnachtsmarktmacher. So doof sind die Weihnachtsmarkmacher, glaube ich. So doof, daß gestern die Bildzeitung meldete, daß der Siegener Weihnachtsmarkt heute für 2 Stunden streikt. Was ich zuerst für einen guten Witz oder schlechtes Stadtmarketing hielt, scheint tatsächlich wahr zu sein. Heute, zwischen 14 und 16 Uhr, also zu einer Zeit, wo auch garantiert kein Betrieb auf dem Weihnachtsmarkt zu erwarten ist, wird der Siegener Weihnachtsmarkt seine Buden schliessen. Und RTL wird auch da sein, sagt man, um sich diese Sensation nicht entgehen zu lassen.
Das muß an den Glühweindämpfen liegen. Oder an der Stadt. Das bis jetzt noch keiner auf die Idee gekommen ist, die historische Oberstadt einfach abzutragen, grenzt an ein Wunder. Vielleicht sollte ich mich zwischen 14 und 16 Uhr mit einem Glühweinkocher in die Meute stellen, und das Zeug für teuer Geld verkaufen, um mir dann Dynamit oder einen Bagger zuzulegen. Aber was ich dann umpflügen würde, wäre garantiert nicht die Oberstadt…
(Provinz-Content Ende)


6. Dezember 2005 um 10:12
Provinzposse
Dem da ist so nichts mehr hinzuzuf
6. Dezember 2005 um 12:09
ügen…
;)
6. Dezember 2005 um 12:35
Streik? Heute? 6.12.? 14:00 - 16:00? Die armen Kinder. Laut der überaus informativen Website der Stadt Siegen findet heut ab 15:00 sehr viel statt. Ich zitiere
06.12.2005
„NIKOLAUS“
Zwischen Rubens und Landluft:
Landhaus Zur Heide
Weihnachtsplätzchen backen mit Kindern
Weihnachtliche Musik mit der Moonlight-Dance-
Band, „Daubs Melanie“ (Kathrin Mehlich) und
Weihnachtsmann
Die armen Kinners … :-/
Aber das hat man davon. Kultur bringt kein Geld, Kultur schluckt Geld. Einweg. Einbahnstrasse. Alles hinein, nix hinaus. Klar, dass man sich da nicht umstellen will, vor allem, wenns ja seit 25 Jahren funktioniert. Uebrigens sollte man mal nachforschen, wie lange der historische Markt in der Oberstadt “bestens funktioniert” hat. Wohl mehr als 25 Jahre …
Beileid.
Hoffentlich funzt mein quote tag.
6. Dezember 2005 um 13:26
…vor allem aber sehr unterhaltsam :-)
sehr schöner artikel - musste größtenteils breit schmunzeln beim lesen!
6. Dezember 2005 um 13:47
hehe, was soll man dazu noch sagen ?
Vielleicht kannst Du ja zu dem Glühwein noch den Nikolaus für die Kleinen anbieten, dann sind alle glücklich und verkraften diese harten 2 Stunden weihnachtsmärtktlicher Abstinenz in der Primetime. LOL
6. Dezember 2005 um 14:12
Liest sich genauso wie die recht aktuellen Vorgänge um ein neues Einkaufszentrum in meiner Nachbarstadt, die etwa 70 Kilometer südlich die A45 runter liegt. Aber lustig: Sie haben etwa zehn Jahre gebraucht um dieses sinnlose Trendgerenne nach “Malls” nachzuäffen. Ironischerweise bilden sich die Dorfdeppen im dortigen Stadtrat entgegen der Erfahrung in anderen Städten (das Siegener Beispiel wurde auch diskutiert) ein, dass die Geschäfte in der Altstadt ganz normal weiter laufen werden. Nun ja, vielleicht gehen die Uhren im Lahn-Dill-Kreis einfach etwas anders ;)
6. Dezember 2005 um 14:45
Sie klingen wie meine Kollegin aus der Marburgerstraße…
… die erzählt auch immer von Zeiten, in denen Siegen noch nicht oben ohne war.
OK, ich kenne somit 3 Menschen, die 2006 einen Weihnachtsmarkt in der Oberstadt wünschen. Da lässt sich was draus machen…
6. Dezember 2005 um 15:02
Ach wissen Sie, Herr Eigenart, ich bin ja auch nur Auswärtiger, ich kenn die Zeiten da oben ja nur noch aus der Schlussphase – aber wenn ich das hier alles so sehe, so mit der Ober-Alt-Stadt, dann verstehe ich einfach nicht, wie man das einzig Represäntative dieser Stadt so verkommen lassen kann. Aber wie gesagt, was kann man schon von einer Stadt erwarten, die ihren Fluß zubetoniert, um in der Innenstadt einen Parkplatz zu bauen…
6. Dezember 2005 um 16:56
wie wär’s denn mit noch ‘nem schmucken,kleinen glashäuschen,nur für weihnachtsmärkte(natürlich vollkommen ‘herkunfts-unhabhängig’)!?!!
6. Dezember 2005 um 17:17
Es liegt außerdem an der Überalterung der Siegner. Die schaffen den Berg nicht mehr…
Und was diese unsägliche Siegplatte angeht - dat Dingens wird doch wohl in den nächsten Jahren komplett abgerissen (wg. Tragfähigkeit nicht mehr gewährleistet, oder so). Was passiert dann da? Wird das einfach neu betoniert?
6. Dezember 2005 um 20:43
WäldLer. Es heisst HinterwäldLer. Nicht -wäldner.
7. Dezember 2005 um 02:44
Wie wärs mit einen alternativen Weihnachtsmarkt für Leute die mit Weihnachten so rein gar nix am Hut haben. Mich zum Beispiel. Dann könnte der untere Weihnachtsmarkt unten bleiben, während das obere Gelände vom alternativen Weihnachtsmarkt anektiert werden würde.
Da könnte man doch was draus machen. Eine Lebkuchen-Glühwein-Behindertenmundgeklöppeltenschnickschnack-freie Zone. Dafür mit Ochsen vom Spieß und warmen Bier mit Vodaka.
Und Musik ohne Blasinstrumente. Was das weitaus wichtigste an diesem alternativen Weihnachtsmarkt wäre.
7. Dezember 2005 um 08:33
Herr Ogi, ich weiß. Das da oben ist aber eine Momentaufnahme, das gibt dem Text ja so eine latent aggressive Vibration, da retuschier ich doch keine offensichtlichen Fehler raus, die ich im Zustand der Erregung gemacht hab…
Irgendwas ist heute in meinem Kaffee drin.
12. Dezember 2005 um 14:14
Herr Shhhh, danke für diesen Eintrag. Wie (fast immer) in höchstem Maße unterhaltsam und vor allem: wahr. Total lächerlich, aber ich kann mir das lebhaft vorstellen.. leider.
16. Dezember 2005 um 19:28
Bei alledem kommt es mir überhaupt seltsam vor, dass irgendjemand auf die Idee kam, den Weihnachtsmarkt auch einmal in der Oberstadt stattfinden zu lassen. Soweit ich es aus diesem Text entnehme, ist die kommerzielle Unterstadt mit all ihren modernen Einrichtungen einfach nur ein Besuchermagnet ohne jeglichen kulturellen Hintergrund. Die Politker reden heutzutage doch alle davon, das letzte bisschen Kultur der Nation zu bewahren, dennoch ist der Weihnachtsmark natürlich lieber in der Unterstadt, die für die breite Masse natürlich viel anziehender ist. Der Tourist der Moderne will Pommes-,Würstchen-, und Glühweinstände halt an jeder Ecke, und wenn diese nicht vorhanden sind, beschwert er sich über den schlechten Service. Die Stadt will selbstverständlich auch nur Geld verdienen, die Instandhaltung der Kultur wird demzufolge nebensächlich. Kultur von colere= lat. verehren, pflegen, bewirtschaften. Insofern stellt sich die Frage, ob man noch behaupten könne, Deutschland habe eine Kultur, wenn man sich die Bewohner ansieht. Allerdings gibt es auch noch kulturelle Standorte in Deutschland, vor allem Bauten. In Lüneburg z.B flouriert zwar die Industrie, dennoch sind die meisten Gebäude alt und betagt. Doch, wer nach Lüneburg geht, interessiert sich wohl kaum für die alten Bauwerke des Mittelalters.