
Ich hab eigentlich wichtigeres zu tun. Aber ich muss. Jetzt. Hier. Eine Lanze brechen. Für all that was Curve. Kommt jetzt auch nicht so spontan, denn im Moment durchlebe ich gerade wieder eine schwere Elektronik-Phase, und auch wenn man das in Anbetracht der ganzen Indie-Sachen, die hier normalerweise empfohlen werden, nicht glauben mag: ich bin ein Cutoff-Filter, ich bin OSC3 in Deiner Modulations-Matrix, ich hab mal zeitweilig große Haufen auf Gitarren geschissen; zumindest in jener Phase, die man musikalische Sozialisation nennt – also jene Zeitspanne zwischen erstem feuchtem Traum und letztem, katastrophalen Date. Ich bin von Haus aus Elektroniker. Punkt.
Deshalb, aber auch nur deshalb, kann man vielleicht zwischen den ganzen Neuempfehlungen hier auch mal ein paar Sachen vorstellen, die älter und nicht so bekannt sind, aber vielleicht dennoch gefallen können. Immer voraus gesetzt, man hat ein Faible für musikalische Verknüpfungen – und ich unterstelle mal, dass das ein paar Leute hier haben. Also, mit neuer Rubrik zurück zum Thema…
Auf der Suche nach neuen Mustern, Einflüssen, Nährböden für subtile Plagiarismen (Ja, richtig, man arbeitet an einem neuen Album!), stiess ich zwischen all den Cabaret Voltaires und Throbbing Gristles mal wieder auf Curve. Zufällig. Wie immer. Die guten, alten Curve, die sich irgendwann Mitte der 90er eigentlich aufgelöst, dann doch nicht aufgelöst, dann nur noch Schrott rausgebracht, und letztes Jahr um diese Zeit richtig aufgelöst haben.
Curve waren sowas wie die Schnittstelle zwischen dem ganzen Shoegazer-Kram (hier ja immer wieder genannt: My Bloody Valentine) und Garbage. Man könnte also glatt behaupten, dass Curve irgendwie bei MBV, und Garbage irgendwie bei Curve geklaut haben, aber ganz so einfach ist das dann doch nicht, denn Curve haben bei MBV eigentlich nur die GItarren-Wände geklaut, neu verpackt, und mit schnelleren Beats und düstererererer Atmosphäre vermöbelt, währenddessen Garbage bei Curve eigentlich nur all that is Curve geklaut haben. Bei Curve geklaut hat übrigens auch Nine Inch Nails Trent Reznor, das liegt aber daran, daß NIN-Produzent Alan Moulder, der übrigens auch ganz viele andere Sachen produziert hat (Depeche Mode, U2, Smashing Pumpkins, Soulwax und ganz aktuell The Kills), mit Curve Sängerin Toni Halliday liiert ist. Das wiederum erklärt so ziemlich alle – und alle kann man hier auch mal groß schreiben – also ALLE soundästhetischen Parallelen zwischen oben genannten Bands – My Bloody Valentine mit eingeschlossen, denn auch die hat Herr Moulder damals breitwandig geformt und zu dem gemacht, was sie waren (und als Referenz-Name vielleicht auch noch sind).
Jetzt macht ein Erfolgsproduzent aber noch lange keine Erfolgsband aus, und Curve waren zwar irgendwann Anfang der 90er relativ erfolgreich, aber eben in vielerlei Hinsicht auch zu eigen, zu früh, zu krachig für die damaligen Hörgewohnheiten – also dann doch nicht so erfolgreich, wie beispielsweise ein paar Jahre später Garbage, die unterm Strich das radiofreundlichere eins zu eins-Plagiat darstellten, und so gesehen die poppigeren Curve waren. Das wussten Curve. Das änderte aber nichts. Und deshalb stempelte die britische Fachpresse das meiner Meinung nach wohl beste und eigentlich letzte, richtige Curve-Album “Come Clean” als unterkühlte Neo-Goth-Disko-Parfümage ab. Wer sich jetzt übrigens fragt, was “Parfümage” heißt: Ich weiß es auch nicht, das Wort ist mir gerade eingefallen, aber es passt.
Was danach geschah, war auch wieder das Schicksal des “zu früh seins”. Curve wurden gekickt, gründeten ein eigenes Label, vertrieben Alben als mp3-Kompilationen über ihr eigens gefertigtes Internet, und verschwanden in der Versenkung, weil mp3 2001 einfach noch nicht das richtige Format für Erfolg war (dass das heute klappt, beweisen ja Bands wie Clap Your Hands oder die Arctic Monkeys oft genug).
Apropos “genug”: Um also einfach mal ein bisschen Nachhilfe in Sachen Relevanz zu geben, hab ich hier mal ein paar Curve-Lieblingsdinger zusammengepackt, die man sich rapidsharen kann. Ich warne aber noch mal ausdrücklich: das, was da in dem Ordner schlummert, ist frühneunziger Popkrach, also nichts für die Spex-konforme Indie-Seele oder den gediegenen Altrocker. Mehr so eine Art persönliche Nachhilfe. Vielleicht aber auch das mp3-gewordene Equivalent zum Freitags-Fragebogen. Und ja, falls sich irgendjemand wundert: alle paar Monate höre ich das Zeug tatsächlich ganz gerne. Ich komm von da. Meint man nicht, ist aber so.
Curve von 89 bis 92. Mit Liebe. Von mir.
p.s.: Missing Link war übrigens der Curve-Hit. Inklusive MTV-Airplay. Damals. Das war mindestens 3 Jahre vor Garbage. Um eine von diesen Scheißfloskeln zu bemühen: Denk mal drüber nach!
p.p.s. Und Recovery ist mein Curve-Übersong, aber das sei nur am Rande erwähnt, also ganz unten, da wo es jetzt steht.