Phonoverband kills Music.
Mal was zum Thema:
Als ich gestern Abend die 32. Privatkopie der aus dem Internet gezogenen Arctic Monkeys-CD zog, um sie als kulturell hochwertigen Mitesser-Ausdrück-Spiegel zu benutzen, fiel mir ein, daß ich mich ja noch gar nicht zu der Geschichte geäussert habe. Von wegen Privatkopie, Kopierschutzknacker, Bagatell-Klausel, beziehungsweise Urheberrecht. Darum ging’s ja eigentlich beim neuen, vom Kabinett verabschiedeten Gesetz. Geistiges Eigentum. Nichts gegen Frau Zypries, ich verstehe vieles, zum Beispiel auch das da, aber generell ist doch diese ganze Urheberrechts-Debatte hausgemachter Unsinn. Allein deshalb, weil der Urheber des geistigen Eigentums, gar nicht gefragt wird, was er denn davon hält. Beziehungsweise in dieser ganzen Geschichte keinerlei Rolle spielt.
Wer hier tatsächlich mit der Holzhammermethode seine Standpunkte durchsetzen will, lässt sich ganz leicht rausfinden, wenn man sich mal die Augen beim geschätzten Deutschen Phonoverband wundliest. Eiskaltes Kotzen. Da steht dann zum Beispiel:
Leider war auch das Jahr 2005 noch kein Jahr der Trendwende für den deutschen Phonomarkt. Zwar setzten sich die starken Umsatzrückgänge der Jahre 2000 bis 2003 nicht fort, dennoch ist der Phonomarkt von Umsatzzuwächsen noch weit entfernt. Der Umsatz laut Verbandsstatistik fiel um 4,6% von 1,572 auf 1,500 Milliarden Euro, der Gesamtumsatz der Branche einschließlich der nicht an der Verbandsstatistik teilnehmenden Firmen immerhin noch um 0,4% von 1,753 auf 1,746 Milliarden Euro.
Ganz dickes Stirnrunzeln. Zum einen, weil hier mit Zahlen jongliert wird, die jegliches Vorstellunsvermögen sprengen. 1,500 Milliarden Euro Umsatz verbucht der Phonoverband in einem Jahr, und das schafft manch ruchloser kolumbianischer Drogenbaron nicht in 10 Jahren. Woraus sich diese Zahl erschliesst, ist mir unbekannt. Wir reden hier aber von Umsätzen, die aus Material generiert werden, dessen Urheber nicht der deutsche Phonoverband, und genauso wenig die daran angeschlossenen Plattenfirmen sind. Will also heißen, der Phonoverband bereichert sich am lebt vom – jetzt mal ganz laienhaft gedacht – Output des Künstlers. Muss davon leben. Das hat zwar fast schon parasitären Charakter, wenn man es so hinstellt, aber es klingt irgendwie logisch. Weiter im Text…
Noch immer sind illegale Musikangebote im Internet und Musikkopien auf Rohlingen ein dominierendes Problem für den legalen Musikmarkt. Vergangenes Jahr wurden laut Brennerstudie der GfK 439 Millionen CD-Äquivalente (CD- und DVD-Rohlinge) und damit 3,5-mal mehr CD-Einheiten mit Musik kopiert als CD-Alben verkauft. Die Zahl von Musikdownloads aus illegalen Internetquellen stieg von 383 (2004) auf 415 Mio. (2005). Wäre die kopierte Musik gekauft worden, hätte sie einen Umsatzwert von rund 6,3 Milliarden Euro gehabt.
Nochmal Stirnrunzeln. “439 Millionen CD-Äquivalente” wurden mit Musik bespielt. Sagt die GFK. Da fragt sich mein innerer Konsument: Woher wissen die das? Vermutlich geht die GFK vom Absatz an Rohlingen aus. Und natürlich kauft man sich Rohlinge nur, um Musik zu brennen. Sagt die GFK. Sagt der Phonoverband. Dass unsereins mittlerweile seinen kompletten mp3-Bestand auf dem Rechner hat, und gegebenenfalls mal was auf seinen mp3-Player schiebt, der Rohling in dem Sinne eigentlich so gut wie gar nicht mehr zum Einsatz kommt, weil das Medium CD als solches im Alltag fast schon obsolet geworden ist, wird dabei gar nicht in Erwägung gezogen. Sicher, es gibt sie noch, die Brenner, aber wie viele sind das denn bitte, die sich ein Original kopieren, wenn sie das Album an sich schon 3 Monate vorher auf dem Rechner haben? Sicher, es ist so oder so ein Delikt, wir reden hier schließlich davon, daß dem Künstler das Zubrot aus der abverkauften CD flöten geht…
…haha! Wenn das denn so wäre! Denn am Verkauf des physikalischen Tonträgers bereichtert sich eigentlich nur die Industrie, und ich kann da mein Liedchen von singen, denn wenn ich meine eigene CD kaufe, zahle ich in bestimmten Läden beispielsweise satte 14.99 Euro. Bei (nicht geistigen) Produktionskosten von knapp 50 Cent und einem von mir festgelegten Händlerabgabepreis von 7.50, hätte ich als Künstler pro Les Mercredis-Album normalerweise 7 Euro Gewinn gemacht. Wenn da nicht noch die Industrie, respektive die Plattenfirma zwischensteckte. Gut, unsere ist kulant, aber den Lohn meiner Arbeit kassiere dennoch nicht wirklich ich, sondern die Industrie. Und was mit den draufgeschlagenen 6.49 Euro passiert, weiß auch nur der Händler Henker. Bei einem normalen Plattenvetrag würde ich pro verkaufter CD vielleicht 1 Euro Gewinn machen. Und selbst die bleiben mir nicht, weil die Plattenfirmen normalerweise ihre Produktionsvorschüse zurück haben wollen. Deshalb werden Live-Konzert zum Beispiel immer teurer, denn von irgendwas muß ich als Künstler ja auch leben, wenn ich mit meinen CDs schon kein Geld verdienen kann.
Wenn man das jetzt mal auf große Abverkäufe ummünzt, kann man also sagen, daß die ganzen Popsternchen eigentlich nur dafür da sind, damit Frank B. von der Universal beispielsweise Abends frisch gezapftes Jever bekommt, und kein PET-Bier aus dem Discounter trinken muß. Damit das so bleibt, werden dann zum Beispiel Acts “gemacht”, und so lange beworben werden, bis der per se schon leicht mürbe Anteil der Bevölkerung willenlos zugreift. Neben Frank B. wollen dann auch noch die alten Säcke (und das sind wirklich alte Säcke!) aus dem Phonoverband Abends ihren teuren Weinbrand trinken, und deshalb werden das immer mehr und immer blödsinnigere Acts und Ideen und was weiß ich, was da tagsüber noch so im Fernsehen vertickt wird. Und die Zermürbungstaktik ist streckenweise so subtil, daß man das nicht wirklich mitbekommt: ich kenne beispielsweise ein Musikmagazin, das zu 95 % von gekauften Inhalten lebt. Da werden streckenweise vierstellige Summen bezahlt, damit ein zweiseitiges Feature besonders lobhudelnd ist. Merkt natürlich keiner. Nennt sich Marketing. Hat aber, wenn wir mal ehrlich sind, nichts mit Musik zu tun.
Manchmal merkt die werte Hörerschaft es aber doch, wir sind ja schliesslich nicht alle komplett doof. Dann stellt sich eine gewisse Übersättigung ein, und es werden weniger CDs gekauft. Irgendwie logisch. Und dann kommt ja noch hinzu, daß die CD als solche ein völlig veraltetes Medium ist. Siehe oben beschriebene Hörgewohnheit. Plus dann noch die Zubomberei mit Formatradiovideo-Inhalten, da ist es einfach nur klar, daß der Tonträgermarkt stagniert, und die legalen mp3-Downloads beispielsweise einen großen Zuwachs haben. Das Alu-Medium ist fast tot. Da die Herren vom Phonoverband jedoch – wie bereits erwähnt – ganz furchtbar alte Säcke sind, und mit dem physikalischen Tonträger nunmal den Weinbrand finanzieren müssen, halten die weiterhin stur an der CD fest – und deshalb steht dann auf der Seite vom Phonoverband zum Beispiel wortwörtlich “dennoch ist der Phonomarkt von Umsatzzuwächsen noch weit entfernt”. Was ja impliziert, daß man fest daran glaubt, daß CDs wieder vermehrt gekauft werden. Oder zumindest was dafür tun will. Im Zweifelsfalle mit Hilfe der Bundesregierung - man ist ja eine starke Lobby mit vierstelligen Millardenumsätzen, und am Eigenerhalt interessiert, da kann man dann auch schon mal den ein oder anderen Schwachsinn durchdrücken.
Zum Beispiel die Sache mit dem neuen Urheberecht. Von wegen Privatkopiererei, IP-Auskunftei, Kopierschutzknackerei. Denn für die alten Säcke im Verband, dessen Phono-Akademie (da sind die lustigen Typen, die den Echo verleihen!) sich unvorstellbarerweise als Kulturinstitut der Deutschen Musikwirtschaft (ganz grosses SIC!) versteht, liegt die Schuld bei den Umsatzrückgängen nicht beim schlechten Produkt, der veralteten Struktur oder dem anachronistischen Medium, sondern beim Hörer, dem bösen Downloader, der dieses Jahr schon wieder weniger CDs gekauft und viel mehr aus dem Netz gezogen hat.
Als Konsument bin ich von der deutschen Musik-Industrie schon lange kuriert, zumal sich mein Geschmack glücklicherweise eh immer leicht Abseits des Mainstreams bewegt, und ich CDs dann doch lieber direkt beim Künstler bestelle, oder auf den Konzerten kaufe. Sogesehen pflege ich per se schon den Industrie-Boykott, auch ohne Raubkopiererei.
Als Musiker, dem im Prinzip mal wieder gezeigt wurde, daß er eigentlich keinerlei Einfluss auf “Urheberrechts”-Gesetzsprechungen hat, der leider auch nicht wirklich bestimmen kann, was der “Verwerter”, also die Industrie, mit seinem geistigen Eigentum macht (Kopierschutz!), kann ich nur sagen: Wenn’s nach mir ginge, darf sich von meiner CD und meinem MP3s wirklich jeder so viele Kopien ziehen und verschenken, wie er will. Solange Kopien nicht vertickt werden, ist mir das nur lieb und recht, und so lange ich weiß, daß meine Musik in guten Ohren landet, ist es mir sogar billig – denn eine bessere und ehrlichere Promo als fangemachte Mundpropaganda kann ich doch eigentlich nicht haben – wer glaubt schon einer Industrie, die ihre eigenen Kunden verklagen will!


