
Wie soll man eigentlich verständliche Dinge über eine (mal wieder viel zu spät von mir entdeckte)Band wie The Dears schreiben, ohne dabei in die ranzige Klischeetüte zu greifen, und Sachen wie “der schwarze Morrissey” oder “Danke, lieber Gott, daß Du Kanada erfunden hast!” heraus zu ziehen? Ersteres wäre mir persönlich zu rassistisch geprägt und auch platt (Vergleiche und so), letzteres zu einfach, denn “Kanada” kann ja nicht immer als Argument herhalten, wenn etwas besonders gut klingt und aus Kanada kommt. The Dears kommen aus Kanada, Montreal um genau zu sein, also aus der Stadt, aus der alle guten Sachen kommen, und The Dears klingen nicht nur besonders, sondern herzzerreissend gut. Und das liegt tatsächlich auch an der dramatischen Stimme von Frontmann Murray Lightburn, der mit seiner Intonation durchaus an einen dickhodigen Hybriden aus uns’ aller Mozza und einem gut gelaunten Damon Albarn erinnert, dabei aber wesentlich cooler aussieht. Sind wir also doch wieder bei den ekelhaften Klischees gelandet, nur anders verpackt. Warum mir The Dears bis jetzt entgangen sind, bleibt mir in Anbetracht des grossartigen Albums “No Cities Left” ein unerklärliches Rätsel – zumal die Herren und Damen sich schon 1995 formierten, und nicht nur einen Tonträger mit dieser herzmassierenden Mischung aus in Alkohol gegossenen Dramen, grossen Melodie-Blumensträussen (denen man die Blüten abgeknipst hat) und amüsanten Songtiteln wie “Expect The Worst. Cos She’s a Tourist” vollgepackt haben. Und überhaupt: Wie konnte ich nur eine Band verpassen, die gleich ZWEI hübsch anzuschauende Keyboarderinnen auffährt. Allein das ist ja schon ein Grund, diese Band irgendwie ins Herz zu schliessen.
Zum reinhören aus dem 2005 überall (nur wie immer nicht in Deutschland) erschienenen Album “No Cities Left” hab ich mal “Who Are You, Defenders Of The Universe” rausgepickt. Nicht unbedingt der stärkste Dears-Song, aber aus musikalischer Sicht allein schon deshalb ein Wunderwerk der Pop-Harmonie- und Arrangement-Lehre, weil der Pianopart nach dem Refrain (in Musikerkreisen wahrscheinlich “C-Teil” genannt, is aber auch schnuppe) sowas von unter meine Haut geschossen ist, dass ich den Song nur noch knieend hören kann. Und normalerweise verabscheue ich Pianoparts im C-Teil.
Wer noch mehr The Dears will, und ein Breitband-Internetz besitzt, sollte mal einen Blick auf Fabchannel.com werfen – da gibt es ein komplettes Konzert zum reingucken, und wer bei “Hate then Love” keine Eruption in der Blutbahn verspürt, ist wahrscheinlich kein guter Mensch.
p.s. Übrigens kann man sich auf Fabchannel auch Granaten wie We Are Scientists und die Stars angucken. Und auch Wir Sind Helden haben da wohl in dem Amsterdamer Club gespielt, und da fragt man sich zu recht, ob die Amsterdamer Jugend das ernst nehmen konnte, das ganze Rumgealbere auf Deutsch und die verstimmten Instrumente und die Holofernes mit ihrem Öko-Chic…