Monatsarchiv für Juli 2006

 
 

WTF?

31. Auch nich schlimmer.

Zirkus.

Mia war immer eine Band, die Image-Ingenieure neuhauptstädtischer nicht besser hätten schaffen können. Laut, hysterisch, aber harmlos.

Ich erinnere mich vage an ein Konzert mit Mia. vor etwa vier Jahren. Damals waren wir noch jung und schüchtern. Mieze und Band waren auch jung, aber fernab from being schüchtern. Was man beispielsweise daran merkte, dass Madame sich nach dem überlangen Soundcheck noch “einleuchten” lassen musste. Das macht man so, wenn man Superstar ist. Da ist generell auch nichts schlimmes dran, denn eine schöne Bühne will gut ausgeleuchtet sein, und eine schöne Frontfrau auch. Vor vier Jahren war es jedoch so, dass weder Bühne, noch Frontfrau schön waren (daran hat sich auch heute nichts geändert, die alte Kaschemme wurde nicht mal renoviert, und Mieze is ja jetzt eher die erwachsene Ausgabe von Biene Maja, und Biene Maja is zwar irgendwie süß, aber nicht schön).

Unsereins, die Vorband, stand derweil mit weit aufgeklapptem Kiefer vor besagter Bühne, und beobachtete ein in rosa Pumps und cyanfarbene Plunderklamotten gewandetes Flusi-unter-den-Achseln-Monster dabei, wie es sich von einem Tontechniker Namens “Wasserleiche” (der Name war optisch und geruchlich Programm) mit genau einem funzeligen Strahler den Hintern ausleuchten ließ. Und wir hatten noch 15 Minuten Zeit für Aufbau und Soundcheck (Einlass), da die Herren und Damen Mia. sich gerne viel Zeit liessen, um auch nach dem Soundcheck immer noch scheisse zu klingen.

Dass wir zwischenzeitlich sogar des Backstageraums verwiesen wurden, weil Mieze sich noch “einsingen” musste, obwohl sie damals noch gar nicht singen konnte, sei nur am Rande erwähnt. Dass sie sich über unser Gerauche aufregte, obwohl ihre Männer ebenfalls wie die Schlote qualmten, auch. Dass man sich nach solchen Konzerten immer fragt, ab wann jemand eigentlich platzt, der so aufgeblasen ist, bleibt auch heute nicht aus.

Schon damals zeigte sich, dass Mia. trotz aller inhaltlichen Defizite mal ganz groß würden. Schon damals zeigte sich, dass ich mir trotz der Abneigung gegen Mieze und Mia. mal alle Platten kaufen würde. So wie die neue. Was nach Fehler klingt, aber keiner ist. Denn manchmal erfreut man sich auch an Dingen, die man eigentlich nicht mag. Bei mir sind das Mia. Und Rinderleber. Aber das ist eine andere Geschichte.

This Blog has the Hitzefrei.

Ich geb’s ja ungern zu, aber das schönste an diesen Temperaturen ist doch, daß die Grenzen zwischen dem reinen “Gegen den Durst”-Trinken und dem “Alkohol-Wirkungs”-Trinken völlig zerfliessen.

Oder kurz gesagt: 37 Grad + 1 Pils = Spass im Kopp.

In eigener Sache…

Ich suche für eine dreiköpfige Band (ohne Schlagzeuger), von denen mindestens ein Kopf mein Kopf ist, eine kleine, lautstärkeresistente Unterkunft, um das nächste Album aufzunehmen. Kein Tonstudio oder sowas (obwohl…), denn wir bringen unser komplettes Equipment (nebst Aufnahmemöglichkeit) selbst mit. Schön wäre ein abgelegenes Ferienhaus in Wasser- oder Waldnähe und ohne Ausgeh- und Absturzmöglichkeiten im Umkreis von einem halben Tagesmarsch, damit man sich auch tatsächlich auf die Aufnahmen konzentrieren kann. Zeitraum Mitte/Ende September bevorzugt, dauer ca. 1 Woche, und ja, wir zahlen auch Miete.

Irgendjemand Tipps?

ps.: Danke für die ersten Tipps, aber das Budget liegt bei 450,- Euro, also fallen schon mal exklusivere Angelegenheiten flach.

Von wegen “wenn der Hunger kommt”.

Und dann dieser Trugschluss an der Supermarktkasse, dem man auch nur dann erliegt, wenn man mit dem Werbefernsehen der 80er Jahre sozialisiert wurde, und tatsächlich glaubt, man könne den seit Stunden grässlich brummenden Bärenhunger mit einem Schoko-Riegel der Marke “Lions” (wahlweise auch “Snickers”) zum schweigen bringen. Nach dem ersten Bissen weiß man es meistens besser, obwohl man es vorher schon besser wissen müsste. Scheiß Werbung.

Rekursives Gefühl:

Der gute Freund, der 28 geworden ist, hat keine Angst mehr davor 30 zu werden, weil die zwei Kumpels, die mittlerweile die 30 passiert haben, sich immer noch wie 18jährige benehmen.

Ladehemmung.

Musikalisch betrachtet war das letzte Jahr ein Feuerwerk an wunderbarer Musik. Wirklich. Maximo Park, Hard-Fi, Arcade Fire, Stars, Hot Hot Heat, Broken Social Scene, Metric, Gustav, M.I.A., schlag mich tot. Und die passenden, großen, guten Konzerte gab es auch dazu. Aber 2006 scheint das Indie-Leuchtfeuer irgendwie nicht so zu leuchten wie im Vorjahr. Entweder hat der Sommer zu früh angefangen, um genau jetzt die richtigen Raketen zu zünden, oder ich hab mein Gespür verloren. Und die guten Sachen waren schon (We Are Scientists, Yeah Yeah Yeahs, Mediengruppe, Deichkind, etc.), oder hatten leider nur eine Halbwertszeit von ca. 1 Woche (Ich sag nur Bosse - tolle Platte, nix dahinter).

Ja wo läuft sie denn, die gute neue Musik im Sommer 2006? Hab ich was verschwitzt?

Wetter wurmt.

Eine der wirklich denkbar undankbarsten Aufgaben ist es, in der persönlichen Weltmeister(krisen)woche bei gefühlten 45 Grad vor dem “Studioequipmeent” zu sitzen, und Songs fremder Menschen zu “produzieren”, die sich in erster Linie mit der Nahrungsaufnahme von Würmern beschäftigen. Also die Songs, nicht die Menschen. Bevorzugt am eigenen Körper. Also die Würmer, nicht die Songs.

Wenn man bedenkt, dass die meisten “düsteren” Alben im Herbst/Winter erscheinen, muss man sich dann doch mal fragen, wie das die ganzen Gothic/Gruftie/Darkwave-Produzenten bei so dem Wetter hinbekommen, so furchtbar schlecht gelaunt klingende Musik zu bearbeiten.

Lokalhumor.

“Gott ist tot!” (Nietzsche)

“Nietzsche ist tot!” (Gott / irgend so’n 68er)

“Gott isst Brot!” (Hesse)

Liebe deutschen Mitbürger, liebe Nicht-Italiener,

nein, ich bin kein Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten, auch wenn sich die Anrede so anhören mag. Nein, es ist schlimmer. Ich muss gestehen: Ich bin Italiener! Und das macht mir das Leben hier in Deutschland, dem Land der saugnapfbeflaggten Autos, der fussballförmigen WM-Brote und dreifarbig verschmierten Bierfressen im Moment nicht unbedingt leichter.

Als Gastarbeitersohn mit neapolitanisch-apulianischen Wurzeln und echtem Düsseldorfer Herzen hatte ich vergangenen Dienstag arge Probleme, mich in das allgegenwärtige Schland-WM-Reigen zu integrieren. Ja, richtig, auch an mir ist die Integrationspolitik gescheitert, zumindest die sportliche, und auch das gestehe ich an dieser Stelle offen und ehrlich. Es war ein durchweg ambivalentes Gefühl, als patriotischer Hermaphrodit mit Italien-Trikot und Schland-Schminke in das schwarz-rot-güldene Public-Viewing-Treiben zwischen skandierenden Vollspaten und tatsächlich fußball-interessierten Fußball-interessierten eingebettet zu sein – nicht zu wissen, wann man besser nicht jubelt, bei Ballkontakten in beiden Strafräumen Gänsehaut zu bekommen, bei wirklich jeder Torchance laut aufzujaulen, egal, welche Mannschaft da gerade am Ball ist. Doppelte Belastung, nervlich, seelisch, über 118 Minuten hinweg.

Und dann war alles vorbei, und die italienische Hälfte in mir fuhr skandierend im von schlechtem Veranstaltungs-Zapf-Bier angetriebenen Auto-Corso durch die Blutbahn, während meine deutsche Hälfte die schultern gen Boden sinken ließ und beinahe, aber auch wirklich nur beinahe den Tränen freien Lauf ließ. Und obwohl ich dachte, daß der Zwiespalt in mir den Klarheiten gewichen sei, beschlich mich auch nach dem Spiel die Ambivalenz: Wäre es umgekehrt ausgegangen, ich hätte lauthals mit der Masse gejubelt und zeitgleich am Boden gelegen und geheult wie ein Schlosshund – wir Italienier lieben nun mal das Drama, sowohl auf dem Platz, als auch in allen anderen Lebensbereichen, insbesondere jedoch bei allen Dingen, die mit Leidenschaft zu tun haben, i.e. Lieben, Essen, Lieben und Streiten.

Selbst jetzt, so knapp drei Tage später, scheiden sich immer noch meine eigenen Fußballgeister. Einerseits dieses schlechte Gewissen, dass die zugegeben wirklich amüsante Feierei der letzten Wochen in der 118. Minute durch einen meiner Landsmänner ein jähes und abruptes Ende fand, andererseits aber auch die Freude über die plötzliche Ruhe, über den drastisch reduzierten Bierkonsum (die WM ließ mich aufquellen!) und vor allem die Einsicht, dass wir Ihr doch nicht die besten Fußballer der Welt seit, nur weil Klinsmann gerade mal ein gutes Händchen bewiesen hat. Sogar mein Stolz ist zweischneidig: Ich bewundere die Italiener dafür, dass Sie gegen das übereuphorisierte groß des Stadions spielen mussten, und trotzdem die Nerven behielten. Ich bewundere die Deutschen dafür, im Gegensatz zu den Italienern mit gutem, mutigem, starkem Fußball verdient ins Halbfinale gelangt zu sein. Doch bei aller Schönrederei, bei allen “Ihr seid nur ein Pizzalieferant”-Rufen, die Italiener waren am Dienstag dann doch die Mannschaft mit den besseren Nerven. Muß ja, bei so viel Gegenwehr aus den Rängen. Und ich hätt’s in der Nachbetrachtung den Deutschen dennoch wirklich, ehrlich gegönnt, weiterzukommen, denn bei einer Sache bin ich mir ziemlich sicher:

Wäre Deutschland weitergekommen, würden mir weder Finale, noch Spiel um den 3. Platz so diametral am Arsch vorbeigehen. Ernsthaft, trotz des ganzen Herkunftsgeplänkels in mir, trotz der Ambivalenzen, der Gewissenskonflikte, der Verteidigungen in beiden Richtungen: das Finale fand für mich am Dienstag statt, und der Rest, der jetzt folgt, ist Makulatur, die ich mir nicht mehr geben muss.

WM ohne inneren Streß? Brauch ich nicht…