Liebe deutschen Mitbürger, liebe Nicht-Italiener,
nein, ich bin kein Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten, auch wenn sich die Anrede so anhören mag. Nein, es ist schlimmer. Ich muss gestehen: Ich bin Italiener! Und das macht mir das Leben hier in Deutschland, dem Land der saugnapfbeflaggten Autos, der fussballförmigen WM-Brote und dreifarbig verschmierten Bierfressen im Moment nicht unbedingt leichter.
Als Gastarbeitersohn mit neapolitanisch-apulianischen Wurzeln und echtem Düsseldorfer Herzen hatte ich vergangenen Dienstag arge Probleme, mich in das allgegenwärtige Schland-WM-Reigen zu integrieren. Ja, richtig, auch an mir ist die Integrationspolitik gescheitert, zumindest die sportliche, und auch das gestehe ich an dieser Stelle offen und ehrlich. Es war ein durchweg ambivalentes Gefühl, als patriotischer Hermaphrodit mit Italien-Trikot und Schland-Schminke in das schwarz-rot-güldene Public-Viewing-Treiben zwischen skandierenden Vollspaten und tatsächlich fußball-interessierten Fußball-interessierten eingebettet zu sein – nicht zu wissen, wann man besser nicht jubelt, bei Ballkontakten in beiden Strafräumen Gänsehaut zu bekommen, bei wirklich jeder Torchance laut aufzujaulen, egal, welche Mannschaft da gerade am Ball ist. Doppelte Belastung, nervlich, seelisch, über 118 Minuten hinweg.
Und dann war alles vorbei, und die italienische Hälfte in mir fuhr skandierend im von schlechtem Veranstaltungs-Zapf-Bier angetriebenen Auto-Corso durch die Blutbahn, während meine deutsche Hälfte die schultern gen Boden sinken ließ und beinahe, aber auch wirklich nur beinahe den Tränen freien Lauf ließ. Und obwohl ich dachte, daß der Zwiespalt in mir den Klarheiten gewichen sei, beschlich mich auch nach dem Spiel die Ambivalenz: Wäre es umgekehrt ausgegangen, ich hätte lauthals mit der Masse gejubelt und zeitgleich am Boden gelegen und geheult wie ein Schlosshund – wir Italienier lieben nun mal das Drama, sowohl auf dem Platz, als auch in allen anderen Lebensbereichen, insbesondere jedoch bei allen Dingen, die mit Leidenschaft zu tun haben, i.e. Lieben, Essen, Lieben und Streiten.
Selbst jetzt, so knapp drei Tage später, scheiden sich immer noch meine eigenen Fußballgeister. Einerseits dieses schlechte Gewissen, dass die zugegeben wirklich amüsante Feierei der letzten Wochen in der 118. Minute durch einen meiner Landsmänner ein jähes und abruptes Ende fand, andererseits aber auch die Freude über die plötzliche Ruhe, über den drastisch reduzierten Bierkonsum (die WM ließ mich aufquellen!) und vor allem die Einsicht, dass wir Ihr doch nicht die besten Fußballer der Welt seit, nur weil Klinsmann gerade mal ein gutes Händchen bewiesen hat. Sogar mein Stolz ist zweischneidig: Ich bewundere die Italiener dafür, dass Sie gegen das übereuphorisierte groß des Stadions spielen mussten, und trotzdem die Nerven behielten. Ich bewundere die Deutschen dafür, im Gegensatz zu den Italienern mit gutem, mutigem, starkem Fußball verdient ins Halbfinale gelangt zu sein. Doch bei aller Schönrederei, bei allen “Ihr seid nur ein Pizzalieferant”-Rufen, die Italiener waren am Dienstag dann doch die Mannschaft mit den besseren Nerven. Muß ja, bei so viel Gegenwehr aus den Rängen. Und ich hätt’s in der Nachbetrachtung den Deutschen dennoch wirklich, ehrlich gegönnt, weiterzukommen, denn bei einer Sache bin ich mir ziemlich sicher:
Wäre Deutschland weitergekommen, würden mir weder Finale, noch Spiel um den 3. Platz so diametral am Arsch vorbeigehen. Ernsthaft, trotz des ganzen Herkunftsgeplänkels in mir, trotz der Ambivalenzen, der Gewissenskonflikte, der Verteidigungen in beiden Richtungen: das Finale fand für mich am Dienstag statt, und der Rest, der jetzt folgt, ist Makulatur, die ich mir nicht mehr geben muss.
WM ohne inneren Streß? Brauch ich nicht…


7. Juli 2006 um 16:29
“Ein toller Text und eine sehr ausgefallene Betrachtungsperspektive, die aber meiner Meinung nach sehr hilfreich ist.”
[http://myblog.de/tragophil/art/3940043/Italio_Deutsch_oder_Germano_Italienisch_]
7. Juli 2006 um 19:34
wir Italienier lieben nun mal das Drama
Was Sie mit Ihrem Text ja sehr schön belegt haben. :)
28. Oktober 2006 um 16:29
ciao, complimenti per il bel testo.
sono in germania da soli 2 anni ma anche per me la finale e’ stata quel martedi’..
e io non ho versato lacrime, ma ho gioito in maniera bestiale: ero in italia..
buone cose