Monatsarchiv für November 2006

 
 

Ein paar Antworten auf nie gestellte Fragen.

So wie andere sich mal eine kleine Auswanderung ins Exil gönnen, oder einfach nur mal für ein paar Monate komplett durchknallen, hab ich mir Ende August absolute Blog-Abstinenz geleistet. Nicht absichtlich. Mehr so in Richtung autarke Unlust. Die Luft war einfach raus, das Benzin alle, das Feuer komplett erloschen, der Geist in einer Phase erektiler Dysfunktion, mein Hirn schlapp. Ich weiß nicht genau, warum. Aber ich vermute es.

Wenn man fast vier Jahre wöchentlich damit beschäftigt war, sinnergebende Buchstabenkombinationen aus der Hirnrinde zu ritzen, und dann irgendwann an einen Punkt kommt, wo man der Meinung ist, dass das alles doch keinen Sinn mehr ergibt, kippt der Internetz-Schalter wohl von alleine auf OFF. Vielleicht lag es an einer gewissen Form von subtilem Ekel – vor dem, was aus dieser ganzen Bloggerscheisse geworden ist. Früher, als man das alles hier noch für eine Ego-Krankheit hielt, die A-List-Blogger noch (keine) A-List-Blogger waren, und man einen Teil der Bande tatsächlich mit Vornamen, Körbchengrösse und Perversionsvorliebe kannte, gab es tatsächlich viele Internetz-Texter, zu denen ich neidvoll aufblickte. Die waren der Antrieb, selbst zu bloggen; es anders, vielleicht besser, aber mindestens genau so brilliant zu machen. Oder es wenigstens zu versuchen.

Heute bloggt jedes Arschloch. Wirklich. Sogar der einstmals konsequente Technikverächter, der das ganze als abgrundtief peinlichen Seelen-Exhibitionismus deklarierte, und dabei die Nase rümpfte, als handelte es sich um schnöden, fauligen Hundekot. Selbst die allergrössten Witze des Genpools, Menschen, die so doof sind, dass ich sie nicht mal etwas lesen lassen würde, schreiben in erbrechenswürdigem Deutsch über ihren phänomenal aufregenden Kacktag. Und wer nicht mal einen Kacktag sein eigen nennt, setzt einfach den nächstbesten Link zum nächstenbesten Link zum nächstbesten Link – den andere auch schon gesetzt haben. Und nennt das ganze dann Web 2.0 und Medienrevolution.

Wo es früher darum ging, sich gegenseitig zu inspirieren, neidvoll auf die “Schreibe” der Blognachbarn zu schauen, sich ganz platt ausgedrückt gegenseitig das Hirn mit wunderbar genialen Sätzen, Geschichten und Ansichten rauszuvögeln, hat sich heute für mein Empfinden genau das eingestellt, was in jeder Beziehung irgendwann mal passiert – die guten Blogger haben Aufgrund der bloggialen Übersexualisierung größtenteils keinen Bock mehr auf Sex, und alle anderen sind irgendwie nicht attraktiv genug, um dem eigenen Lese- und Beuteschema gerecht zu werden. Wie gesagt, plattes Beispiel, aber passend.

Ich will mich nicht in die “Früher war alles besser”-Riege einreihen, ich will mich auch nicht über andere stellen, oder behaupten, ich sei besser, und ich will schon gar nicht einen auf Geschmackspolizei machen. Darum geht es nicht. Aber als Erklärungsansatz für mein plötzliches Verschwinden, für meine Unlust, überhaupt noch einen Satz von mir zu geben, kann nur die Tatsache herhalten, dass mich der ganze Bloggerkram nach 4 Jahren einfach tödlichst gelangweilt hat – und das schließt nicht nur das Schreiben, sondern auch alle damit zusammenhängenden Aspekte ein. Mediale Revolution am Arsch.

Ich hatte nebenbei mit der absoluten Demokratisierung von Werkzeugen, die der Erschaffung kreativer Inhalte dienen, schon immer meine ganz eigenen Probleme. Und zwar immer genau dann, wenn plötzlich all diejenigen kreativ wurden, die es nie waren, und vielleicht sogar nie sein dürfen. Anfang der 90er hatte ich schon mal so ein Gefühl. Als Techno plötzlich Charts-fähig wurde, und jeder Idiot mit vorgefertigten Loops und Beats seinen kleinen Dancefloorhit zusammenklauen konnte. Ab dem Zeitpunkt war elektronische Tanzmusik für mich irrelevant, da ihre vom Song losgelöste Struktur für jeden, der eine Maus schieben konnte, mit einfachsten Mitteln reproduzierbar war. Man brauchte kein Talent mehr. Das, was dabei rauskam, war dementsprechend talent- und charakterfrei. Ist es auch heute noch. Das war der Moment, wo ich beschloss, mich nicht mehr für diese Art von Musik zu interessieren. Für jemanden, dessen musikalische Sozialisation auf elektronischer Musik basiert und einer Besessenheit gleicht ein durchaus drastischer Schritt. Aber er war nicht forciert, es passierte einfach so.

Heute habe ich ein ähnliches Gefühl, wenn ich ab und an noch mal durch’s Internetz schleiche, und tatsächlich versuche, ein paar etablierte oder weniger etablierte Blogs zu lesen: Gähnende, in unzählige Kilobytes gegossene Langweile. Linkschinderei. Hier was mit Flickr, da was mit Youtube, der ein oder andere Link, den man irgendwo schon 100 mal in ähnlicher Form angeklickt hat, die sporadische mp3-Empfehlung oder die wie auch immer geartete Medien- oder Manager oder Medienmanager-Schelte – eben dieses ganze Web 2.0-Gedöns. Das hat seine Berechtigung, das ist vielleicht auch für irgendwas wichtig und für irgendwen interessant. Das sind aber – zumindest für mich – niemals die richtigen, wichtigen Gründe, ein Blog zu betreiben.

Der Ansatz des Bloggens war für mich, eine leere Seite mit Seele zu füllen, Teile der eigenen Persönlichkeit in lesegerechte Häppchen zu formen, und sich im besten Falle darüber zu freuen, dass es immer ein paar ähnlich Gestörte gibt, die Geschichten mitlesen und mitdenken. Das reizvolle waren genau diese Geschichten. Die gut geschriebenen Gedankengänge, die Schmunzelerreger, die kleinen Dramen, die großen Ideen in und um Blogs. Das war – zumindest für mein Empfinden – gutes Bloggen. Ich scheine das nicht mehr zu können. Andere konnten das nie. Ganz wenige können es immer noch, ungeachtet der bloggewordenen Linkschwämme. Und die verdienen meinen grössten Respekt. Die Web Eins-Punkt-Nuller. Die Geschichtenerzähler. Die Text gewordenen Kamasutren. Die, die mir damals beim Lesen das Hirn rausgevögelt, und mich damit zum bloggen gebracht haben.

Natürlich, ich hätte jetzt auch einfach schreiben können: “Huhu, ich bin wieder da!”, und mir das ganze, dramatische Gezeter ersparen können. Aber das wäre zu einfach gewesen. Ich versuche es nicht einfach so noch mal. Ich will nicht unbedingt wieder bloggen. Das tun alle. Ich will wieder schreiben. Rumvögeln mit Wörtern. So wie die coolen Web 1.0-Urviecher, die das nach all den Jahren immer noch können.

Huhu, ich bin wieder da.