Ein paar Antworten auf nie gestellte Fragen.

So wie andere sich mal eine kleine Auswanderung ins Exil gönnen, oder einfach nur mal für ein paar Monate komplett durchknallen, hab ich mir Ende August absolute Blog-Abstinenz geleistet. Nicht absichtlich. Mehr so in Richtung autarke Unlust. Die Luft war einfach raus, das Benzin alle, das Feuer komplett erloschen, der Geist in einer Phase erektiler Dysfunktion, mein Hirn schlapp. Ich weiß nicht genau, warum. Aber ich vermute es.

Wenn man fast vier Jahre wöchentlich damit beschäftigt war, sinnergebende Buchstabenkombinationen aus der Hirnrinde zu ritzen, und dann irgendwann an einen Punkt kommt, wo man der Meinung ist, dass das alles doch keinen Sinn mehr ergibt, kippt der Internetz-Schalter wohl von alleine auf OFF. Vielleicht lag es an einer gewissen Form von subtilem Ekel – vor dem, was aus dieser ganzen Bloggerscheisse geworden ist. Früher, als man das alles hier noch für eine Ego-Krankheit hielt, die A-List-Blogger noch (keine) A-List-Blogger waren, und man einen Teil der Bande tatsächlich mit Vornamen, Körbchengrösse und Perversionsvorliebe kannte, gab es tatsächlich viele Internetz-Texter, zu denen ich neidvoll aufblickte. Die waren der Antrieb, selbst zu bloggen; es anders, vielleicht besser, aber mindestens genau so brilliant zu machen. Oder es wenigstens zu versuchen.

Heute bloggt jedes Arschloch. Wirklich. Sogar der einstmals konsequente Technikverächter, der das ganze als abgrundtief peinlichen Seelen-Exhibitionismus deklarierte, und dabei die Nase rümpfte, als handelte es sich um schnöden, fauligen Hundekot. Selbst die allergrössten Witze des Genpools, Menschen, die so doof sind, dass ich sie nicht mal etwas lesen lassen würde, schreiben in erbrechenswürdigem Deutsch über ihren phänomenal aufregenden Kacktag. Und wer nicht mal einen Kacktag sein eigen nennt, setzt einfach den nächstbesten Link zum nächstenbesten Link zum nächstbesten Link – den andere auch schon gesetzt haben. Und nennt das ganze dann Web 2.0 und Medienrevolution.

Wo es früher darum ging, sich gegenseitig zu inspirieren, neidvoll auf die “Schreibe” der Blognachbarn zu schauen, sich ganz platt ausgedrückt gegenseitig das Hirn mit wunderbar genialen Sätzen, Geschichten und Ansichten rauszuvögeln, hat sich heute für mein Empfinden genau das eingestellt, was in jeder Beziehung irgendwann mal passiert – die guten Blogger haben Aufgrund der bloggialen Übersexualisierung größtenteils keinen Bock mehr auf Sex, und alle anderen sind irgendwie nicht attraktiv genug, um dem eigenen Lese- und Beuteschema gerecht zu werden. Wie gesagt, plattes Beispiel, aber passend.

Ich will mich nicht in die “Früher war alles besser”-Riege einreihen, ich will mich auch nicht über andere stellen, oder behaupten, ich sei besser, und ich will schon gar nicht einen auf Geschmackspolizei machen. Darum geht es nicht. Aber als Erklärungsansatz für mein plötzliches Verschwinden, für meine Unlust, überhaupt noch einen Satz von mir zu geben, kann nur die Tatsache herhalten, dass mich der ganze Bloggerkram nach 4 Jahren einfach tödlichst gelangweilt hat – und das schließt nicht nur das Schreiben, sondern auch alle damit zusammenhängenden Aspekte ein. Mediale Revolution am Arsch.

Ich hatte nebenbei mit der absoluten Demokratisierung von Werkzeugen, die der Erschaffung kreativer Inhalte dienen, schon immer meine ganz eigenen Probleme. Und zwar immer genau dann, wenn plötzlich all diejenigen kreativ wurden, die es nie waren, und vielleicht sogar nie sein dürfen. Anfang der 90er hatte ich schon mal so ein Gefühl. Als Techno plötzlich Charts-fähig wurde, und jeder Idiot mit vorgefertigten Loops und Beats seinen kleinen Dancefloorhit zusammenklauen konnte. Ab dem Zeitpunkt war elektronische Tanzmusik für mich irrelevant, da ihre vom Song losgelöste Struktur für jeden, der eine Maus schieben konnte, mit einfachsten Mitteln reproduzierbar war. Man brauchte kein Talent mehr. Das, was dabei rauskam, war dementsprechend talent- und charakterfrei. Ist es auch heute noch. Das war der Moment, wo ich beschloss, mich nicht mehr für diese Art von Musik zu interessieren. Für jemanden, dessen musikalische Sozialisation auf elektronischer Musik basiert und einer Besessenheit gleicht ein durchaus drastischer Schritt. Aber er war nicht forciert, es passierte einfach so.

Heute habe ich ein ähnliches Gefühl, wenn ich ab und an noch mal durch’s Internetz schleiche, und tatsächlich versuche, ein paar etablierte oder weniger etablierte Blogs zu lesen: Gähnende, in unzählige Kilobytes gegossene Langweile. Linkschinderei. Hier was mit Flickr, da was mit Youtube, der ein oder andere Link, den man irgendwo schon 100 mal in ähnlicher Form angeklickt hat, die sporadische mp3-Empfehlung oder die wie auch immer geartete Medien- oder Manager oder Medienmanager-Schelte – eben dieses ganze Web 2.0-Gedöns. Das hat seine Berechtigung, das ist vielleicht auch für irgendwas wichtig und für irgendwen interessant. Das sind aber – zumindest für mich – niemals die richtigen, wichtigen Gründe, ein Blog zu betreiben.

Der Ansatz des Bloggens war für mich, eine leere Seite mit Seele zu füllen, Teile der eigenen Persönlichkeit in lesegerechte Häppchen zu formen, und sich im besten Falle darüber zu freuen, dass es immer ein paar ähnlich Gestörte gibt, die Geschichten mitlesen und mitdenken. Das reizvolle waren genau diese Geschichten. Die gut geschriebenen Gedankengänge, die Schmunzelerreger, die kleinen Dramen, die großen Ideen in und um Blogs. Das war – zumindest für mein Empfinden – gutes Bloggen. Ich scheine das nicht mehr zu können. Andere konnten das nie. Ganz wenige können es immer noch, ungeachtet der bloggewordenen Linkschwämme. Und die verdienen meinen grössten Respekt. Die Web Eins-Punkt-Nuller. Die Geschichtenerzähler. Die Text gewordenen Kamasutren. Die, die mir damals beim Lesen das Hirn rausgevögelt, und mich damit zum bloggen gebracht haben.

Natürlich, ich hätte jetzt auch einfach schreiben können: “Huhu, ich bin wieder da!”, und mir das ganze, dramatische Gezeter ersparen können. Aber das wäre zu einfach gewesen. Ich versuche es nicht einfach so noch mal. Ich will nicht unbedingt wieder bloggen. Das tun alle. Ich will wieder schreiben. Rumvögeln mit Wörtern. So wie die coolen Web 1.0-Urviecher, die das nach all den Jahren immer noch können.

Huhu, ich bin wieder da.


 
 
 

15 Kommentare zu “Ein paar Antworten auf nie gestellte Fragen.”

  1. zoso
    29. November 2006 um 19:45

    “Rumvögeln mit Worten”
    Hört sich gut an und macht Lust auf mehr. Vielleicht bekomme ich ja Lust auf ein Rudelbumsen.

    Schön, dass sie wieder da sind…

  2. benada
    29. November 2006 um 21:24

    Diese Gedanken kenn ich doch… Vor diesem Hintergrund: Respekt vor dem Mut, die alte Hure “Blog” wieder zu besteigen und es nochmal wissen zu wollen.

  3. missi
    29. November 2006 um 21:24

    Na dann mal “Willkommen zurück”. Hybsches, neues d.sign, muss ich neidlos anerkennen.

  4. Herr Shhhh.
    29. November 2006 um 21:31

    Danke, danke, danke. Wenn ich jetzt noch mal die Zeit finden würde, diese hirnverbrannten Smileys im Kommentarfeld auszuschalten, wäre alles (fast) perfekt…

  5. oliver
    29. November 2006 um 23:18

    das bild da ganz oben ist jedenfalls schon mal großes kino, herr shhhh.

  6. nikko
    30. November 2006 um 11:09

    > Die gut geschriebenen Gedankengänge, die Schmunzelerreger, die kleinen
    > Dramen, die großen Ideen in und um Blogs. Das war – zumindest für mein
    > Empfinden – gutes Bloggen. Ich scheine das nicht mehr zu können.

    doch kannste noch. welcome back darf ich jetzt nicht sagen, aber ist schoen Sie zu lesen Hr. Shhhh.

  7. Kerstin
    30. November 2006 um 13:16

    schön, hier wieder etwas zu lesen!

  8. P.P.P.
    30. November 2006 um 17:32

    sehr schön: der beitrag - abgesehen davon, dass er einen leicht pathetischen unterton hat.
    aber ist wenigstens richtig, was sie schreiben. es gibt millionen blogs - und nur einige wenige sind wirklich lesenswert, tag für tag, stunde für stunde, minute für minute.

    also: welcome back!

  9. thom-s
    2. Dezember 2006 um 18:59

    Shhhheisse - es hat sich verdammt noch mal gelohnt den Link nicht zu vergessen und hier immer mal wieder vorbeizukommen. Danke dafür, daß Sie wieder da sind!

  10. einbecker
    3. Dezember 2006 um 05:50

    Abgesehen, dass Pathos, abgesehen von Emo-Liedern, durchaus seinen Platz hat, und abgesehen davon, dass diese Smiley-Galerie hier über dem, was ich grade tippe, höchst deplatziert wirkt und abgesehenst davon, dass ich durchaus als durchweg betrunken gelten darf, würd ich sagen, dass sie, herr shhh., so gut rausvögeln, wie sonst keiner.

    wir senden und senden so schwer
    wir verströmen uns so sehr
    doch die netze wollen immer noch mehr

  11. Bon Anza
    6. Dezember 2006 um 15:11

    es freut mich.

  12. sachsenwunder
    6. Dezember 2006 um 18:02

    Entschuldigung, wenn ich mich hier als kleines Licht oute. Ich gehe auch gleich wieder. Muss nur kurz was loswerden: Ich gehöre im Umfeld der Bloggerscheisse zum Genpoolwitz und habe leider nicht genügend gelernt, mit Worten rumzuvögeln. Also schon mal vorab viele Male sorry für die Störung dieses so illustren Kreises. Ich nutze diese demokratisierten Werkzeuge, warum auch nicht. Mir hat bisher niemand gesagt, dass dieses blogdings nur was für Menschen ist, die voller Talent und Charakter sind. Und wenn diese gottgleichen A-Blogger, die so unvergleichlich mit Worten gegen die Einfallslosigkeit aller anderen ankämpfen, keine Lust mehr haben, ihre Ergüsse genau denen zum Lesen vorzuwerfen, die sie fäkalvulgär beschimpfen, dann kommt ein Rundumschlag und anschließende Stille. Doch plötzlich sind sie wieder da. Die Poeten des Web. Version 1 natürlich, weil alles andere populär und damit verachtenswert ist. Ich schreibe weiter und wen es interessiert: Schön. Freut mich. Wer es nicht mag, darf wegbleiben. Ebenso schön. Und genauso halte ich es auch. Guten Abend.

  13. moolder
    21. Dezember 2006 um 00:55

    awright! Shhh is wieder da! und ich raffs erst nach drei wochen, sowas… drecksarbeit, nimmt den blick aufs wesentliche… Achja: Ich mag die Kommentarfeldsmileydrecksdinger :twisted: :roll:

    Web 1.0, 2.0, scheiss drauf, hauptsache Spaß am Gerät! Cheers, Ihr moolder

  14. Revolverblog
    22. Dezember 2006 um 19:15

    Shhhh is back!

    Sogar in neuen Klamotten. Schick! Und so wie’s ausschaut, hatte er auch gute Gründe, so lange weg zu bleiben.
    Im Ernst jetzt: Der hat mir gefehlt, der Mann. Beziehungsweise sein Schrieb. Welcome back, Sie Einspunktnullurviech.

  15. eria
    24. Dezember 2006 um 22:10

    freu. hab dich vermisst!

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