Monatsarchiv für Dezember 2006

 
 

Liebe Winzerei Jaques Darvis, liebe Metro-Handelsgruppe,

Ich bin kein Wein-Fachmann. Wirklich nicht. Weinsorten sind für mich zwar kein generelles Mysterium wie beispielsweise Frauen oder Dampfdruckreiniger, aber dennoch eine Materie, der ich mich ob ihrer unermesslichen Vielfalt nicht gewachsen fühle. Das merke ich jedes Mal, wenn ich in der Metro vor den überbordenden Weinregalen stehe. Meistens auf der Suche nach einem französischen Wein. Die mag ich. Weil einige von ihnen zumindest ansatzweise so einfach sind, wie ein gutes, kühles Bier. Und wie Bier trinke ich auch Wein. Einfach, nicht mit irgendwelchen pseudo-synästhtischen Wortketten im Hinterkopf, sondern stets unter dem Aspekt, das er nach Möglichkeit schmeckt und knallt. Eben nach dem Motto “Hauptsache rot, knallt und macht Pelz auf der Zunge”.

Besonders gut funktioniert das bei mir mit dieser bastardisierten Rebsorte namens Bordeaux. Die Weine dieser Traube trinke ich gerne, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen Getränken ziemlich ehrlich sind. Habe ich einen Bordeaux auf der Zunge, weiß ich, was ich bekomme. Ganz im Gegensatz zu beispielsweise Bratensoße, Dosenobstwasser oder Sauerkrautsaft. Deshalb ist der Metro-Regalabschnitt mit den Bordeaux-Sorten auch immer wieder ein guter Grund für mich, ein paar Minuten länger zu verweilen, und mir die wunderbaren Flaschen anzuschauen. Meistens nehme ich dann auch zwei mit. Eine teure und eine besonders günstige. Einfach nur, um herauszufinden, ob ich nicht doch einen kleinen, sensorischen Sherlock Holmes in meiner Mundhöle beherberge.

Gestern war definitiv das letzte Mal, dass ich das gemacht habe. Nicht, weil ich sowieso nie einen Unterschied schmecke. Nicht, weil ich das Zeug eh nur zum betrinken trinke. Nein, einfach nur, weil ich gestern Abend feststellen musste, das ein und derselbe Wein (i.e. selbe Sorte, selber Jahrgang, selber Abfüller) zwei unterschiedliche Preise (mit einer Differenz von knapp 5 Euro) haben kann. Zumindest der Bordeaux von dem Kollegen Jaques Darvis, der sich eigentlich nur durch Qualität der Ettiketierung und Flaschenfarbe unterscheidet.

Was mich vom wahren Weinkenner unterscheidet, und dem Alltagsidioten wesentlich näher rückt: Ich hab’s natürlich erst bemerkt, als ich die Flaschen zu Hause begutachtete. Warum sollte man auch vorher auf’s Ettikett gucken – Bordeaux is ja Bordeaux.

Weihnachtsmärkte. Für’n Arsch.

Vor ungefähr 10 Jahren machte ich einen großen, aber harmlosen Fehler. Ich zog von Düsseldorf nach Siegen. In dieser Zeit traf ich kaum einen Menschen, der diesen einen, großen, aber harmlosen Fehler nicht mit Floskelparaden wie “Wie kannst Du nur!?”, “Um Himmelswillen!” oder “Das bereust Du doch bestimmt!” kommentierte. Ich bereue nichts. Ich hab in den 10 Jahren viele nette (und auch doofe) Bekanntschaften gemacht, ohne die mein merkwürdiger Alltag sicherlich fast so langweilig wie das Inhaltsverzeichnis des Siegener VHS-Kataloges gewesen wäre. Und ich habe gelernt, mich mit Dingen zu arrangieren, die mich generell schon immer ankotzten. Davon gibt es gerade in Siegen unheimlich viele. Zum Beispiel den Weihnachtsmarkt.

Der Siegener Weihnachtsmarkt ist in gewisser Hinsicht schon immer das Äquivalent zum Düsseldorfer Karneval gewesen. Horden von Auswärtigen treffen sich zum allabendlichen Saufgelage, um danach marodierend durch die anliegenden Kneipen zu tingeln, und zwischendrin mal kurz vor meine Haustür zu pinkeln, weil man sein neuerliches Revier ja auch irgendwie markieren muss – das geht am besten mit Urin.

Letztes Jahr war der Weihnachtsmarkt noch in der Siegener Unterstadt. Das ist sowas wie die ghettoisierte Einkaufsmeile im Zentrum einer Stadt ohne Zentrum. Ein Beton gewordener Beleg für die Blindheit und Geschmacksunsicherheit der Siegener Stadtoberen, die es irgendwann sogar mal für eine gute Idee hielten, den durch die Innenstadt tropfenden Fluss, die sogenannte Sieg, mit einer Betonplatte abzudecken. Wer braucht schon Ruhe- und Grünzonen in einer Stadt, wenn man stattdessen Parkplätze satt haben kann? Eben jene zentrale Parkplatzplatte war der Standort des wohl hässlichsten Weihnachtsmarktes der Welt. Und ungefähr so stellte ich mir auch immer den Weihnachtsmarkt in Jena Lobedda vor, obwohl ich da noch nie war, sondern immer nur entgeistert dran vorbeigefahren bin. Im Gegensatz zu Jena Lobedda, der plattenbaubewehrten Wohnhölle Richtung Osten, gibt es in Siegen aber auch schöne Ecken. Beispielsweise die Oberstadt. Die heißt in anderen Städten “Altstadt”, oder “historischer Stadtkern”, aber in Siegen ist man da pragmatischer, denn die Oberstadt liegt auf einer Art zu groß geratenem Hügel, und es kostet schon einiges an Arschmuskulatur, wenn man mal eben gucken will, wie schön Siegen mal ausgesehen hat.

Das Problem ist nur: Mehr als “Aussehen” tut die Oberstadt nicht, denn im Zuge der Kommerzialisierung der Unterstadt (sprich Douglas, McDonalds, Pimkie, etc., pp.), hat sich der einstmals florierende alte Kern der Stadt in eine Art vor sich hin schlummerden Hügel des Todes verwandelt. Mittlerweile gibt es zwar wieder Ansätze von Leben, aber das interessiert eigentlich niemanden, weil man wie bereits erwähnt eine ordentliche Arschmuskulatur braucht, um die Stellen zu erreichen, die tatsächlich wieder belebt sind. Und weil die Stadtoberen anscheinend immer noch kein adäquates Mittel gefunden haben, die Ärsche nach oben zu bewegen, hat man jetzt mehr oder weniger rigide den Plattenbaubeton-Weihnachtsmarkt in die Oberstadt geflanscht. Vielmehr auf den “Unteren Schlossplatz”, der zwar so heißt, aber eigentlich nicht unten, sondern genau zwischen unten und oben liegt, und in seiner bestechenden Tristesse unter anderem die Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn beherbergt. Weihnachtsmarkt mit Knastambiente.

Neben der Tatsache, dass sich ungefähr 100 % aller Weihnachtsmarktbudenbetreiber höllisch darüber aufgeregt haben, die Siech-Platte verlassen zu müssen, deshalb sogar letztes Jahr für satte 2 Stunden gestreikt (natürlich Werktags um 14 Uhr, sic!) und Unterschriften gesammelt haben, ist das amüsanteste an der ganzen Geschichte, dass ich tatsächlich Spaß an diesem neuen Weihnachtsmarkt habe. Weil er einfach schön ist. Gut, das einzige, was stört, sind die Menschen, die sich da oben vollaufen lassen, aber wenn man zwei Glühwein mit Schuss intus hat, lässt sich auch der Petry hörende Pöbel einigermaßen tolerieren, zu mal laut Kant Masse ja gemein macht, man also letztlich sowie dazu gehört, zu den gröhlenden, besoffenen Ärschen, die mir in den Hauseingang pinkeln.

Ja richtig gelesen, ich bekenne mich an dieser Stelle: Ich mag den neuen Siegener Weihnachtsmarkt. Er macht meinen Hintern knackig und meinen Kopf schön weich. Vielleicht sollte ich 2007 zurück nach Düsseldorf ziehen, und es noch mal mit dem Karneval probieren. Oder – als ultimativen Belastungstest – gleich nach Köln auswandern.

Spaß am Montag. Mit 2.0.

Es gibt im Moment eigentlich kaum Gründe, morgens mit einem herzlichen “Yeah!” auf den Lippen aufzuwachen. Umso mehr freue ich mich an, auf und über Menschen, die das trotz aller Dezember-Widrigkeiten können. Einfach mal “Yeah!” schreien, und im besten Fall vielleicht auch noch mit Essen durch die Gegend schmeissen. Matt and Kim aus Brooklyn machen das. Ich will das auch. Zumindet tausend mal lieber, als mich noch mal komplett mit rum-gestrecktem Glühwein volllaufen zu lassen. Weihnachten ist manchmal so abgrundtief Bäh.


Les Link: MATT + KIM - YEA YEAH!

Paradeux.

Das schöne an zwei freien Tagen ist, dass man endlich mal wieder Zeit zum Arbeiten hat…