Weihnachtsmärkte. Für’n Arsch.
Vor ungefähr 10 Jahren machte ich einen großen, aber harmlosen Fehler. Ich zog von Düsseldorf nach Siegen. In dieser Zeit traf ich kaum einen Menschen, der diesen einen, großen, aber harmlosen Fehler nicht mit Floskelparaden wie “Wie kannst Du nur!?”, “Um Himmelswillen!” oder “Das bereust Du doch bestimmt!” kommentierte. Ich bereue nichts. Ich hab in den 10 Jahren viele nette (und auch doofe) Bekanntschaften gemacht, ohne die mein merkwürdiger Alltag sicherlich fast so langweilig wie das Inhaltsverzeichnis des Siegener VHS-Kataloges gewesen wäre. Und ich habe gelernt, mich mit Dingen zu arrangieren, die mich generell schon immer ankotzten. Davon gibt es gerade in Siegen unheimlich viele. Zum Beispiel den Weihnachtsmarkt.
Der Siegener Weihnachtsmarkt ist in gewisser Hinsicht schon immer das Äquivalent zum Düsseldorfer Karneval gewesen. Horden von Auswärtigen treffen sich zum allabendlichen Saufgelage, um danach marodierend durch die anliegenden Kneipen zu tingeln, und zwischendrin mal kurz vor meine Haustür zu pinkeln, weil man sein neuerliches Revier ja auch irgendwie markieren muss – das geht am besten mit Urin.
Letztes Jahr war der Weihnachtsmarkt noch in der Siegener Unterstadt. Das ist sowas wie die ghettoisierte Einkaufsmeile im Zentrum einer Stadt ohne Zentrum. Ein Beton gewordener Beleg für die Blindheit und Geschmacksunsicherheit der Siegener Stadtoberen, die es irgendwann sogar mal für eine gute Idee hielten, den durch die Innenstadt tropfenden Fluss, die sogenannte Sieg, mit einer Betonplatte abzudecken. Wer braucht schon Ruhe- und Grünzonen in einer Stadt, wenn man stattdessen Parkplätze satt haben kann? Eben jene zentrale Parkplatzplatte war der Standort des wohl hässlichsten Weihnachtsmarktes der Welt. Und ungefähr so stellte ich mir auch immer den Weihnachtsmarkt in Jena Lobedda vor, obwohl ich da noch nie war, sondern immer nur entgeistert dran vorbeigefahren bin. Im Gegensatz zu Jena Lobedda, der plattenbaubewehrten Wohnhölle Richtung Osten, gibt es in Siegen aber auch schöne Ecken. Beispielsweise die Oberstadt. Die heißt in anderen Städten “Altstadt”, oder “historischer Stadtkern”, aber in Siegen ist man da pragmatischer, denn die Oberstadt liegt auf einer Art zu groß geratenem Hügel, und es kostet schon einiges an Arschmuskulatur, wenn man mal eben gucken will, wie schön Siegen mal ausgesehen hat.
Das Problem ist nur: Mehr als “Aussehen” tut die Oberstadt nicht, denn im Zuge der Kommerzialisierung der Unterstadt (sprich Douglas, McDonalds, Pimkie, etc., pp.), hat sich der einstmals florierende alte Kern der Stadt in eine Art vor sich hin schlummerden Hügel des Todes verwandelt. Mittlerweile gibt es zwar wieder Ansätze von Leben, aber das interessiert eigentlich niemanden, weil man wie bereits erwähnt eine ordentliche Arschmuskulatur braucht, um die Stellen zu erreichen, die tatsächlich wieder belebt sind. Und weil die Stadtoberen anscheinend immer noch kein adäquates Mittel gefunden haben, die Ärsche nach oben zu bewegen, hat man jetzt mehr oder weniger rigide den Plattenbaubeton-Weihnachtsmarkt in die Oberstadt geflanscht. Vielmehr auf den “Unteren Schlossplatz”, der zwar so heißt, aber eigentlich nicht unten, sondern genau zwischen unten und oben liegt, und in seiner bestechenden Tristesse unter anderem die Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn beherbergt. Weihnachtsmarkt mit Knastambiente.
Neben der Tatsache, dass sich ungefähr 100 % aller Weihnachtsmarktbudenbetreiber höllisch darüber aufgeregt haben, die Siech-Platte verlassen zu müssen, deshalb sogar letztes Jahr für satte 2 Stunden gestreikt (natürlich Werktags um 14 Uhr, sic!) und Unterschriften gesammelt haben, ist das amüsanteste an der ganzen Geschichte, dass ich tatsächlich Spaß an diesem neuen Weihnachtsmarkt habe. Weil er einfach schön ist. Gut, das einzige, was stört, sind die Menschen, die sich da oben vollaufen lassen, aber wenn man zwei Glühwein mit Schuss intus hat, lässt sich auch der Petry hörende Pöbel einigermaßen tolerieren, zu mal laut Kant Masse ja gemein macht, man also letztlich sowie dazu gehört, zu den gröhlenden, besoffenen Ärschen, die mir in den Hauseingang pinkeln.
Ja richtig gelesen, ich bekenne mich an dieser Stelle: Ich mag den neuen Siegener Weihnachtsmarkt. Er macht meinen Hintern knackig und meinen Kopf schön weich. Vielleicht sollte ich 2007 zurück nach Düsseldorf ziehen, und es noch mal mit dem Karneval probieren. Oder – als ultimativen Belastungstest – gleich nach Köln auswandern.


4. Dezember 2006 um 20:23
… von Düsseldorf nach Siegen ziehen???? Na ja, es gab wohl einen Grund…
5. Dezember 2006 um 01:49
Ich kann mich an Zeiten erinnern, da fing der Siegener Weihnachtsmarkt unten in der Fußgängerzone an, über die Siegplatte, zog sich dann den ” Hügel des Todes” :mrgreen: hoch und endete auf dem unteren Schlossplatz. Irgendwann standen dann nur noch 4 oder 5 Glühweinbuden neben dem “Oberstadt-Exorzisten” und das wars. Bis auf die Siegplatte natürlich. Das waren noch Zeiten, damals, anno 1760 oder so
5. Dezember 2006 um 11:40
Im letzten Jahr hat mich ein Crêpestandbetreiber gebeten, auf besagter Liste für das Verbleiben auf der Siegplatte zu unterschreiben. Aber in einem Ton - als würde der Weihnachtsmarkt auf der Siegplatte neben Essen und Schlafen zu meinen persönlichen Grundbedürfnissen gehören!
Und zum Thema Arschmuskulatur: Für mich geht’s zum Weihnachtsmarkt bergab und noch besser: jetzt nicht mehr mit Glühwein intus wieder den ganzen Berg hoch nach Hause! Ansonsten quält sich auch regelmäßig das Monstrum von Hübbelbummler (was sind das für Leute, die sich so einen Namen ausdenken?!) den Berg hoch.
15. Dezember 2006 um 11:20
es heißt jena-lobeda. ein D reicht. viel spass beim glühwein.
21. Dezember 2006 um 22:00
ich kenn noch so einen, der siegen schön findet. ist mir schleierhaft. komm mal besser zu uns nach köln, das isses zwar auch nicht schön, aber deutlich netter als in siegen.
22. Dezember 2006 um 12:53
Es ist schön dort
nicht mehr zu wohnen.
19. Januar 2007 um 15:09
Volle Zustimmung (naja, vielleicht bis zu dem Moment, als ich in die alte Heimat an den Bodensee fuhr, um dort im Konstanzer Hafen über den Weihnachtsmarkt zu schlendern…)!
Ich wusste ja noch nicht mal, dass Siegen ne VHS hat… naja, bin ja auch erst 2 1/2 Jahre hier.