Natürlich klingt das albern, wenn man als provinz-zugezogener Tunichtgut plötzlich in den Raum wirft, dass man einen Stalker hat. Ich hab weder einen Hubschrauber, noch ein Motorboot, geschweigedenn einen Multimillionen-Plattendeal oder ein Sponsoring von der Volkswagen Soundfoundation. Warum zur Hecke sollte ich also einen Stalker haben!? De Facto stimmt es aber: Ich habe einen Stalker. Oder besser gesagt: eine Stalkerin! Und ich stelle gerade fest, dass solche Sätze gelesen noch bescheuerter klingen, als wenn man sie einfach so sagt.
Es ist ja nicht so, als würden mir Dinge wie Prokrastination, meine Bandscheibe, das Staffelende der Sopranos und die meiner Meinung nach völlig überbewertete Schwemme an Franzosenelektro á la Justice nicht schon genug Migräneanfälle bereiten. Darüber hinaus muss ich mich jetzt damit rumplagen, dass mir eine unbekannte Frau mehrmals am Tag via irgendwelcher Social Networking-Seiten Nachrichten zukommen lässt, die mich ein wenig erschaudern lassen. Dabei ist es gar nicht mal der Gedanke, dass mich jemand online verfolgt, der mir Angst einjagt. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie diese offensichtlich aus dem Osten stammende Person schon seit Wochen mit mir kommuniziert. Einseitig. Unverständlich. Kryptisch. In gebrochenem, kaum lesbaren Deutsch. Angefangen von undechiffrierbaren Songtipps, über Links zu illustren Zeichentrickvideos, bis hin zu aktuellen Berichterstattungen über die tägliche Laune, den Gesundheitszustand, das Wetter und Freunde und Bekannte meines Stalkers war jetzt schon fast alles dabei. Täglich. Mehrmals. Ohne erkennbaren Hintergrund.
Irgendwann letzte Woche beschloss ich dann, zu antworten. Vielmehr zu Fragen, wer, warum und was das eigentlich soll, mit den Nachrichten, den Chiffern und dem ganzen Mumpitz. Ohne Erfolg. Ich bekam zwar Antworten, die hatten aber recht wenig mit meinen Fragen zu tun. Vielmehr offenbarte mir Frau Stalkerowsky, dass sie mich und meine zwei Hunde schon seit langem kenne, schließlich wohnten wir ja am Waldrand, und dass wir sogar eine gemeinsame Bekannte – Frau Krämer – teilten. Aber das hätte sie mir so oder so auch alles schon mal an Weihnachten geschrieben, und überhaupt würde sie sich ja sehr, sehr um mich sorgen, und mein liebes Weblog wolle sie ja nicht kommentieren, das würde sie nur wütend machen. Wer mich kennt, weiß das ich Hunde und Wald fast so sehr hasse wie die Musikindustrie, Linsensuppe und Oberliga-Fußball. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mich also irgendwo am Waldrand mit zwei Hunden durch die Gegend schwarwenzeln sieht, und vielleicht sogar dabei ertappt, wie ich ein kleines Schwätzchen mit Frau Krämer halte, zum Beispiel über Weihnachtskarten, tendiert gegen absolut Null. Genausowenig wird man mich im Auto auf der Fahrerseite, im Puff oder beim großzügig bemessenen Konsum von Fernet Branca oder Dosenravioli antreffen. Undenkbar.
Die Sache mit dem Weblog dagegen macht mir schon eher zu schaffen. Frau Stalkerowsky will nämlich partout nicht damit rausrücken, was sie an dem Laden hier stört. Nun gut, ich hab es per se aufgegeben, auf sinnvolle Antworten zu warten, denn wir bereits angemerkt, bekomme ich so ziemlich alle Informationen. Nur keine relevanten. Selbst die Frage, ob Frau Stalkerowsky wenigstens gut aussehe, damit ich mir wenigstens sagen “OK, bekloppt, aber sexy!” wurde bis Dato nur mit kryptischen Hinweisen auf Krankheit und Musik von Mike Oldfield boykottiert.
Bleibt jetzt die Frage: Was soll ich tun? Getrost ignorieren? Wahrscheinlich. Ist in solchen Fällen meistens besser. Ich erinnere mich noch vage, dass ich schon mal eine Stalkerin hatte, das war 1864, also zu Zeiten, als Google noch unter der URL von Altavista erreichbar war, und man noch wesentlich offener und unbedarfter mit seiner IRL-Identität rumjuxte. Die Prä-Webzwonull-Stalker-Geschichte endete damit, dass ich ein schwarzes Plüschkissen, ein in teueres Silber gerahmtes Foto der damaligen Stalkerin und einen Heiratsantrag per Kurier bekam. Und wo ich gerade “Kurier” schreibe: danach war ich endgültig von Internetbekanntschaften, schwarzem Plüsch und Heiraten im allgemeinen kuriert. Stalker haben also auch einen pädagogischen Wert. Ob das im aktuellen Fall genauso ist, wird sich noch zeigen…