Ja, ja, ja, es ist ja alles schön, und richtig und gut: Die Musikindustrie stirbt, zurecht aus suizidalen Gründen, letztes Jahr haben 48 % aller Schamhaarlosen nicht einen einzigen physikalischen Tonträger erworben (ich übrigens auch nicht, obwohl ich Schamhaare mit Stolz und Würde trage), und selbst Chef der EMI spricht davon, dass Musik 1.0 tot ist.
Anfangs habe ich diese ganzen Nachrichten wirklich begrüßt. Nicht zuletzt weil ich ja auch schon seit mehr oder weniger 10 Jahren dieser “Industrie” zuarbeite – zwar nur im denkbar kleinsten Rahmen, als Layouter eines durchweg company-finanzierten In-Store-Magazins, aber immer noch mit genügend Background, um zu wissen, wie durchtrieben, verhurt, bigott und selbstverliebt diese ganze Branche war und ist.Doch dieses Hintergrundwissen gestaltet mein Parallel-Universum nicht unbedingt lebenswerter. Denn ich kenn ja auch – ebenfalls im denkbar kleinsten Rahmen – die andere Seite. Die des Künstlers, des Musikschaffenden, der letztlich dann doch über die Grenzen der Proberaumtür hinaus denkt, und vielleicht mehr will, als nur die Top-1 beim durchschnittlich 3 Besucher am Tag verzeichnenden Mp3-Portal und das regelmässige Airplay im Sprockhöveler Internet-Radio. Diese andere Seite, die nicht im “Business” verhaftet ist, aber dennoch irgendwie Liedgut in die Ohren unbekannter Menschen pflanzen möchte, freut sich mittlerweile überhaupt nicht mehr über die Freude am Verwesungsprozess der Industrie. Denn ich bin nicht Radiohead.
Das klingt immer so frustrierend und nervig und hodenlos, wenn diese Musikerargumente auf den Tisch kommen, nach dem Motto: “Wir sind ja völlig unbekannt, was sollen wir denn machen?”. Aber eben diese Argumente bergen einen wirklich gewichtigen Klumpen Wahrheit. Vor allem dann, wenn man 2008 mit Musik in den Startlöchern steht, die vielleicht wirklich etwas mehr Potenzial ausstrahlt, als der sonst nicht minder mühsam zusammengebastelte Kram. Wohin damit, wen anschreiben, was tun? Selbstvermarktung? Das hat auch schon damals nicht funktioniert.
Natürlich könnte man jetzt den ganzen Tag damit verbringen, Unbekannte bei myspace zu adden, Foren und Blogs zu spammen, das Internet unsicher zu machen. Unabhängig von dem nicht zu unterschätzenden Zeitaufwand, der hinter der Selbstpromo steckt (alles schon erlebt), der einem quasi den Broterwerb kosten würde, stellt sich dann jedoch die Frage, was danach kommt. Fans, schön und gut, aber die Rechnung geht auch 2008 noch nicht auf. Denn obwohl ja alles so super trendy 2.0 im Umbruch ist, zählt auch 2008 immer noch die eine kleine Formel, die dem Newcomer in Deutschland (wohlgemerkt) – sofern er nicht seine Seele an einen A&R verkauft – den Strich durch die Rechnung macht: Ohne Label, kein Vertrieb. Ohne Vertrieb, keine Veröffentlichung (egal wo, ob CD oder Itunes). Ohne Veröffentlichung, kein Konzert. Ohne Konzert, keine Fans. As simple as that.
Stellt sich also die Frage: Was macht man 2008, wenn man Musik macht, die vielleicht nicht nur für den Proberaum und den kleinen Club um die Ecke bestimmt ist? Die Companys haben die Türen für Newcomer längst verschlossen, es sei denn, das Privatfernsehen oder der Apres-Ski-Veranstalter ist längst im Boot. Die Indies setzen auf sichere Pferde, melden wahlweise Insolvenz an, oder lassen es einfach ganz bleiben.
Und dazwischen gibt’s nichts. Platte verschenken? Nö. Ist zwar immer wieder ein nettes Argument, von wegen Kulturgut, und im Mittelalter hat man ja auch einfach so Musik gemacht – aber mal ernsthaft: im Mittelalter hat Musikmachen auch kein Geld gekostet, höchstens Zeit. Zeit investier ich gerne, aber die Knete für die GEMA, das Equipment, die Produktion und die Pressung eines physikalischen Tonträgers, den ich ja leider pressen lassen muss, weil es genügend Menschen mit Schamhaaren gibt, die gegebenenfalls eine CD kaufen würden, sofern denn eine veröffentlicht würde, muss ich ja auch wieder reinbekommen.
Seit Tagen schlaflose Nächte. Weil man so nebenher ein neues Ding gestartet hat, plötzlich Gott und die Welt, liebe Menschen und hochgeachtete Produktionsgurus auftauchen, das Ding draussen auf CD, im Radio und sonstwo hören wollen, und ausgerechnet jetzt das ganze System spürbar anfängt, darunter zu leiden, dass es sich Jahrzehnte lang selbst gefickt hat.
Stellt sich mir also die Frage bei dem ganzen Gelächter über die Musik-Industrie: Hat eigentlich mal irgendjemand darüber nachgedacht, was mit den Künstlern ist? Ich mein, ok, das hat die Industrie auch nicht interessiert, aber die ganzen Experten, die sich im Moment darüber freuen, dass es endlich bergab geht, von denen würd ich dann schon mal gerne wissen, wie die sich das vorgestellt haben…