Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das bisschen Dampfablasserei eine so große Runde ziehen würde – innerhalb weniger Tage wird der Laden hier gespreebitched, gedahlmannt und vernerdcored. Das ist zwar schön nach der langen Pause, bringt mich dann aber letztlich doch in den eher verhassten Zugzwang, wieder öfter zu schreiben, was nicht so einfach geht, da Schreiben Zeit kostet, die ich nicht hab, weil ich ja bei myspace Leute adden muss.
Also passt es gerade gut, dass mir ein paar Kommentare und Meinungen zu dem eigentlich nur meine eigene Sichtweise betreffenden Text übel aufgestossen sind. Es schält sich nämlich zwischen einigen ganz klugen Sätzen eine Einstellung raus, die mir symptomatisch für die hiesige Musikkonsumentenlandschaft scheint (das Wort allein schon, bäh). Und die kann ich nach den paar Weinschorlen von eben nicht unkommentiert lassen.
Um meine Position noch mal klarzustellen: Ich hab es zwar nicht direkt behauptet, aber natürlich sehe ich mich als Künstler. Ich mache seit ca. 1992 Musik, hatte schon ein paar Veröffentlichungen im Elektronik-Genre (mitte der Neunziger), zuletzt auch im Indie-Bereich mit meiner eigentlichen Band, hab damals sogar für Fernsehsender und Ehehygiene-Hersteller grässliche Hintergrundmusik fabriziert, produziere heute nebenher noch andere Bands und Projekte, und habe dazwischen einen regulären Dayjob, der indirekt mit der Branche verbandelt ist. Warum? Weil mir schon ziemlich früh klar war, dass man, wenn man sich denn dazu entschliesst, den Dayjob Dayjob bleiben zu lassen um den kompletten Tagesablauf der “Kunst” zu widmen, nicht unbedingt stressfreier lebt. Und als zugegeben recht bequemes Individuum war mir genauso früh klar, dass ich den Streß nach Feierabend und an den Wochenenden zwar liebend gerne ertrage, weil er meine Passion ist, doch letztlich immer darauf bedacht sein werde, über “reguläre” Arbeit reguläre Einkünfte zu beziehen. Denn leere Kühlschränke kann ich nicht leiden - und das wird im Alter nicht besser.
Dieses eloquente Künstlergejammer, das ich da vor ein paar Tagen losgelassen habe, ist nicht aus der Motivation heraus entstanden, dass ich etwa mit fastmittedreissig immer noch den utopischen Traum hege, irgendwann ein “Superstar” oder “Megaseller” zu sein, der nach jedem Konzert zwischen blond, brünett und Bill Kaulitz-Lookalike wählen kann. Den Gedanken, so weit zu kommen, habe ich ehrlich gesagt nie gehabt.
Meine / unsere Maxime vor ein paar Jahren war mal, irgendwann mit Musik den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das war zu Zeiten, als es schon kaum möglich war, so weit zu denken. Und nach dem ersten großen Plattenvertrag, der aus Unerfahrenheit geplatzt ist, und meine Bandkollegen und mich äusserst desillusioniert zurück gelassen hat, ist diese Maxime mehr und mehr zur leisen Hoffnung verdampft. Ich bin mittlerweile, also ein paar Jahre später, sogar der Meinung, dass sich mit Musikmachen zumindest in Deutschland kein Lebensunterhalt erwirtschaften lässt. Die blöden Witze, die wir damals über erwerbslose Jazzmusiker in löchrigen Wollpullundern gerissen haben, treffen also heutzutage auch auf uns blasierte Popstrategen in H&M-Klamotten zu. Es sei denn, wir spielen in Partycoverbands, dann geht das wohl noch - zwar ohne blond, brünett und Bill Kaulitz-Lookalike, aber vielleicht mit der Friseurin next door.
Um also noch mal die Motivation hinter dem Text zu erläutern: Mir geht es nicht darum, mit meiner Musik furchtbar viel Geld zu verdienen, damit ich nicht mehr im Lidl einkaufen muss. Mir geht es auch nicht darum, Top 1 in den meiner Meinung nach per se für “relevante” Musik schon immer irgendwie bedeutungslosen Charts zu sein, oder etwa Herrn Raabs Skrotum mit Nivea einzuschmieren, damit ein paar Millionen mehr meinen Bandnamen kennen, aber meine Single dann doch nicht kaufen.
Mein Ansatz ist vielmehr der: Ich verbringe unzählige Stunden mit Musik, stecke da mein ganzes Herzblut, meine Liebe, mein Wissen und meine Lebenszeit rein, mache Dinge mit meinen Equipment, die andere Leute als pornographisch bezeichnen würden. Ich glaube an das, was ich da mache, denn sonst würde ich es ja nicht machen. Und ich möchte, dass das, was ich da mache, im adäquaten Rahmen veröffentlicht wird. Die Argumentation, die ich jetzt schon öfter gelesen habe, dass es doch gar nicht so sehr auf die Veröffentlichung ankäme, zieht in diesem Kontext nicht. Natürlich ist Kunst immer ein Stück weit Therapeutikum, aber wenn es nur darum ginge, gäbe es auch keine Ausstellungen, kein Radio und keine Bücher (und - ha, jetzt hab ich Dich erwischt - keine Weblogs!).
Und ja, man kann sich auch damit zufrieden geben, alle paar Monate auf eine Bühne zu stacksen, und immer den selben Leuten das selbe Livekonzert zu bieten - hab ich alles schon hinter mir, ist auch gut und schön und toll und total spaßig (und teuer und gesundheitsgefährdend), aber letztlich dann doch nicht die Motivation hinter dem Projekt, an dem ich zum Beispiel gerade seit Monaten fieberhaft werke und wirke. Die Annahme, ich bejammere den vielzitierten “Untergang der Musikindustrie”, weil mir dann Einkünfte, monitäre Erfolgsaussichten, Blowjobs und Autogrammstunden ausblieben, ist völlig daneben. Was ich bejammere - und das ist wirklich der Punkt, den der “Konsument” vielleicht gar nicht nachvollziehen kann, wenn er das Hintergrundwissen nicht hat - ist der Zusammenbruch von Strukturen, die mir als Künstler die Möglichkeit gegeben haben, Kunst so zu kanalisieren, dass sie die richtigen, bestenfalls sogar auch die, die noch nicht wissen, dass sie die richtigen sind, erreicht.
Ich rede hier nicht von Charterfolgen, sondern von der allgemeinen Präsenz. Das totkomprimierte mp3 auf Myspace und die 20.000 geaddeten Freunde geben mir zumindest hierzulande (noch) nicht die Möglichkeit einer Rezension im Deutschlandradio. Ich bin hier, so doof das klingt, immer noch auf alte Strukturen wie haufenweise Promo mit physikalischem Tonträger (der später ungeöffnet bei Ebay landet, alles schon erlebt), Labelcode, GVL-Anmeldung, Verlag, Bookingagentur, Management, etc. pp. angewiesen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Und ich habe hier sogar bei kleineren Firmen immer noch mit Menschen zu kämpfen, die Sätze sagen wie: “Der Chorus bei dem Song ist zu lang, die Textzeile geht überhaupt nicht, und die Fotos sollten etwas ‘unkünstlerischer’ sein, damit man Euch bei der Uni***** ordentlich präsentieren kann”.
Dass ich genau diese Strukturen natürlich hasse, und mich darüber freue, dass die Herren A&Rs, Produktmanager und Key-Accounter mit kurzfristiger Denke langfristig ihr Grab geschaufelt haben, geb ich ja offen zu. Aber - und jetzt kommt der Punkt, der zu meiner neuerlichen Jammerballade geführt hat - ich bin leider immer noch auf diese Strukturen angewiesen. Denn ich habe hier im Moment keine Alternative, wenn ich gerade eine Sache vollende, die mehr verdient, als nur das Myspace-Ding. Und seien wir mal ehrlich: Es gibt hier noch keine Webzwonull-Kultur. Last-FM-Scrobbelei, Hypemachine, Musikblogs, alles schön und gut, aber nicht hier. Wie lange hat es denn bitteschön gedauert, bis sich hier sowas wie eine Weblog-Kultur etabliert hat? Ich war doch dabei, ich hab sie doch damals noch alle wettern gehört, die antviller zum Beispiel, die sich drüber aufgeregt haben, dass es plötzlich Bücher (!) über Blogs gab. Und? So richtig hat’s doch immer noch nicht geknallt. Die Popblog-Geschichten hierzulande füttern sich unter’m Strich auch nur aus den Digg.com-Charts und wenn über Musik gebloggt wird, dann muss sie erst auf der anderen Seite des großen Teiches wundgehypt worden sein, damit überhaupt jemand drauf stösst. Und ich meine das gar nicht vorwurfsvoll, ich nehme das einfach als Gegeben hin, ich mach’s ja selber so. Warum sich hier im Netz bis jetzt noch keine Popkultur etablieren will, kann sicherlich jemand anders besser erklären, denn das ist nicht mein Thema.
Vielleicht hätte ich besagten Text anders betiteln sollen, damit klar wird, was ich meine. “Deutschlands musikalische Identität ist immer noch angloamerikanischer, als man glaubt”. Oder “Schafe trinken nie aus fliessenen Gewässern”. Oder so. Es ist eigentlich auch völlig egal, denn diese ganzen Feststellungen und Ratschläge und Ideen ändern nichts an der Problematik, um die es mir die ganze Zeit ging und geht und gehen wird, und aus der ich eigentlich keine große Diskussion machen wollte: Im Moment ist für das, was ich gerade in harter Arbeit für mich (und andere) mache trotz aller denkbaren, gefühlten und tatsächlich existenten Perspektiven keine Perspektive zu sehen – weil die Perspektiven entweder gerade zu Bruch gehen, oder lange noch nicht da sind.
Amen.
p.s. Und morgen gibt’s was über amerikanische Wecker und Phimose. Das Problemgewälze hier hält ja auf Dauer keiner aus. Bäh.